Verdis einzigartige und unverkennbare Ouvertüre von La forza del destino erklingt als verkürztes Preludio – direkt erwarten die Zuschauer auf dem schwarzen Bühnenvorhang auch schon schockierende Bilder: ein gehängter schwarzer Sklave, rassistische Propagandafilme, Mitglieder des Ku-Klux-Klan mit brennenden Fackeln, Bilder von Rassentheorien, usw. Es sind Bilder, die erschrecken und schockieren. So schockierend diese Bilder auch sein mögen, sie sind vor allem eins: wahr! Sie sind Zeugnisse einer Nation, die auf institutionalisiertem Rassismus, Gewalt und Unterdrückung von Minderheiten aufgebaut wurde und auch heute noch mit eben diesen Problemen zu kämpfen hat. Regisseur Tobias Kratzer nimmt den Zuschauer in seiner Lesart von Verdis Oper auf eine Reise durch die Geschichte der USA und zeichnet dabei ein ebenso schockierendes wie schonungsloses Portrait der amerikanischen Gesellschaft.

<i>La forza del destino</i> © Monika Rittershaus
La forza del destino
© Monika Rittershaus

Den Ausgangspunkt der Oper verlegt Kratzer ins Amerika des Sezessionskrieges der 1860er Jahre; eine Zeit, die geprägt ist von Aufruhr und Veränderung: die Abschaffung der Sklaverei durch Präsident Abraham Lincoln und der damit verbundene und letztlich kriegsauslösende Widerstand der Südstaaten, die Gründung der Konföderierten Staaten von Amerika und das Aufkeimen des Ku-Klux-Klans.

Der Handlungsort des ersten Bildes ist das Anwesen des Marchese von Calatrava – in der Frankfurter Produktion ein wohlhabender Plantagenbesitzer oder gar Sklavenhändler. Durch Dopplung des Geschehens auf der Bühne mit der dahinter befindlichen Leinwand verfolgt man zwei Versionen der Geschichte zeitgleich. Die eigens für die Produktion gedrehten eindrucksvollen Videos von Manuel Braun leiten in die zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte ein.

Franz-Josef Selig (Padre Guardiano) und Michelle Bradley (Donna Leonora) © Monika Rittershaus
Franz-Josef Selig (Padre Guardiano) und Michelle Bradley (Donna Leonora)
© Monika Rittershaus

Während auf der Leinwand die Liebesgeschichte zwischen der weißen, privilegierten Tochter des Marchese und einem schwarzen Sklaven erzählt wird, ist die Ausgangssituation auf der Bühne genau anders herum. Die Tatsache, dass die amerikanische Sopranistin Michelle Bradley dunkelhäutig ist und der armenische Tenor Hovhannes Ayvazyan weiß, gerade umgekehrt des Libretto, löst Kratzer durch diese parallele Handlungsdarstellung. Gleichzeitig hinterfragt dieses stilistische Mittel vorhandene Machtstrukturen und Vorurteile. Es entsteht die Frage, welche der beiden überlagerten Handlungsstränge wahr und real sind. Oder kreiert diese Überblendung gar eine weitere Realität?

Michelle Bradley als Leonora war der unangefochtene Star des Abends. Ihre Stimme schien keine Grenzen oder Einschränkungen zu kennen. Ihre Höhen sang sie mühelos und beeindruckte mit einer leidenschaftlichen und warmen Stimme. In den tiefen Lagen dagegen wartete sie mit ungeahnt dunklen Stimmfarben auf und demonstrierte so ihre Vielseitigkeit. Don Alvaro, gesungen von Hovhannes Ayvazyan, bestach mit einer angenehm dunklen und markanten Stimmfärbung und war ihr in seiner Ausdruckskraft ein ebenbürtiges Gegenüber.

Franz-Josef Selig, Michelle Bradley, H. Ayvazyan (Don Alvaro); Film: Thesele Kemane (Don Alvaro) © Monika Rittershaus
Franz-Josef Selig, Michelle Bradley, H. Ayvazyan (Don Alvaro); Film: Thesele Kemane (Don Alvaro)
© Monika Rittershaus

Die episodenhaften Anekdoten, die die Oper durchziehen und die Haupthandlung unterbrechen, macht sich Kratzer zu Nutze, um weiter durch die Geschichte Amerikas zu führen. Die von Verdi ursprünglich in ein Wirtshaus verlagerte Szene wandelt er in eine Art Rekrutierungs-Show um. Die jungen Soldaten trinken reichlich und schaukeln sich in Kriegsstimmung gegen Abraham Lincoln hoch und Preziosilla stimmt zu einer Kampfansage gegen die Feinde an, um Soldaten zu werben, während hinter ihr die Flagge der Konföderierten Staaten prangt. Geradezu meisterhaft zog Tanja Ariane Baumgartner die Männer mit ihrer Stimme in den Bann und spielte ihrer Rolle mit fast schon erschreckender Überzeugung.

Leonora, von Don Alvaro auf der Flucht getrennt und unwissend über seinen Verbleib, flüchtet in die Abgeschiedenheit des Klosters. In ihrer Verzweiflung bittet sie den Prior Padre Guardiano um Obdach. Der Bass Franz-Josef Selig porträtierte die Rolle des Padres mit sowohl stimmlicher und darstellerischer Souveränität und Gänsehaut erzeugender Autorität. Als die Brüder des Ordens plötzlich den Raum mit weißen Kutten, spitzen Hüten betreten und ein Kreuz anzünden, muss Leonora erschreckend feststellen, dass sie hier nicht den erhofften Schutz finden wird. Der Prior schwört seine Mitbrüder darauf ein, “Leonora bei ihrem Reinigungsprozess zu unterstützen“. Mit diesen treffenden Worten beschreibt Tobias Kratzer die Szene und findet in seiner direkten Bildsprache ebenso plakative, wie passende und aufwühlende Bilder.

Bühne: Michelle Bradley (Donna Leonora); Film: Laura Tashina (Donna Leonora) © Monika Rittershaus
Bühne: Michelle Bradley (Donna Leonora); Film: Laura Tashina (Donna Leonora)
© Monika Rittershaus

Während Leonora sich ihrem Schicksal ergibt, finden sich die Todfeinde Don Alvaro und Don Carlo di Vargas inmitten des Vietnamkriegs wieder. Als Carlo Alvaros wahre Identität erkennt, beginnt der Kampf aufs Blut, bei dem Alvaro glaubt, Carlo getötet zu haben. Christopher Maltman überzeugte mit seiner ausdrucksstarken und kräftigen Stimme. Darstellerisch kaufte man ihm die Rolle des von Hass zerfressenen Don Carlo di Vargas sofort ab, ebenso überzeugend wie bedrohlich war seine Bühnenpräsenz.

Als Alvaro und Carlo durch Zufall Leonora aufspüren, kommt es schließlich zu einem blutigen Ende. Hier kommt auch wieder die bereits zu Beginn der Oper eingesetzte Dopplung auf Bühne und Leinwand zum Einsatz. Kratzer findet hier wieder prägnante Bilder, um brisante Themen der Obama- und Trump-Regierungen, wie die zunehmende Polizeigewalt und Massenproteste gegen Gewalt gegenüber Schwarzen in den USA, zu thematisieren.

Tanja Ariane Baumgartner (Preziosilla) © Monika Rittershaus
Tanja Ariane Baumgartner (Preziosilla)
© Monika Rittershaus

In der Frankfurter Produktion entschied man sich für die selten aufgeführte St. Petersburger Version von 1862. Das Dirigat von Jader Bignamini war feingliedrig und strukturiert. Das Frankfurter Opernorchester bescherte einen überaus gut aufgelegten Verdi-Klang. Sie spielten präzise, aber dennoch aufregend. Der Chor und Extrachor schlossen sich dem hohen Niveau des Orchesters an.

Die zentrale Frage in Kratzers Inszenierung bleibt: Ist unser aller Schicksal vorherbestimmt oder können wir es beeinflussen? Der unbeabsichtigt fallende Schuss, der den Marchese tödlich trifft, impliziert, dass der beteiligten Schicksal prädestiniert und unabwendbar ist. Doch ist der Schuss wirklich vorbestimmt oder vielmehr Resultat viele Jahre lang bestehender und tief verwurzelter Feindseligkeiten, Rassismus und systematisierter Unterdrückung? Die Oper hinterfragt die Einflussnahme des Menschen auf sein eigenes Leben. Er bietet keine vorgefertigten Lösungen, sondern will das Publikum vielmehr zum Nachdenken anregen und Reflexionsmomente schaffen.

Tobias Kratzers Produktion konzentriert sich vorrangig auf den strukturellen Rassismus der amerikanischen Gesellschaft, man sollte aber nicht vergessen, dass derartige Probleme auch in Europa und Deutschland allgegenwärtig sind. Dass der Tag der Premiere ausgerechnet auf den internationalen Holocaustgedenktag am 27. Januar fiel mag da kein Zufall sein.

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