Wer wollte, der konnte den finalen Enstehungsprozess des neuen Albums vom Ensemble Holland Baroque um die Zwillingsschwestern Judith und Tineke Steenbrink trotz oder gerade wegen Corona ein Stück weit mitverfolgen. Im August war es möglich, sich im Stream die CD-Aufnahmesitzungen zu Telemann Polonoise mit der eingeladenen (nach der Überlieferung Telemanns passend „schrillen“) ersten Violine von Aisslinn Nosky sowie zwei polnischen Kollegen im musikalischen Siebener-Team in Arnhem anzuschauen, deren Ergebnis knapp vier Monate später im Handel erschien. Für das Programm hatten die beiden Leiterinnen ausgehend von Telemanns Rostocker Manuskript Danse d'Polonie, in das sie bereits mit der Produktion Barabric Beauty gelinst hatten, wieder die Arrangements eingerichtet, um weitere und etwas später recycelte Tanzsätze der TWV 55-Suiten einzuspielen. Nun stand das Konzert im heimischen Utrecht an, mit dem es tänzerisch in das neue Jahr und zu den osteuropäischen Impressionen des Barockkomponisten ging, die bunter nicht sein könnten. Telemann selbst schrieb ja schon: „Nun bringt ein Polnisch Lied die gantze Welt zum springen“.

Holland Baroque mit Aisslinn Nosky
© Wouter Jansen

Und wo konnte man Land und Leute am besten kennenlernen? Natürlich im Wirtshaus, das Telemann auch später noch ein großer Quell der Inspiration war. 1705 und 1706 in Sorau engagiert, war Telemann fasziniert von den Einfällen und Improvisationen der Brauchtumsmusiker, die wie ihre Irish Pub Fiddlers im Westen Europas mit ihren charakteristischen folkloristisch-idiomatischen Klängen die Trink-, Dorf- und Reisegemeinschaft unterhielten. Ziemlich gemütlich und vom Feierabend beseelt trottete Holland Baroque da einleitend gen Kneipe, aus der mit den drei ausgewählten geschmeidigen, erhaben-stolzen und zärtlichen Polonesién bereits kleine deftige Portionen der liedlichen Hausmannskost auf die Sinnesorgane trafen. Dem Einfinden folgte durch das Allegro, TWV 43:B2 eine elegante und süffisante Einstimmung auf die fabelhafte Unterhaltung des Abends, die – nach Platznahme in der schnuckelig-geschäftigen Lokalität – die wilde, von Cembalo-Brausern angeheizte Tourbillon bereithielt.

Wie sehr man mit der Musik auch im Sitzen, Schunkeln und Tanzen die prägende Natur und Seele entdeckte, zeigten die weiteren, abgesetzten Angebote der Karte. Da ging es in der nächsten Polonoise-Suite mit spannender Attitüde und großer dynamischer wie artikulierter Abwechslung vom feinen, lichten Grün der Bäume in das Dunklere, Kühlere der Nacht und Weite, um dort einen gedankenvollen, leicht melancholischen Spaziergang der Stille zu machen. Doch ehe man zu verträumt im Schwelgen versackte, holte einen die hochprozentige Gypsy-Klausen-Sause des achtzehnten Tanzes aus besagtem Rostocker Manuskript in das Hier und Jetzt, in dem verschmitzt und nach neuem (sowohl alkoholischem als auch kundschaftlichem) Zulauf den herrlich modulierten, leierlichen Ausfällen beim Vortrag des volkstümlichen Singguts gefrönt wurde. Mit dem Polnischen Konzert in B-Dur zog Holland Baroque schließlich geradezu in die lustige, lockere, gut unterhaltende zünftige Stube, wo frei, auch umschlagend bedrückend, von der Leber weggespielt wurde, nur um dieser bei solch animierenden, tröstenden Klängen wieder etwas zu tun zu geben.

Mitreißend gestärkt drifteten wir in der Partie Polonois, TWV 39 vom vermeintlich starren bürgerlichen Ernst vollends in den anstiftenden Ulk, als vor der Türe noch kleine Flöckchen oder Tröpfchen rieselten. Lässig und ruhig-verschaukelnd ließ Telemann – ganz unbeeindruckt vom Treiben draußen – an einer kleinen Prügelei teilhaben. Der unnützen raufbolderischen Trunkenheit besonn man sich letztlich mit dem Zweiten Polnischen Konzert in G-Dur, in dem der andächtige, mitunter religiös-sittsame Sonntagsspaziergang durch die Felder und Flure anstand, die sich lieblich duftend vor den schon ziemlich klaren Augen entfalteten. Nach weiterer Durchlüftung und Beichte sputete und sprang der geneigte Mitfühler mit einem Trällern über Stock und Stein bis in die südlicheren Gefilde der Hanaken, die erst noch ihre müden Glieder zum Erwecken bringen mussten, um danach umso ausgelassener ihre Beine zum Stampfen und Tanzen aufzuschwingen. Letztlich war Judith Steenbrink vom Geiste Telemanns Überraschungen und Feuerbowlen der Hanasky-Wirbelei so angetan, ihnen noch eine eigene, schroffe, gar mit arabischen Farben gesprenkelte Komposition The devil a violin beizufügen. Was für ein Spaß!

Die Vorstellung wurde vom Stream von Holland Baroque rezensiert.

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