Die Zeit macht vor nichts und niemandem Halt – nicht einmal vor Inszenierungen, die Teile des Publikums am liebsten unter Denkmalschutz gestellt hätten. Und so durfte Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper nun gehörig an der Uhr drehen und mit seiner Neuinszenierung von Richard Strauss‘ Rosenkavalier eine neue Ära einläuten. Wie bei Kosky nicht anders zu erwarten war, bietet der Abend eine temporeiche Show und optische Opulenz; allzu ausgefallene Mätzchen oder radikale Neudeutungen bleiben aus, lediglich ein omnipräsenter, gealterter Amor wurde der Handlung angedichtet.

Marlis Petersen (Feldmarschallin), Christof Fischesser (Baron Ochs) und Samantha Hankey (Octavian)
© Wilfried Hösl

Der Regisseur erzählt dabei jeden der drei Akte aus der Perspektive einer anderen Figur – eine spannende Idee, die letztlich aber damit zu kämpfen hat, dass weder Octavian noch Sophie sonderlich viel Tiefgang zu bieten haben. Deswegen plätschert der zweite Akt als jugendlicher Mädchenwunschtraum – kitschige Disney-Kutsche und Märchenprinz inklusive – dahin und der dritte Akt wirkt zuweilen gar bemüht lustig. Das stärkste Drittel der Inszenierung bleibt daher der erste Akt, in dem in die Seelenwelt der Marschallin eingetaucht wird.

Samantha Hankey (Octavian) und Katharina Konradi (Sophie)
© Wilfried Hösl

Nun mag der überragende Eindruck des ersten Akts auch daran gelegen haben, dass er von Marlis Petersen als Marie-Theres Fürstin Werdenberg getragen wurde. Ihr Sopran floss durch die Partie wie ein gut gemixter Bellini – mit der richtigen Mischung aus süßer Schwere, prickelnder Leichtigkeit und purem Genuss. Die Stimme entschwebte in himmlische Sphären und drang in seelische Abgründe vor, bot Nonchalance im Parlando und zeichnete einen vielschichtigen Charakter. Petersen verlieh jeder gesungenen Silbe Bedeutung – etwa mit einem wehmütigen Akzent auf „silberne Ros‘n“ im ersten Akt, dem gekränkten „In Gottes Namen“, als sich Sophie und Octavian in die Arme fallen oder auch dem finalen „Ja ja“, in dem schon das Wissen mitzuschwingen schien, dass die nächste Eroberung nicht lange auf sich warten lassen wird. Was nicht in Worten gesagt werden konnte, verdeutlichte die Sopranistin durch ihre differenzierte Darstellung; in Kombination mit Koskys Regie sorgte sie dadurch auch für das stärkste Bild des Abends: in einem Glitzerkleid, alleine und nachdenklich auf dem Pendel einer Uhr sitzend – schöner kann die Vergänglichkeit allen Seins wohl nicht thematisiert werden.

Marlis Petersen (Feldmarschallin)
© Wilfried Hösl

Samantha Hankey durfte als Octavian die Fluidität des Gender-Konzepts überzeugend vor Augen führen und machte sowohl als vornehmer Graf wie auch als vermeintliche Kammerzofe gute Figur. Ihr Mezzosopran verfügt über eine leichte Höhe und eine plüschige Tiefe, die Stimme wird ebenmäßig geführt und die nahezu perfekte deutsche Aussprache war ebenfalls ein Pluspunkt. Allerdings ließ sie Farben und Emotionen in der Gestaltung vermissen, egal ob im verliebten Taumel des ersten Akts, bei der Präsentation der Rose oder im finalen Trio – der Ausdruck war der gleiche und so blieb dieser Quinquin nur einer unter vielen. Die Sophie wurde von Katharina Konradi mit kristallklaren Spitzentönen, eleganten Bögen und feiner Phrasierung gesungen; ihr Sopran verfügt an sich über eine warme Mittellage, die vokale Gestaltung blieb dennoch kühl. Schauspielerisch gelang es ihr leider nicht, allzu viel aus der Figur herauszuholen und auch das Zusammenspiel mit Hankeys Octavian blieb distanziert.

Samantha Hankey (Octavian) und Marlis Petersen (Feldmarschallin)
© Wilfried Hösl

Würde er noch das authentische Meidlinger „L“ beherrschen und in der Darstellung etwas mehr Wiener Grant durchblitzen lassen, wäre Christof Fischesser ein rundum idealer Ochs, denn gesanglich ist er es durchaus. Sein Bass strömte in allen Lagen ebenmäßig durch die Partie, sowohl die polternden Passagen als auch sanfte Schmeicheleien gestaltete er differenziert und reich an Klangfarben. Gut besetzt und in bester Spiellaune waren an diesem Abend auch die Sänger der kleineren Partien: Galeano Salas versprühte als italienischer Sänger mit hellem Tenor Italianità-Funken; Wolfgang Aiblinger-Sperrhacke und Ursula Hesse von den Steinen intrigierten sich mit gutem komödiantischem Timing als Valzacchi und Annina durch den Abend und als Herr von Faninal war Johannes Martin Kränzle mit seinem kultiviert geführten, differenziert schimmernden Bariton eine echte Luxusbesetzung.

Ursula Hesse von den Steinen (Annina) und Christof Fischesser (Baron Ochs)
© Wilfried Hösl

Nicht so recht warm wurde ich mit der reduzierten Orchesterfassung von Eberhard Kloke, die zum Einsatz kam, um die pandemiebedingten Vorschriften des Social Distancing erfüllen zu können. In dieser Bearbeitung klingt das Werk, zumindest für meinen Geschmack, zu wenig nostalgisch, süßlich, walzerselig; hinzu kam, dass Dirigent Vladimir Jurowski seinen Strauss sehr trocken anlegte und dem Bayerischen Staatsorchester nur selten schwelgerische Momente zugestand, und die Musiker vor allem mit straffen Tempi und allzu klaren Linien durch den Abend lotste. Dabei erklang technisch alles einwandfrei, aber Gefühl wollte nie so recht mitschwingen. Ein Problem, das wohl der Übertragung bzw. der Platzierung der Mikrofone geschuldet sein dürfte, lag in der mangelnden Balance zwischen Graben und Bühne im Stream – in einigen Szenen ging der Orchesterklang gegenüber den Stimmen regelrecht unter. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass für diese Inszenierung bald der Tag kommt, an dem sie mit komplettem Orchester, mit etwas mehr musikalischem Schwelgen und vor vollen Zuschauerrängen ihre zweite Premiere feiern darf!


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Bayerischen Staatsoper rezensiert.

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