Ein Wollknäuel bringt in dieser Inszenierung von Il Signor Bruschino alles ins Rollen, und das buchstäblich. Während der Ouvertüre, die Dirigent Antonino Fogliani wie alles in dieser kurzen Oper mit dem klein besetzten Orchester spritzig, keck und mit herrlichen Akzenten musiziert, läuft auf einer Leinwand in einem Stummfilm nach Art der 20er Jahre die Vorgeschichte ab, in der sich Sofia und Florville begegnen und unsterblich ineinander verlieben. Das Wollknäuel fällt Sofia zu Boden, rollt und rollt – über den Boden, die Treppe hinunter in die Kellerräume eines großen Opernhauses. Regisseur Marcus H. Rosenmüller bespielt auf diese Weise das ganze Münchner Nationaltheater und verlegt die Handlung deshalb auch in ein Opernhaus, ein besonderes zumal, das Teatro San Moisè in Venedig, in dem 1813 diese kleine Oper von Rossini uraufgeführt wurde.

Josh Lovell (Florville) und Emily Pogorelc (Sofia)
© Wilfried Hösl

Gaudenzio ist in diesem Fall der Theaterimpresario, der mit Geldproblemen wegen Brandschutzmaßnahmen zu kämpfen hat und deshalb das Geld des alten Signor Bruschino gut gebrauchen kann, das dieser herausrücken will, wenn Gaudenzios Mündel Sofia seinen Sohn heiratet. Doch die verliebt sich eben in den jungen Florville, den Feuerwehrmann in dem Theater, vor dessen Füße das Wollknäuel rollt und der beim Aufwickeln des Wollfadens unmittelbar vor dem Gesicht der anmutigen Sofia landet, in das er gebannt durch seine Pennälerbrille blickt. Schon dieser Film zeigt die immense komödiantische Begabung von Emily Pogorelc und Josh Lovell, die dazuhin perfekten Rossinigesang liefern: er mit feinem lyrischem Tenor, sie mit herrlich leichtem Sopran, der auch zu hochdramatischen Ausbrüchen fähig ist und vor allem die halsbrecherischen Koloraturen meistert, die freilich auch Lovell locker von der Kehle gehen.

Misha Kiria (Gaudenzio)
© Wilfried Hösl
pbl
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Das Wollknäuel ist gewissermaßen der rote Faden in dieser Komödie, es geistert durch alle Szenen, vor allem schwebt es immer wieder im Stummfilm durch den Raum, der die ganze Zeit über auf der Leinwand flimmert, wie es eben ein alter Stummfilm tut. Mal geistert das Knäuel über einen Himmel, an dem dichte Wolken aufziehen, wenn Gefahr für die junge Liebe droht, und der mit blitzenden Sternen erstrahlt, wenn die Sterne es mit den beiden eben gut meinen. Und mit einem Wollfaden umgarnt Sofia buchstäblich den alten Bruschino, damit er seinen Grimm gegen seinen Sohn aufgibt. Allein wie Paolo Bordogna in dieser Szene immer hilfloser auf Sofias Reize reagiert, ist ein mimisches Kabinettstück, und wenn er, von den beiden Liebenden genarrt und gefoppt, nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, dann erfüllt seine mächtige Bassstimme den Raum mit (gespielt komischen) verzweifelten Tönen.

Emily Pogorelc (Sofia), Misha Kiria (Gaudenzio) und Josh Lovell (Florville)
© Wilfried Hösl

Regisseur Rosenmüller weiß alle Register der Komödiantik zu ziehen, obwohl er sich coronabedingt einschränken musste. Das kleine Orchester nimmt den größten Teil der Bühne ein, gespielt wird auf der Vorderbühne, doch weil das Ganze ja in einem Opernhaus steht, kann mit wenigen Requisiten in Windeseile die Szene gewechselt werden. Rosenmüller lässt die fünfzehn Szenen dieser Oper rasant abspulen wie in einem Film. Es gibt keinerlei Pausen wegen Szenenwechseln, alles geht mit geradezu filmischem Schnitt ineinander über. Und so gelang ihm das Kunststück, dass man sich hier ausnahmsweise fragt, ob die Videoübertragung der Oper in diesem Fall nicht sogar die ideale Präsentationsform ist, denn hier stört kein Applaus den rasanten Handlungsablauf.

Paolo Bordogna (Bruschino) und Misha Kiria (Gaudenzio)
© Wilfried Hösl

Rosenmüller bezieht diese Filmästhetik in seine ganze Inszenierung ein. Alles ist in Schwarzweißtönen gehalten wie eben in einem Stummfilm. Selbst die Gesichter wirken grau dank raffinierter Beleuchtung. So entstand ein Paradoxon: Rossinis Farsa, die gern grellbunt auf die Bühne gebracht wird, hat hier die Anmutung eines schwarzweißen Stummfilms, der nur eben auch die herrlich musizierte Musik von Rossini zu Gehör bringt, es ist gewissermaßen ein Stummfilm mit obligatem Opernsound vom Feinsten, geistreich wie die Musik Rossinis inszeniert, eine Kurzweil ohne eine lange Sekunde, ein Ohrenschmaus und ein Sehvergnügen – ein kongenialer Szenenentwurf zur Musik.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Bayerischen Staatsoper rezensiert.

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