Zwar bildete London zu Georg Friedrich Händels Zeiten eine konkurrenzbeäugte Schlangengrube der Oper, doch war nach wie vor der Usus der Komponisten anzutreffen, fleißig untereinander künstlerisch-professionell geschätztes und in Europa erfolgreiches Material der anderen für eigene Pasticci zwecks gewünschter Monetarisierung und Spielplanbefüllung zu verwenden. So auch Händel, der sich der großen Geminiano Giacomelli und Nicola Antonio Porpora bediente, um den bearbeiteten Stoff Lucio Papirio dittatore, einst von Apostolo Zeno librettiert und Antonio Caldara musikalisch premiert, 1732 – als Flopp entpuppend – zur Aufführung zu bringen. Leo Duartes Ensemble Opera Settecento, das sich auf diese Zusammenschnitte spezialisiert hat und deshalb in historischer Gesamtschau und Würdigung Händels Schaffens mittlerweile ständiger Gast bei den Händel-Festspielen Halle ist, nahm Auszüge des Werks für die Digitalausgabe des Festivals ohne Rezitative, und damit einem Ansatz der schon damalig angestrebten Opernrettung, auf.

Opera Settecento
© Händel-Festspiele Halle

Darüber hinaus ist die Handlung über die Geschichte des titelgebenden streng-arbeitssamen, religiösen, soldatisch-siegenden Wahldiktators allein in seiner Übersichtlich- und Griffigkeit bereits ziemlich zuvorkommend. Lucio Papirio trägt nämlich seinem Schwiegersohn Quinto Fabio das Kommando über die Armee gegen die Samniter mit dem Befehl an, die Schlacht solange nicht weiterzuführen, bis er vom eingeholten Beistand der Götter aus Rom zurückkehrt. Den Befehl natürlich missachtend, wenngleich den Krieg gewinnend, verurteilt der Feldherr seinen Stellvertreter zum Tode, wovon er durch Bitten der Familie, der Truppen und des Volks in urteilsrevidierender wie gesichtswahrender Anfälligkeit von „Rechtschaffenheit“ selbstverständlich ruhmreich ablässt. Um den operalen Aspekt der Liebesverstrickung nicht unerwähnt zu lassen, gesellen sich zu diesem dadurch verlängernden, in Wahrheit erst verkomplizierten Strang der Auseinandersetzung die Probleme Quintos Vater mit Tochter Rutilia, die sich den Anwerbungsversuchen des hochrangigen Volkstribuns Servilio erwehren muss, der wiederum durch dessen Gefühle Lucio eigentlich in die Irre führt.

Zu dieser durch einen gefälschten Schuldspruch hervorgerufenen Verirrung als Ausdruck der Rache eines geknickten Korbempfängers sah sich Servilio jedenfalls genötigt, nachdem er sich mit dem Kalkül des doch zu liebenden Retter-Rittertums in „Sorge dal monte“ bemühte, bei Rutilia zu landen. Dabei ging zumindest jedem Gesangslehrer und -liebhaber das Herz auf, wenn man Jess Dandys bewundernswerter Stimmorganlockerheit und tiefer Färbung lauschte, mit der sie nicht nur einen barocken Hit famos beeinflussen oder sonstiges Ariengut formidabel aufbacken kann, sondern in die sie durch Akzente, größte Geschmeidigkeit und Wendigkeit das ernst-gespielte, chancenausrechnende Mitgefühl bei der Angebeteten legte. Die an zwei Fronten kämpfende Auserkorene ließ sich davon natürlich nicht linken und schüttelte den Ansinnenden mit erboster Anwiderung genauso ins Gewissen redend ab, wie sie durch Helen Charlstons patent, weise und wandelnd phrasierten, dunklen Mezzos Lucio bat, ihren Bruder zu begnadigen.

Eine ebensolche starke Frau wie Rutilia ist die politisch klug agierende Papiria, die nach außen ihren Vater stützt, nach innen allerdings ihrem Mann zur Seite steht, indem sie sich dessen Sicht des Ehrverlusts für ihr Verhältnis absolut gar nicht zu eigen macht. Jennifer France lieh ihr in vermeintlich unterschätzender Art eine kindlich-zarte, auch spitzer-schrillere und dann durch strengeres Vibrato angereicherte Sopranstimme, um mit bewusst eingesetzten, bezirzend weicheren Zügen den Versuch zu unternehmen, ihren Vater in der Anwendung des Gerichtsjuryverfahrens und letztlich generell zu bekehren, sowie die geglückte Mission zu unterlegen, ihren Gemahl bei sich und am späteren unbefleckten Leben zu halten. Der ihr rührselig verfallende Quinto appellierte an seine Situation mit der kraft- und gefühlvollen, wohltimbrierten und eleganten Countertenor-Tonlage eines James Hall, der in geschickt gewählten Bezeugungs- und Verteidigungsplädoyers eines als aufrecht sterben wollenden Soldaten vor den Truppen, der Öffentlichkeit und bei mir punktete.

Wenn natürlich nicht den Bass, so hatte Quinto die hervorzuhebenden Stimmbandtalente offensichtlich von seinem Vater geerbt, als Frederick Long in dieser sich aufgebracht um die Kinder und die Namensehre sorgenden Figur die weiche, bewegliche und perfekt auf die darmbesaiteten Instrumente abgestimmte Genetik seines singenden Körperteils zum Vorschein brachte. Von so viel Fähigkeiten und Interessen umgeben, erschien der große Diktator in Ruairi Bowens anfänglich unglücklich unsauberen, in zweiter Arie insgesamt besseren, wenn auch durch vermehrt tieferes Register manchmal schleppend, unwohl verkörperten Darbietung wie der düpierte Exekutivchef, der für Gerissenheit und Menschlichkeit etwas zu unergiebig schwächlich wirkte.

In seinen angewinkelten Armen ähnlich eines Hochseilakrobaten, Ruderers oder Beschwörers einer Zauberkugel immer mit einem wenigstens imaginären Gegenstand vor der Brust auch in Dirigentenfunktion als Oboist zu erkennen, leitete der oberkörpertänzelnde, kollegiales Vertrauen und Überzeugung generierende und genießende Duarte Leo sein minimalbesetztes – und damit zwangsläufig im Verhältnis zu den Sängern hervorragend ausbalanciertes – Orchester Opera Settecento mit dem Temperament und Stolz der Entdeckerfreude. Mit Konzertmeisterin Julia Kuhn an der Spitze (und in der Aussteuerung Jan Zahourek an der Violone grosso zudem präsent) bestach das Ensemble dadurch mit einem knackigen, strahlenden, fließenden und fundierten Klangbild, das farbig und stimmungsvermittelnd gestochen scharf diese neuzeitliche, gekürzte und schließlich von Erfolg gekrönte Pasticcio-Premiere erschloss.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Händel-Festspiele Halle rezensiert.

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