„Eine Frau ist nie mit der Arbeit fertig“ – so lautet eine alte, englische Redewendung, die betont, dass Frauen, und vor allem verheiratete Frauen, unzählige Dinge im Hintergrund ihres Alltagslebens zu erledigen haben. In der Erstaufführung von Hector Berlioz‘ Béatrice et Bénédict der Oper Köln ist diese Arbeit buchstäblich im Hintergrund: eine Frau hängt unzählige weiße Kleidungsstücke auf eine Leine, als die Hauptfiguren melodiös über Liebe und Ehe streiten. Es ist eines der vielen kleinen Details dieser amüsanten und musikalisch beeindruckenden Vorstellung. Sie bietet Lebhaftigkeit und ein filmisches Gefühl, aber auch sozialen Kommentar, was dazu führt, dass diese Komödie auch ein bisschen Tiefe mit sich bringt.

Chor der Oper Köln
© Hans-Jörg Michel

Berlioz war ein großer Fan von Shakespeare, und er basierte seine Oper Béatrice et Bénédict (1862), deren Musik und Libretto er selbst schrieb, auf des Dichters Komödie Viel Lärm um nichts. Berlioz reduzierte die Handlung auf die zwei Protagonisten des Titels, die einander ständig necken und verspotten, aber dabei Spaß haben. Die beiden lehnen den Ehestand ab, darum hecken die Leute um sie herum Pläne aus, wodurch die beiden von der Liebe des anderen erfahren können. Das Ziel: Béatrice und Bénédict zur Heirat zu führen.

Die Spannung zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und zwei unabhängigen, andersdenkenden Individuen wurde farbenfroh und lebendig auf die Kölner Bühne gebracht. Vielleicht, weil die Regisseurin Jean Renshaw, die auch die Dialogfassung gestaltete, ihre Bühnenkarriere als Tänzerin und Choreografin begann, besaß diese Inszenierung so viele Elemente organischer Bewegung und Aktion. Eine Frau versuchte mit aller Kraft, ihren betrunkenen Mann von der Straße hochzuziehen. Ein gut gezielter Tritt in Hintern eines Mannes brachte diesen zum Stolpern. Ein Jugendlicher machte während einer Dorfchorprobe deutlich, dass er dringend aufs Klo musste, kam dann, sich die Hände mit Zeitungsschnipseln abwischend, wieder zurück.

Paul Appleby (Bénédict) und Isabelle Druet (Béatrice)
© Hans-Jörg Michel

Die Handlung ist – wie bei Shakespeare – in einem italienischen Dorf verortet, spielt sich aber in den 40er- oder 50er-Jahren ab. Die geneigte Bühne von Christof Cremer (auch für die bunten, zeitgenössischen Kostüme zuständig) war kreativ mit Fenstern im Boden ausgestattet, aus denen Leute auftauchten, um zu streiten, zu beobachten oder zu lauschen – im Dorf hört fast immer jemand zu. Auch Bénédict schaut aus einem heraus, als er mitbekommt, dass Béatrice ihn angeblich liebt.

Sowohl Bénédict als auch Béatrice wurden von Tenor Paul Appleby und Mezzosopran Isabelle Druet superb gesungen. Die beiden passten mit ihren starken, aber hellen Timbres perfekt zusammen. Appleby sprudelte Komik und Verachtung in „Me marier? Dieu me pardonne!“ und war mit weit aufgerissenen Augen glaubwürdig verliebt in einem entzückenden „Ah! Je vais l'aimer.“ Es fehlte ihm aber im ersten Duett mit Béatrice, „Comment le dédain pourrait-il mourir?“, der Genuss am spitzen Wortwechsel, der eigentlich ein wichtiger Teil ihrer gegenseitigen – wenn auch noch nicht entdeckten – Liebe ist.

Jenny Daviet (Héro) und Isabelle Druet (Béatrice)
© Hans-Jörg Michel

Ihrerseits funkelte Druet mit Lust am sportlichen Spotten. Sie ist eine hervorragende Darstellerin und war emotional in jedem Moment präsent. Ihr „Il m'en souvient“ war makellos gesungen; sie strahlte Aufrichtigkeit aus, und dank ihres nuancierten Schauspiels gab sie nie ein Gegensatz zu ihrer noch zu überwindenden Skepsis der Ehe gegenüber.

Renshaws Inszenierung sorgte für einen komischen sowie erhellenden Moment der sozialen Kritik während der Hochzeit, als Béatrice und ihre Cousine Héro gleich nach ihrer Vermählung Bügelbretter und Putzgegenstände in den Händen gedrückt bekommen haben. Sopran Jenny Daviet war eine forsche Héro, aber sie glänzte am meisten in den intimeren, verletzlicheren Momenten, vor allem in „Nuit paisible et sereine“ mit Ursule (reich gesungen von Lotte Verstaen). Manchmal ging Daviet in der mittleren Lage fast unter, aber ihre höheren Töne waren kraftvoll, pur und klar.  

Jenny Daviet (Héro) und Sébastien Dutrieux (Léonato)
© Hans-Jörg Michel

Leider fiel Miljenko Turk als Claudio kurzfristig wegen einer Coronainfektion aus, und obwohl die Lösung nicht ideal war, wurde sie erfolgreich ausgeführt: Regieassistentin Charlotte Wulff spielte mit bewundernswertem Selbstbewusstsein die Bühnenpartie, Musikassistent Joël Soichez sprach den Dialog ungesehen vom Bühnenflügel, und Bariton Thomas Dolié, am Nachmittag vom Bordeaux nach Köln gereist, sang die Rolle vom Bühnenrand.

Bass Luke Stoker als Don Pedro und Sébastian Dutrieux als der nicht-singende Léonato waren solide in den Nebenrollen. Herausragend aber war Ivan Thirion als Somarone, der pedantische und leicht verärgerte Kapellmeister, mit seiner außergewöhnlichen physischen Komödie und großen Miene.

Paul Appleby (Bénédict), Chor der Oper Köln
© Hans-Jörg Michel

Die letzte wichtige Figur dieser Oper war der Chor: Es war keine Gruppe von verallgemeinerten Leuten, sondern eine Sammlung von verschiedenen Individuen mit starken Persönlichkeiten und eigenen Geschichten, offensichtlich durch die ständigen Interaktionen untereinander und die unterschiedlichen Kostüme und Requisiten. Für mich war es ein echter Genuss des Abends, den Chor zu beobachten, denn es war, als ob ich auf einer Bank saß und Teil des blühenden Dorflebens war.

Das Gürzenich Orchester unter François-Xavier Roth spielte mit viel Energie und verfiel auch in den lyrischen Arien nie ins Schleppen. „Nuit paisible et sereine“ war sogar ziemlich schwungvoll, was dem Duett ein schönes Gefühl von Vorfreude verlieh. Die charaktervollen Passagen in der Partitur waren klar erkennbar, sogar in der kastenförmigen Mehrzweckhalle. Insgesamt eine sehr gelungene und wunderbar gesungene Erstaufführung, von der man nur hoffen kann, dass sie öfter wiederaufgenommen wird.

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