Der 14.5. in der Bayerischen Staatsoper war ein Opernabend auf höchstem künstlerischen Niveau, wenn auch nicht gänzlich ohne Fehl und Tadel. Die Premiere der Elektra-Inszenierung des 2002 verstorbenen Regisseurs Herbert Wernicke, welche in der Münchner Staatsoper auch im Rahmen der Opernfestspiele gezeigt wird, reicht zurück bis ins Jahr 1997 und hat doch nichts von ihrer Modernität verloren, derart eigen und zeitlos ästhetisch sind die monumentalen Bilder und archaischen Szenen, die Wernicke wie prähistorische Monolithen auf die Bühne wuchtet.

Iréne Theorin (Elektra) und Waltraud Meier (Klytämnestra) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Iréne Theorin (Elektra) und Waltraud Meier (Klytämnestra)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Herbert Wernicke selbst beschreibt sein Bühnenbild folgendermaßen: „Die Bühne ist optisch einfach und abstrakt. Das ganze Bühnenportal ist schwarz zugemauert, so dass nur ein paar Meter Spielfläche übrigbleiben. […] Nur ein paarmal bricht die schwarze Palastmauer auf und gibt den Blick frei auf einen gleißenden Lichtraum in unterschiedlichen Farbe: auf das Palastinnere, die eigentlich Opernbühne.“ Der äußerst reduzierte Bühnenaufbau mit der riesigen, schwarzen, schwenkbaren Fläche der Palastmauer geriet im Laufe des Abends selbst zum Kunstwerk. Als zum ersten Mal die gewaltige, ins Endlose führende Palasttreppe in intensiven Rottönen erstrahlte, da wurde man von der stark aufgeladenen Bildsprache schier überwältigt.

Radikal reduziert waren auch die Kostüme auf die Urfarben Schwarz, Weiß und Rot. Schwarz war vor allem Elektra, gleich ihrer von Rachegelüsten zerfressenen Seele. Die Figur der Elektra wurde verkörpert von der Sopranistin Iréne Theorin. Die schwedische Sängerin zog die Zuhörer gnadenlos mit sich in die Untiefen der menschlichen Psyche und zeichnete differenziert die schauderhafte Fratze einer der brutalsten Frauengestalten menschlicher Sagen und Mythen mit all ihren Schattierungen, vom milchigen Grau blasser Wasserleichen bis zum kalten Schwarz einer mondlosen Friedhofsnacht.

Iréne Theorin (Elektra) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Iréne Theorin (Elektra)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Theorin, die in Wagner-Rollen unter anderem bei den Bayreuther Festspielen als Isolde (Tristan und Isolde) und vor allem in ihrer Rolle als Brünnhilde weltweit gefeiert wird, war der sängerische Fixstern dieser Opernaufführung und fand in Waltraud Meier eine ebenbürtige Bühnenpartnerin. Waltraud Meier bedarf keiner gesonderten Vorstellung, solch unbestrittenen Ruhm hat sie insbesondere durch ihre legendären Darstellungen der großen Frauenrollen bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth erlangt. Ihr dunkler, reifer Mezzosopran und ihre große Bühnenpräsenz ließen den Alptraum-Dialog zwischen Klytämnestra und ihrer Tochter Elektra zum dramatischen Höhepunkt des Abends werden.

Dass Opernsänger nicht die besseren Theaterschauspieler sind, liegt wohl in der Natur der Sache. Wenn aber ein Regiekonzept die Handlung auf derart kleinem Raum und fast ohne Unterstützung durch Requisiten und Lichteffekte inszeniert und so die psychologischen Spannungen zwischen den Figuren mikro-dramaturgisch in Szene gesetzt werden müssen, dann bedarf es einer umso feineren Personenregie. Hier lag der Schwachpunkt der Produktion. Die Darsteller standen meist ohne Bezug nebeneinander und spielten in den Zuschauerraum, statt die Spannung mit ihren Dialogpartnern aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Die Gesten wirkten teils fahrig und zusammenhanglos und selbst die großartige Waltraud Meier hatte am Ende Schwierigkeiten, bei ihrem Abgang die Gratwanderung zwischen Hohngelächter und Verzweiflung überzeugend darzustellen.

Günther Groissböck (Orest) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Günther Groissböck (Orest)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Eine andere Szene, die weit hinter den Möglichkeiten zurückblieb, war die Zusammenführung Elektras mit ihrem verschollen geglaubten Bruder Orestes. Mit einem Augenzwinkern funktioniert Herbert Wernicke in seiner quasi-szenischen Inszenierung einen Teil des Opernvorhangs zum leitmotivischen Herrschermantel um, den nach Agamemnons Tod Klytämnestra trägt und mit dem sie ihre Tochter Elektra fast zärtlich umhüllt. Mit diesem Motiv rückt Wernicke die Bühnenhandlung noch weiter in den Zuschauerraum. Neben dem Mantel gibt es als zweites Requisit nur noch eine martialische Axt, die Elektra als symbolisches Insignium ihrer Rachelust trägt. Im Sprechtheater wären diese beiden Objekte in ihrem Aussagepotential so inszeniert worden, wie es Wernicke wohl im Sinne hatte, nämlich als starke Symbole, die von den Bühnenfiguren „bespielt“ und nicht nur wie Alltagsgegenstände benutzt werden. Dieses dramatische Potential wurde jedoch leider nicht annähernd gehoben. Im Gegenteil: Gerade der schwere Brokatstoff schien den Protagonisten eher lästig zu sein.

Und so wirkte der ansonsten tadellose Günther Groissböck so gar nicht majestätisch, als er am Ende der Wiedererkennungsszene mit Elektra den Mantel aufnahm und damit die Bühne entlangschritt, um seinem Machtanspruch Ausdruck zu verleihen. Ricarda Merbeth gab eine zwischen Loyalität und Abscheu zu ihrer Schwester zerrissene Chrysothemis und beeindruckte mit dem großen Facettenreichtum und der kernigen Kraft ihres strahlenden Soprans, und auch die restlichen Gesangsrollen waren exzellent besetzt. Besondere Erwähnung jedoch verdient das Bayerische Staatsorchester, das die enorm diffizile Partitur Richard Strauss‘ unter der Leitung des energisch-souveränen Asher Fisch mit höchster Konzentration und ansteckender Begeisterung musizierte.