Darmstadt-Kranichstein ist im Sommer reich an Grün. In diesem Jagdschloss, das von den Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht groß beschädigt wurde, fand 1946 der Vorläufer der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik statt. Die sogenannten Kranichsteiner Ferienkurse, die eigentlich „Ferienkurse für internationale neue Musik“ hießen, wurden vom damaligen Kulturreferenten und Leiter des Kulturamtes der Stadt Darmstadt Wolfgang Steinecke organisiert und nach drei Jahren vom Jagdschloss in öffentliche Gebäude der Stadt verlegt. Bis heute werden sie von zahlreichen zeitgenössischen Komponisten, Instrumentalisten, Journalisten und Wissenschaftlern besucht und bieten vor allem für Komponisten sowie Instrumentalisten Konzerte und Unterricht an, um der Neuen Musik eine Zukunftsvision zu geben.

Impressionen von den Darmstädter Ferienkursen 2012 - Mischpult © Stefan Daub
Impressionen von den Darmstädter Ferienkursen 2012 - Mischpult
© Stefan Daub
In diesem Umfeld haben sich über die Jahre außergewöhnliche historische Begegnungen ergeben. Führende Komponisten wie Luigi Nono, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen trafen in Darmstadt zusammen und brachten eine Weiterentwicklung der Kompositionstechniken auf den Weg. Darin bestätigt sich auch die urspüngliche Idee der Ferienkurse. Sie sollten dem Neustart der deutschen modernen - von der nationalsozialistischen Kulturpolitik befreiten - Kunstgeschichte dienen. Als solche Veranstaltung haben sich die Ferienkurse als Institution im Bereich Neue Musik etabliert. Eine international anerkannte Stellung wurde schon in den ersten Jahren gefördert, und es wurden Dozenten aus den unterschiedlichsten Ländern eingeladen. So sah man dort bereits im ersten Jahr Maurits Frank aus den Niederlanden, René Leibowitz aus Frankreich, Peter Stadlen aus England und Rolf Liebermann aus der Schweiz. Mit der Zahl der internationalen Gäste wuchs auch die Zahl der internationalen Besucher, die schon 1956 die Hälfte aller Besucher ausmachten.

Im Jahr 1948 gründete die Stadt Darmstadt als tragende Körperschaft der „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ das „Internationale Musikinstitut Schloß Kranichstein“, das 1963 in „Internationales Musikinstitut Darmstadt (IMD)“ umbenannt  wurde. Neben der Organisation der Ferienkurse dient es zur Vernetzung unterschiedlicher Strömungen in der Neuen Musik und zur Archivierung der Dokumente seiner eigenen Geschichte: Seit 1958 dokumentiert es die innerhalb der Kurse stattfindende Diskussionen in der Reihe Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik, die beispielsweise Vorträge von Komponisten wie Luigi Nono, John Cage oder Wolfgang Rihm beinhalten. Außerdem war das Institut für die Verleihung der Preise für Interpretation, Komposition und Musikpublizistik wie dem Kranichsteiner Musikpreis (1952 bis 2005) und dem Reinhard-Schulz-Kritikerpreis (seit 2012) verantwortlich.

Workshop im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse 2012 © Daniel Pufe
Workshop im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse 2012
© Daniel Pufe
Für die heutigen Ferienkurse, die seit 2009 von Dr. Thomas Schäfer geleitet werden, sind die Salzburger Festspiele mit der Sommerakademie des Salzburger Mozarteums ein Vorbild. Parallel zu den Lehrveranstaltungen über die verschiedensten Bereiche der Musik wie Komposition, Interpretation, Musikbetrieb oder Musikkritik, die auch Einzelunterricht mit einschließen,  finden sowohl öffentliche Festivalkonzerte als auch Werkstattkonzerte statt, in denen die Teilnehmer der Ferienkurse ihre Ergebnisse vorstellen können.

In diesem Jahr bieten die Ferienkurse in den ersten beiden Augustwochen ein vielfältiges Programm, das von elektronischer und akustischer Musik über Artistic Research und Performance bis zum Musiktheater reicht. In insgesamt zwanzig Projekten  wie „Atelier Elektronik“, „Chambers Sessions“ oder „Composition beyond Music“ werden performative Elemente mit Unterrichtskomponenten gekoppelt, wobei nicht das einseitige Lehren von Dozenten, sondern das künstlerische Interagieren von Dozenten und Teilnehmern im Vordergrund stehen wird. Zudem soll neben musiktheoretischen Seminaren ein weiteres Projekt mit dem Titel „lecture-discussion-discourse“ als Debatierplattform den künstlerischen und wissenschaftlichen Meinungsaustausch zwischen Musikern, Musikjournalisten und Wissenschaftlern fördern.

Cage-Aufführung bei den Darmstädter Ferienkursen 2012 © Daniel Pufe
Cage-Aufführung bei den Darmstädter Ferienkursen 2012
© Daniel Pufe
Als zentrales Thema konzentriert sich die Veranstaltung „Scelsi revisited Backstage“ auf die Person und Arbeit des italienische Komponisten Giacinto Scelsi (1905–1988), woran sich auch Jörn Peter Hiekel, ein Vorstand des ebenfalls in Darmstadt ansässigen Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, beteiligen wird. Die dadurch entstehende Zusammenarbeit zweier Darmstädter Musikinstitute wird nicht nur interessante Aspekte aus verschiedenen Perspektiven aufzeigen, sondern sie könnte auch zu mehr Harmonie und Zusammenarbeit des wissenschaftlichen und des praxisorientierten Musikbereichs führen. Helmut Lachenmann, der die Ferienkurse 1957 zum ersten Mal, damals als Teilnehmer, besuchte, wird in diesem Jahr zum wiederholten Mal als Dozent nach Darmstadt kommen. Die Workshops und Gespräche, die er anbieten wird, sind mit Sicherheit ein Highlight der diesjährigen Kurse. All dies verbindet sich mit den Konzerten wie denen der Nachwuchsensembles Distractfold, soundinitiative, Garage und Trio Catch zu einem großen Klangkörper und gibt als Puls den Takt der musikalischen Ereignisse an.