Als Chefdirigent wechselte Alan Gilbert 2019 von New York an die NDR-Elbphilharmonie in Hamburg, aber auch in Stockholm ist er beileibe kein Unbekannter: ab 2000 leitete er für acht Jahre die Königlichen Philharmoniker, inzwischen ist er ausgezeichnet als deren Ehrendirigent. So pendelt er immer wieder zwischen dem NDR-Orchester und seinem Wohnsitz Stockholm. Das wegen der Pandemie-Einschränkungen schwierige Konzertjahr 2021 begannen Gilbert und die Royal Philharmonics im leeren Stora Salen des Konserthuset nun mit Mahlers Vierter Symphonie. Der angekündigte Programmauftakt mit Henri Dutilleux' Correspondances war aus dem Programm gestrichen worden.

Alan Gilbert
© Nadja Sjöström

Alma Mahler soll zu ihrem Verlobten Gustav über dessen Vierte gesagt haben, das kenne sie von Haydn besser. Tatsächlich erscheint in Mahlers Werk diese G-Dur-Symphonie am meisten klassisch, nicht nur weil auch Haydn zwölfmal G-Dur für seine Symphonien wählte. Das 1901 in München uraufgeführte Werk gehört zu den „Wunderhorn”-Symphonien, da sie im Finalsatz Das himmlische Leben aus der in der Romantik äußerst beliebten Volksliedsammlung von Achim von Arnim und Clemens Brentano strophenweise einbindet. Thematisch bestimmt dieses Lied das gesamte Opus, das, wie mit einem kindlichen Gemüt beobachtet, nachzuzeichnen versucht, was wir als „weltlich' Getümmel“ erleben und nach dem Tod an einem überirdischen Sehnsuchtsort „in sanftester Ruh'“ erwarten.

Alan Gilbert und seine Königlichen Philharmoniker präsentierten eine gleichermaßen zügige wie ausgewogene und warmherzige Interpretation des Werks, voll wunderschön ausmusizierter Momente und von vorbildlich aufgefächertem Klang der weiträumig platzierten Musiker. Heitere Vogelrufe und feines Schellengeläut öffneten die erste Station der Reise, zierlich verschnörkelt gaben Geigen und Bässe einem schwingenden Wanderlied freudig unbekümmerten Ausdruck, ließen schwärmerische Bratschen und Oboen warm schmeichelnde Antwort folgen im zweiten Thema. Auf das bedächtig heitere Idyll fielen nur kurze Schatten, wenn Gilbert die in allen vier Sätzen zugrunde liegende Ambivalenz von Humor und Hintersinn spürbar werden ließ, plötzliche Akzente wie Nadelstiche schmerzten und vor allem die Bläser in trompetenbewehrter Klimax bis zum Äußersten gingen: Mut zur Hässlichkeit dicht neben wehmütigem Schmelz des hervorragenden Hornquartetts. Ein Lächeln nicht nur des Dirigenten lag über dem verklärten Ausklang in den keck-fröhlichen Schlusstakten.

Elin Rombo
© Nadja Sjöström

Walzerseligkeit wollte sich im Scherzo einstellen, doch auch sie war nur in Anführungszeichen gesetzt. Schnell wechselte der Konzertmeister zwischen seinem Instrument und einer weiteren Violine, einen Ton höher gestimmt: so entstand eine fahle Schärfe des Unheimlichen, eine Fiedel zum gemächlichen Totentanz, der mit friedlicheren Visionen des Jenseits sich abwechselte. Sehr Ruhevoll eröffneten exquisite tiefe Streicher das Adagio, folgten in fugiertem Ablauf zweite Geigen, schließlich erste Violinen und Oboen. Ein guter Aufbau gelang Gilbert da, er brachte das Orchester in herausfahrendem Accelerando in Wallung, choreographierte in den Bläsern das Hervorheben einzelner Stimmen, gab Gelegenheit zum Atemholen in entspannendem Rallentando. Eine kluge Bildregie und punktueller Einsatz der Mikrofone faszinierte beim Verfolgen dieser fein verwobenen Variationen zwischen wehmütiger Erinnerung des irdischen Lebens und Verheißung des Paradieses: bis in die kleinste Nebenstimme durchleuchtet, kraftvoll fortissimo wie in blendend überbordender Lichtfülle ausgemalt, dann hinter zarten Schleiern von Streicherklang und Harfenarpeggien verklingend.

Elin Rombo, am Königlichen Opernhaus u.a. als Sophie im Rosenkavalier erfolgreich, zeichnete mit klarem hohen Sopran und wenig Vibrato ein fröhliches Bild der Himmlischen Freuden; mit fast kindlicher Unschuld, die fest an die überirdisch märchenhafte Geschichte glaubt, verzauberte sie lächelnd im vierteiligen Vokalsatz, dessen Refrains Sankt Peter und Sankt Martha, Ursula und Cäcilia zu Zeugen des lustigen englischen Lebens anrufen. Mit der verklärt rührenden Weise, zu der „elftausend Jungfrauen zu tanzen sich trauen“ geleiteten Gilbert und das vorzügliche Stockholmer Orchester zum zarten Ausklang, in dem Englischhorn und Harfenakkorde geheimnisvoll wie ein ausschwingendes Uhrwerk die Sekunden länger werden ließen, die Zeit anhielten.

Schade nur, dass man Elin Rombos filigrane Ausdrucksstärke nicht noch in den selten gespielten Correspondances des Henri Dutilleux erleben konnte!


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Konserthuset Stockholm rezensiert.

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