Das Warten und der Tod in neuer Musik einerseits und romantischer Klangwelt anderseits standen im Mittelpunkt des 5. Philharmonischen Konzertes Heidelberg, anlässlich dessen die zeitgenössische Komponistin Chaya Czernowin für ihr künstlerisches Schaffen und ihre „aktuelle Relevanz“ mit dem Heidelberger Künstlerinnenpreis 2016 ausgezeichnet wurde.

Chaya Czernowin mit Intendant Holger Schultze (li.) & Dr. Joachim Gerner © Annemone Taake | Theater Heidelberg
Chaya Czernowin mit Intendant Holger Schultze (li.) & Dr. Joachim Gerner
© Annemone Taake | Theater Heidelberg

Eröffnet wurde das Konzert mit Czernowins Komposition White Wind Waiting. Mit dem luftig-statischen, zugleich außergewöhnlichen Klangbild und dem kompositorisch implementierten, ständigen Warten auf eine jedoch ausbleibende musikalische Entwicklung der statischen Klangfelder, das der Komposition eigen ist, fing Czernowin dieses Warten ausdrucksvoll ein. Gleichsam Samuel Becketts existentialistischen Werkes Warten auf Godot schien die Zeit stehen zu bleiben inmitten der von Schlagwerk, Bläsern und Kontrabässen wirkungsvoll und mit naturalistischer Präzision erzeugten Windgeräusche, der mal dissonant, leichtfüßig fließenden mal perkussiv geräuschhaften Motivik der Sologitarre und der ins Leere verlaufenden, wiederkehrenden dynamischen Steigerungen und motivischen Verdichtungen des Orchesters.

Der Gitarrist Stephan Schmidt überzeugte insbesondere in den Solopartien durch sein differenziertes und präzises Spiel. Er arbeitete die Kontraste zwischen der perkussiven Behandlung der Gitarre in der dissonanten Motivik, der er einen leichten Charakter verlieh, und der einfühlsam gespielten, ragaartig anmutenden, mikrotonalen melodischen Linien präzise aus. Dabei gelang es ihm, ein stets statisches Klangfeld dem Grundcharakter des Werkes gemäß aufrechtzuerhalten.

Weniger überzeugte mich zunächst die interpretatorische Gestaltung der Vier ernsten Gesänge, Op. 121 von Johannes Brahms durch den Bariton Ipča Ramanović und den Pianisten Florian Hoelscher. In diesem zwischen 1892 und 1896 entstandenen Werk thematisiert Brahms die Vergänglichkeit und den Tod. Der erste Gesang, der den Tod als existentielle Notwendigkeit darstellt und von einer statisch resignierten Natur ist, wirkte bei beiden Künstlern wenig ausdrucksstark und litt unter der unpräzisen Artikulation Ramanovićs. Nach einer kontinuierlichen Steigerung an Ausdrucksstärke und musikalischer Vielfalt überzeugte Ramanovićs und Hoelschers Interpretation jedoch im vierten Gesang, der die Bedeutung der Liebe thematisiert. Den Kontrast vom aggressiv-vorantreibendem Gestus, mit dem Brahms menschliche Tätigkeiten beschreibt, und dem sanft-melancholischen Idiom jener Verse, die die Liebe thematisieren, arbeiteten die Künstler klangschön und mit einer Vielfalt an dynamischen Nuancen aus.

Kompositorisch und interpretatorisch beeindruckend waren die Vier Toteninseln des zeitgenössischen Komponisten Johannes Kalitzke, in welchen er sich inhaltlich und musikalisch mit den Vier ernsten Gesängen von Brahms auseinandersetzt. Wie für Brahms steht für ihn die Beschäftigung mit dem in der heutigen Gesellschaft marginalisierten Thema des Todes im Mittelpunkt. Der erste Satz, der wie der vierte auf einer Spektralanalyse der entsprechenden Gesänge Brahms beruht, begann mit einer elektronischen, klanglich an ein Klavier erinnernden Einspielung, die aus einem kleinen Ausgangsmotiv zu einer komplexen Struktur anwuchs, in die alsbald das Orchester einstieg.

Erinnerte die kompositorische Faktur des ersten Satzes und die deklamierende Behandlung der Gesangsstimme, die Ramanović vielseitig und ausdrucksvoll darbot, an die Klangwelt von Kalitzkes kürzlich in Heidelberg uraufgeführter Oper Pym, so erklang im letzten Satz ein völlig gewandeltes Idiom: eine an Orgelklang erinnernde elektrische Zuspielung mischte sich in einen immer noch dissonant geprägten, aber strahlenden Orchesterklang, während zugleich der Gesang von der Unumgänglichkeit des Todes berichtete. Wie eine sakrale Überhöhung wirkte der Abschluss dieser beeindruckenden Komposition, die das Philharmonische Orchester Heidelberg gemeinsam mit Ramanović in einer ausgezeichneten Interpretation darbot.