Es ist weit verbreitet, dass Ludwig XIV. während seiner langen und durchaus außergewöhnlichen Herrschaft als französischer König die Grundlagen des klassischen Balletts im späten 17. Jahrhundert legte.

Ludwig XIV., als Louis Appolo © Wikicommons
Ludwig XIV., als Louis Appolo
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Es ist jedoch weniger bekannt, dass genau genommen italienische Künstler federführend für die Entwicklung der Technik waren. Als Schülerin der französischen Tanzschule und stolze Patriotin, für ewig in die französische Beinarbeit vernarrt und diese extrem gestreckten, perfekt gehaltenen Beine, die die Bühne der Garnier schmücken, würde ich die Geschichte gerne in Versailles beginnen und ich bin sogar versucht einzugestehen, dass dieser Ludwig letzten Endes, mit seinem formidablen Vermächtnis, doch nicht so schlecht für das Land war!

Aber das wäre nicht ganz richtig. Um ein besseres Bild zu erhalten, müssen wir in die Renaissance zurückreisen, zu den Höfen der italienischen Stadtstaaten, wo Künstler und ihre adligen Mäzene begannen, religiöse Kunst aus dem Mittelalter aufzugeben und sich stattdessen auf die humanistischen Werte des Antiken Griechenlands und des Römischen Reiches zurückzubesinnen. Diese Renaissance (oder Wiedergeburt) der Klassik konnte in den bildenden Künsten, Theatern und Architektur beobachtet werden und ließ die philosophischen Theorien des idealen menschlichen Körpers wieder aufleben. Es dauerte nicht lange bis die von den damaligen Herrschern in Auftrag gegebenen Skulpturen wieder den starken, muskulösen Körperbau der Kriegshelden und griechischen Olympiaten der Antike aufwiesen. Und zusammen mit dem idealen Körper und militärischem Heldentum kamen ein gewisse Denkweise, Kenntnisse über klassische Literatur und Theater und eine gewisse Kultiviertheit; ein anerzogener Geschmack für harmonische und grazile Ästhetik. Klarerweise wurde dies für so viele Menschen wie möglich ausgestellt und aufgeführt. Aufwendige Dekorationen (die Vorläufer unserer heutigen Bühnenbilder), kunstvolle Kostüme und elegante Umzüge (für gewöhnlich freie Bewegungen mit ein paar Anhaltspunkten für die Richtung, den Weg oder Geschwindigkeit) standen im Mittelpunkt von Feiern und Zeremonien. Es gab weder eine geordnete Weise, sich als Gruppe zu bewegen, noch waren die Bewegungen an die Musik angepasst, aber beides fand Einzug in private (den Adligen vorbehaltenen) und öffentliche Feierlichkeiten. Die erste Aufzeichnung eines festgelegten „Tanzes” finden sich in Frankreich, und gehen zurück auf Karl VI. Le Bal des Ardents im Jahr 1393. Während einer außergewöhnlichen Feier, inmitten prachtvoller Dekorationen und minutiös geplanten Darbietungen, wurde ein Ensembletanz im Einklang zur Musik zum Aufzug der Adligen dargebracht, der erste choreographierte Hoftanz. Man sollte hier eine kleine Pause einlegen, bedenkt man, dass die Kulisse Feuer fing und viele dabei umkamen – der König und eine courtisane wurden gerettet, die sich (glaubt man der Geschichte) für einen privaten Moment zurückgezogen hatten.

Nicht nur die künstlerische Bewegung der Renaissance breitete sich über Europa aus, sondern auch die Kunst der Umzüge und Zeremonien. Die Hochzeit der Caterina de’Medici (eine italienische Adlige der einflussreichen Florentinischen Medici Familie) mit dem zukünftigen französischen König Heinrich II. stellt einen wichtigen Wandel in der Entwicklung des Kunst-Mäzenatentums in Frankreich dar. Caterina, die Frankreich regierte, da ihr Sohn noch zu jung war, gab ein Vermögen aus, um die Künste am Französischen Hof zu fördern. Sie überzeugte die talentiertesten italienischen Künstler und Handwerksmeister aus Italien anzureisen, und die bildenden Künste, Literatur, Theater und besonders die darstellenden Künste florierten unter ihrer Herrschaft. Sie entwickelte den Tanz aus den ursprünglichen intermèdes (kurze Pausen in größeren spectacles mit Musik und organisierten, harmonischen Bewegungen, bis dahin reine divertissements), zu Ballets de Cour, für sich allein stehende Tanzvorstellungen, für gewöhnlich im großen Rahmen mit mehr oder weniger komplexen Choreographien (interessanterweise) für die Frauen am Hof – manchmal für mehrere hundert von ihnen. Unverwechselbar prachtvoll, zunehmend beliebt und ausgeschmückt, entwickelte sich das Ballet de Cour von da an, zusammen mit der Musik, am Französischen Hof.

Ballettmeister und Choreograph Pierre Beauchamp © Wikicommons
Ballettmeister und Choreograph Pierre Beauchamp
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Aber nichts konnte Ludwigs Drang zu glänzen übertrumpfen. Ein gewaltsamer Herrscher, nach Gier und Macht zehrend, und für immer besessen von seinem Bild eines jungen Ludwigs, der im zarten Alter von vier König wurde und überzeugt davon war, im Mittelpunkt der höfischen Tänze und Umzüge zu stehen. Er musste der beste unter den Tänzern sein (es waren zu dieser Zeit keine Berufstänzer, sondern Adlige – und nur Männer) und jeder um ihn herum wurde aufgefordert die etiquette während seiner Vorführung zu beachten, wie auch im täglichen Leben in seinem luxuriösen Palast in Versailles. Er erhielt seinen ersten Unterricht in Musik und seine ersten Tanzstunden von (einem anderen) Italiener, dem in Florenz geborenen Jean-Baptiste Lully, der ihm während eines Bal de Cour auffiel. Ludwig XIV. ernannte Lully zum Hofkomponisten in Versaille. Der Italiener entwickelte den unverkennbaren Barockstil, und ihm sind auch die Vielzahl an Ballettmusiken, die er für den Hof schrieb, zu verdanken. Letztendlich wurde Lully vom König selbst zum Leiter der Académie Royale de Musique ernannt. Versailles Ballettmeister war – Gott sei Dank! – Franzose: geboren und aufgewachsen in Versailles, verbrachte Pierre Beauchamp sein Leben damit, Ludwig XIV. zu dienen, unterrichtete ihn über zwanzig Jahre in Tanz, leitete später die Académie Royale de Danse, welche der König 1662 gründete, um die Ballettmeister der damaligen Zeit zusammenzubringen, um die Balletttechniken festzuschreiben. Beauchamp ist es zu verdanken, dass die fünf Fußpositionen formalisiert wurden, die bis heute von klassischen Balletttänzern auf der ganzen Welt verwendet werden.

Nur ausgewählten Vertretern des Adels war es erlaubt zu tanzen und das Erlernen von Haltungen und Schritten war Teil der Ausbildung eines Ehrenmannes, obwohl es natürlich selbstverständlich war, dass niemand des Königs Tanz überschatten durfte. Frauen war es ab 1681 wieder erlaubt zu tanzen, bis dahin füllten ‘Berufstänzer’ die weiblichen Rollen in den beliebten comédies-ballets.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob der Sonnenkönig jemals ein guter Tänzer war, oder ob es die Etiquette am Hof einfach verbot, besser als er zu tanzen. Aber er war sicherlich ein formidabler Impresario, der viel in die Künste investierte und dessen Vermächtnis unübertroffen bleibt. Die Académie Royale de Musique (1669) und die Académie Royale de Danse (1662), heute die Pariser Oper und Ballett, sind die ältesten Musik- und Tanzschulen der Welt, und brachten einige der gefeiertsten klassischen Werke aller Zeiten hervor, die bis heute vor ausverkauftem Publikum aufgeführt werden.

Es gibt eine letzte Sache, für die wir Ludwig danken (oder manche Tänzer meinen verfluchen) können, und zwar die I. Position, eine Grundlage und einzigartige Charakteristik der klassischen Balletttechnik. Gerüchten zufolge galt in Versaille, je reicher ein Mann, desto detailreicher und filigraner der Absatz seines Schuhs. Das kann durchaus wahr sein, zumindest würde es erklären, warum der Sonnenkönig (und sein Gefolge) stets den Drang hatten, die Innenseite ihrer Absätze dem Publikum zu zeigen, was über die Jahre zu einer sehr speziellen Fuß-, Knöchel- und Beinhaltung führte, und infolgedessen zu einer vollständigen Drehung des Beines zur I. Position.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.