Fast drei Jahre nach der denkwürdigen Inszenierung von Les Indes Galantes wendet sich das Théâtre du Capitole mit Castor et Pollux, 1737 von der Académie Royale uraufgeführt, erneut dem Meister des Traite de l'harmonie zu. Ein weiterer Schlüsselmoment der Verbindung ist das Ensemble Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset, das in beiden Vorstellungen auftrat. Castor erzählt den Mythos der beiden Brüder, deren brüderliche Verbundenheit, kraftvoll bis hin zur Fusion, sie vor einem Schicksal rettet, das sie zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit zu trennen sucht.

Die Vorstellung hat bereits begonnen, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt: Der Vorhang ist geöffnet und die beiden Brüder befinden sich auf der Bühne, unter den scharfen Augen ihrer Kinderfrau, der verkleideten Hebe. Mariame Cléments Inszenierung beinhaltet ein modernes Bühnenbild und moderne Kostüme (Julia Hansen) und zeigt einen monumentalen, stark symbolischen Treppenaufgang eines großen Herrenhauses. Geschickte Beleuchtung von Bern Pukrabek verwandelt die instrumentalen Abschnitte zu Rückblenden in verschiedenste Episoden aus der Kindheit und Jugend der beiden Brüder. Diese Erinnerungen stärken unser Verständnis ihrer Frustration: Phoebe, einstige Geliebte Castors, wird nun von ihm zurückgewiesen; Télaïre, vorher zu jung und daher unbeachtet, verdreht nun jedem den Kopf. Castor, ein gewöhnliches, sterbliches Kind, bleibt am Fuße der Treppe und erhält keine Aufmerksamkeit von seiner göttlichen Vaterfigur – im Gegensatz zu Pollux. Die Verpflanzung der Handlung in ein aristokratisches Umfeld des 19. Jahrhunderts funktioniert vorzüglich und fügt dem Ganzen eine zusätzliche, komische Ebene. Jupiters autoritärer Priester ruft Pollux zu sich, während die Handlung auf der Bühne sich mit grandiosen Standbildern festsetzt.

Das Brüderpaar ist wunderbar austariert, doch vom ersten Akt an durch Castors Tod (Antonio Figuera) getrennt, der, von Lynkeus tödlich verwundet, zum Fuße der Treppe fällt. Der Vorhang fällt für Pollux (Aimery Lefèvre), der sich sofort von den Rufen nach Rache einnehmen lässt. Das Orchester setzt die barocke Klanglichkeit und Dissonanz perfekt um, stimmt die Instrumente zwischen den Akten, beschleunigt jedoch an den Enden der Übergänge. Der Chor des Capitoles wirft sich mit starken Emotionen in das „Que tout gémisse“ der Spartaner, gefolgt von Télaïres Klage, wunderbar gesungen von Hélène Guilmette, beantwortet vom Fagott. Sergey Romanovsky singt verschiedene Rollen, deren er mit seiner kraftvollen, klaren Stimme, die es auch mit Leichtigkeit mit der Naturtrompete aufnimmt, Glanz verleiht. Dashon Burtons donnernder Auftritt als Jupiter, verwandelt in ein Familienoberhaupt, das sich konstant in sein Arbeitszimmer einschließt, erforderte die volle Bandbreite des Könnens eines Perkussionisten, um gleichzeitig den Wind, das Grollen des Donners und die zuckenden Blitze zum Ausdruck zu bringen. Burtons Bass ist jedoch oft eng und wird nur kurz wirklich geöffnet. Konstantin Wolff ist da das genaue Gegenteil in der Rolle des Hohepriesters. Gaélle Arquez zeigt merkliches Vibrato, beispielsweise in der Szene von Phoibes Betrug, der ihr Ende bedeutet.

Momme Hinrichs' und Torge Møllers Videoinstallationen werden angemessen verwendet und verbildlichen die „Blase“ auf großartige Weise, in der Castor in die Unterwelt transportiert wird, wobei er über das restliche Bühnenbild nach oben gezogen wird. Das Wiedersehensduett der Brüder ist rührend und grandios umgesetzt, doch auch mit Humor und feinen Verweisen gespielt. Ob ein Zuhörer des Französischen mächtig ist oder nicht, der Text ist immer verständlich, macht die Übertitel überflüssig und gestattet es dem Publikum, sich ganz auf die Geschehnisse auf der Bühne zu konzentrieren, ohne auch nur das Geringste zu verpassen. Das nüchterne, unveränderliche Bühnenbild wird auf ausgezeichnete Weise verwendet, und die Inszenierung lässt die Aufmerksamkeit des Zuhörers in allen fünf Akten nicht los. Dies ist sicherlich ein Höhepunkt dieser Spielzeit in Toulouse.


Ins Deutsche übertragen von Hedy Mühleck auf der Basis der englischen Übersetzung von David Karlin.



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