Mit den ersten irisierenden Tönen aus dem Orchestergraben hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine gleichmäßig blaugetönte Fläche, getrennt durch senkrechte Linien. Unser Auge wird unmittelbar von einer Frau angezogen: Mélisande, eine grazile Silhouette aus weißem Licht scheint aus den Schatten. Golaud hat sich ebenfalls erblickt. Umherstreifend in diesem virtuellen Wald, am Ende der Bühne weiter getarnt durch seine schwarze Tunika, spricht er die junge Frau über eine Distanz an, die unüberbrückbar scheint, wenngleich kein physikalisches Hindernis in seinem Weg liegt. „Habt keine Angst. Es gibt nichts zu befürchten. Warum weint Ihr hier, ganz allein?“ fragt er in natürlichster Prosa. „Rührt mich nicht an,“ antwortet Mélisande. „Rührt mich nicht an, oder ich werfe mich ins Wasser...“ Ihrer beider Gesten aber lassen nichts dergleichen vermuten und korrespondieren in keinster Weise mit der Aussage des Librettos. Die Handlungen dieser Figuren bewegt sich auf einer höheren Ebene, geheimnisvoll und surreal. Alle bewegen sich konstant in einem extrem langsamen Tanz, der frei von japanischem Theater inspiriert zu sein scheint. Die verschiedenen Tableaus, fein gedrechselt von Debussys Musik, scheinen als Serie von intensiv poetischen Miniaturen.

Robert Wilsons Inszenierung von Pelléas et Mélisande ist eine erprobte Produktion an der Opéra de Paris, doch die Zeit hat den Enthusiasmus, der von der absoluten Harmonie mit dem Geist des Werkes hervorgerufen wird, nicht gedämpft. Mit einem weit offenen, nahezu leeren theatralischen Raum zugunsten sehr sparsamer Bewegung, Farben und visuellen Effekten lädt Wilson uns ein, unsere Sinne zu öffnen und dem sich entfaltenden Drama alle Aufmerksamkeit zu schenken, besonders den nahtlosen Vokallinien, die Maeterlincks Worte tragen. Erstaunen wird zu Bewunderung, als wir wie sinnträchtige Kraft dieser Worte in Musik verwandelt fühlen. Für unsere zeitgenössischen Ohren ist die Harmonie von Poesie und Musik absolut. Kein klanglicher Effekt ist überflüssig, es gibt keinen Ton, der nur um seiner selbst willen existiert: alles in Debussys Musik dient dem Drama, und der Komponist hat nichts ausgelassen, um eines seiner edelsten Juwelen zu schaffen.

Auf der Bühne der Opéra Bastille ist gerade eine Galaxie hingebungsvoller Künstler im Dienste des Werkes versammelt. Jeder der Sänger auf der Besetzungsliste hebt sich durch seine klare und präzise Diktion hervor. Paul Gay ist sicher in seiner Personifizierung von Golaud, der wie ein negatives Double seines Halbbruders Pelléas scheint, dem Stéphane Degout ein helleres Timbre verleiht, während die russische Sopranistin Elena Tsallagovas Mélisande mit ihrer Stimme, ihrer Haltung und ihrer luftigen Armbewegung unmittelbar jedes Herz erobert. Die Nebenrollen sind nicht weniger gut besetzt. Erwähnenswert ist besonders die Leistung der Sopranistin Julie Mathevet, deren klares Timbre problemlos als kindlich gelten kann und großartig zur Rolle des Kindes Yniod passt, während Franz-Joseph Selig die Rolle des alten Mannes Arkel mit wahrer Menschlichkeit versieht.

Im Orchestergraben zeigen die Musiker ihre lieblichsten Farben. Debussys Partitur gibt die besten Melodien den Holzbläsern, und an jedem geteilten Notenpult sind die polyphonen Linien fließend und sinnlich. Philippe Jordan leitet diese subtile, introvertierte Musik mit Präzision und Flexibilität.

In der Tat entzieht sich diese Musik dem Trend vieler Opernmusiken, die von Macht, Kontrast und Effekt leben; hier ist es eine zurückhaltende Musik, eine Musik der Stille. Warum also Pelléas einem Saal opfern, wo die Akustik so trocken ist wie die Sitze weich? Besonders auch weil, man muss es sagen, das unablässige Husten der von Erkältung heimgesuchten Hörer es nötig machte, besonders selektive Ohren zu haben? Aber wir müssen diese Kleinigkeiten beiseite legen und vielmehr Paul Dukas, Gabriel Pierné, Oscar Wilde und Marcel Proust bei der Premiere des Werkes 1902 folgen und „Meisterwerk“ rufen, denn seine filigrane Alchemie beginnt mit den allerersten Tönen und stürzt uns in ein köstliches Nachsinnen, das auch nach dem letzten Vorhang anhält.



Übertragung der englischen Übersetzung ins Deutsche von Hedy Mühleck.


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