Man möchte meinen, Claude Debussys Première suite d'orchestre rücke nur von Jubiläum zu Jubiläum in den Schein der Öffentlichkeit und dabei heraus aus dem völligen Vergessen. 2012 erblickte das Stück in einem Pariser Konzert und einer später komplettierten Einspielung von Les Siècles und François-Xavier Roth das Licht und Ohr der Welt. Anlass war der 150. Geburtstag des Komponisten, zugleich die zumindest bekannte Uraufführung des verloren geglaubten Frühwerks.

Claude Debussy
Claude Debussy
Zur Saisoneröffnung als Chef des Gürzenich-Orchesters warf Roth im September mit deren dritten Satz sowie deren vollständigen Fassung bei der Debussy-Feier mit dem London Symphony Orchestra nun einen Blick auf den 100. Todestag Debussys voraus. Dem Dirigenten ist die französische Musik und das Debussy-Œuvre eine Herzensangelegenheit, weshalb es auch folgerichtig und wunschgemäß Gegenstand besonderer Auseinandersetzung, Verpflichtung und Erkundung in seinen Programmen ist. Wie wichtig ihm die neue Suite ist, konnte man zudem daran ablesen, dass Roth sie in sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern aufnahm. Das Resultat jener mehrdimensionalen Entdeckung und derer Besonderheiten verdient auch diese Werk-Betrachtung und -Würdigung.

In ihrer 2001 veröffentlichten Debussy-Biografie hegte Jane Fulcher schon den Wunsch nach dem Wiederauffinden der Première suite, dem sie einen wichtigen Fortschritt in der Debussy-Forschung attestierte und dem danach natürlich eine interessante Aufführung folgen sollte. 1977 hatte François Lesure erstmals auf die Existenz des Stückes hingewiesen und die Spur bis New York im Jahre 1958 aufgenommen. Wie nah Fulcher jedoch ihrem Ziel dabei war, konnte sie wohl kaum erahnen. Denn 2006 sollte der Musikwissenschaftler Jean-Christophe Branger die Manuskripte in der New Yorker Morgan Library ausfindig machen. Als Klavierduo war die erste Suite gänzlich erhalten und erlebte 2008 ihre moderne Taufe. Der Orchesterversion fehlte allerdings der dritte Satz, für dessen Orchestrierung Philippe Manoury gewonnen werden konnte.

François-Xavier Roth © Marco Borggreve
François-Xavier Roth
© Marco Borggreve

Dafür und bis zu einer möglichen Präsentation gab es nun Gelegenheit, das Werk, seine Entstehung und Debussys Anfangszeit unter die Lupe zu nehmen. 1880 trat Debussy als Konservatorist in Paris der Kompositionsklasse von Ernest Guiraud bei, aus deren Anfängen eine unvollständige Symphonie en si mineur, eine Ouvertüre zu Diane au bois und ein anfänglicher Orchestersuite-Versuch mit Le Triomphe de Bacchus für vierhändiges Piano bekannt sind, inspiriert von Théodore de Banville. Am 21. Juni 1882 reichte er mit dem Intermezzo pour orchestre (nach dem Lyrischen Intermezzo von Heinrich Heine) nach heutigem Stand sein erstes orchestrales Vollwerk ein, wie üblich auch für Klavier editiert. Seine musikalischen Ergebnisse betrachteten Tutor und Jury (Guiraud, Thomas, Délibes und Dubois) am Konservatorium als „unstet“ und „unzureichend“, kein Wunder also, dass er sich dort nicht wirklich wohlfühlte, was er rückblickend in einem (welch Zufall!) New York Times-Interview freimütig offenbarte.

Dennoch gehörte es dazu – neben dem erhofften und willkommenen Effekt des Vorankommens und der Anerkennung im Studium – am prestigeträchtigen Prix de Rome teilzunehmen. Nachdem er 1882 noch in der Vorrunde gescheitert war, ist es gut möglich, dass sich Debussy mit der Suite zu profilieren versuchte, deren Arbeiten daraufhin begannen. Schließlich, so hält es auch Denis Herlin im CD-Booklet fest, erfreute sich das Genre der Suite großer Beliebtheit, hatten Lehrer Guiraud sowie die Vorbilder Jules Massenet und Édouard Lalo doch ihre Neulinge in diesem Jahr im Palais Garnier erklingen lassen. Für den Wettbewerb 1883 schickte Debussy anstatt seiner Suite, die nach der Beschriftung von Partiturblättern in New York am 24. Januar 1883 fertiggestellt worden sein könnte, seine Kantate Le Gladiateur ins Rennen, mit der er den zweiten Platz errang. Mit der Suite selbst war er anscheinend doch noch nicht zufrieden, was vermutlich am zweiten Satz „Ballet” gelegen haben dürfte. Oder hat man sich bei der Jahreszahl verschrieben?

Genau ein Jahr später nämlich ist es ausgerechnet das „Ballet”, das Debussy zur Prüfungsleistung im Studium vorlegte, von dem die edle Riege der Herren Komponisten-Gutachter nicht vollends überzeugt war. „Merkwürdig, seltsam originell, gut orchestriert, aber zu gleichfarbig“ lauteten die Urteile. So bewarb er sich beim Rom-Preis wiederum nicht mit diesem Werk, sondern einer Kantate, mit der er ja gute Erfahrungen gemacht hatte, diesmal der im Juni 1884 abgegebenen L'Enfant prodigue. Und tatsächlich trug Debussy den Sieg davon. Dass er sich in der Studiumssituation in einem Zwiespalt befand, es den Professoren recht zu machen und gleichzeitig in gewisser Weise aber zu sich und seinen Inventionen zu stehen, belegt neben der Orchestrierung und Titulierung des Kantatensatzes „Air de ballet“ Debussys Standpunkt im besagten Interview mit der NYT: „For a long time, there were things I didn't want to study because I thought they were stupid. Then I realised that I had to pretend to study them to pass my exams. So I studied, but I always had my own take on things. When we were taught something, I myself decided whether it was true or false.“

Seine Petite suite pour piano à quatre mains offenbarte sechs Jahre später außerdem, welche Bedeutung er gerade dieser Orchestersuite beimaß. So wählte Debussy ausgerechnet abermals „Ballet“ und „Cortège“ (der vierte Satz) als Satzbezeichnungen und musikalischen Inhalt aus. Das hörbare und passende Fest eröffnet ein erster Satz mit jugendlicher Frische, die Roth und sein Orchester Les Siècles in der ihr eigenen Art aus extravaganter Puristik und gefilterter Ekstase mit einer dramatischen Strenge und Forschheit garnieren, ohne beispielsweise mit zu großem Vibrato oder scheinbar impressionistisch-romantischer Tunke die gezeichneten Tonessenzen verschwimmen oder verwässern zu lassen. Die Bläser, vor allem die Flöten pflegen zu Beginn die (schon erkennbar exotischen) Melodietupfer ein, die die Harfe und Pizzicato-Streicher umrahmen, ehe sie das Thema aufnehmen und schließlich neue Linien bestimmen, wie zudem in der Präsenz der Aufnahme-Balance, der aber dankenswerterweise die dem Streicherklangbild zuträgliche antiphone (prämoderne französische Aufstellung) zu Grunde liegt.

Die Flöten sind es dann auch, die das Asiatische, Arabische, ein bisschen Spanische des Musikgeschmacks im feinen Ballet-Scherzo prägen, in dem es an jeder Ecke zirpt und raschelt und Roth macht dem Hörer Lust, sich durch die entworfene Welt voller bunter Eindrücke zu bewegen. Mit Entdecker-Spannung sorgen die Streicher, die auf die Bläser zunächst antworten einerseits für wildere Einwürfe, andererseits schimmern und fließen sie gleich dem Gedankenstrom inmitten eines weichen Kontrastes daher – Anzeichen eines Traums, der im dritten Satz geträumt wird. Hier erzeugt (post-)Wagnerisches, naturalistisches Violinflirren die flüchtige, sphärische Stimmung, der Manoury mit solistischen sowie dynamisch und spielerisch weiter abgedämpften Melodieeinstreuungen – durch Roth im Fluss gelungen mit kleinen, aber deutlichen Akzenten hervorgebracht – galante Nuancen an Schönheit und bewusstem Entschwinden angedeiht. Aus ihnen wird mit Harfe und in deren Verlauf mit wechselnden Farbklecksern der Bläservarianz ein Baldachin aufgetan, dessen Aufhängen stets zu sentimentalen Höhepunkten von fernen, glänzenden Trompeten unterstützt wird.

In der Bacchanale wecken die Trompeten schließlich wieder auf, die Streicher räkeln sich und entspinnen ein vielfarbiges, schnell changierendes Tableau mit thematisch-strukturierten, gewaltigen Motiveinzügen gar russischen Pomps, das eine immer ausgelassenere Steigerung erfährt. Dennoch erhalten Roth und das Orchester die französisch-sehnige Klangsprache, die mit Eleganz und Transparenz ausgebreitet wird. Zeit also, dass die Première suite d'orchestre nicht nur Platz in der Chronik im Centre de documentation Claude Debussy findet, sondern vor allem in so vielen Sälen der Welt wie Debussys berühmtes La Mer.

Merci Monsieur Debussy, Les Siècles et François-Xavier Roth!

 

Quellen

Jane F. Fulcher, Debussy and His World, S. 338

Eric Frederick Jensen, Debussy

https://www.loc.gov/item/consortium.jld_659755635/http://juilliardmanuscriptcollection.org/manuscript/orchestra-piece-1883/