Unter den unzähligen Möglichkeiten, die Seele einer Nation zu entdecken – durch Literatur, Essen, Kunst oder Geschichte – ist Musik das vielleicht stärkste Medium. Denkt man beispielsweise an Spanien, so hört man sofort die hypnotischen Rhythmen des Flamenco; denkt man an Italien, sind es klimpernde Mandolinen. Griechenland oder Frankreich? Verführerische Bouzouki und das Akkordeon an der Straßenecke. Diese Musik des Volkes für das Volk, die sich über Jahrhunderte menschlicher Bestrebungen und Erfahrungen entwickelte findet in ihrer ursprünglichen Form nur selten Platz im Konzerthaus, und doch diente sie als Grundstein für so viele, außergewöhnliche Orchesterwerke, insbesondere im letzten Jahrhundert.

Denkt man an Ungarn, so hört man feurige Zigeunerfiedel oder den silbernen Ton des Cimbalom, doch es war der Komponist Béla Bartók, der etablierte, dass diese Klänge vielmehr eine städtische Vorstellung ungarischer Volksmusik waren. Um wahre Authentizität zu demonstrieren, reiste er 1907 mit einem Edison-Phonographen in die Ostkarpaten. Dort nahm er Dorfbewohner auf, wie sie ihre ungewöhnlich getakteten Lieder sangen, Töne bogen und beugten, Phrasen verzierten, oder Melodien in einer entfernten Tonart begleiteten. Diese charakteristischen Eigenarten sollten ihren Weg auch in seine eigenen Kompositionen finden – nicht zuletzt deshalb, weil er zu dieser Zeit unglücklich verliebt war und die scharfen Dissonanzen dieser erdigen Musik eine hartnäckige, junge Frau repräsentierten, deren Gunst er einfach nicht zu gewinnen vermochte.

Budapest
© Hungarian Tourism Agency

Bartóks musikalische Neugier führte ihn schließlich über den Balkan in die Türkei und sogar über die Mittelmeerregion nach Algiers auf einer Forschungsmission, während der er im Laufe mehrerer Jahre über 7000 Melodien sammelte. Einige Ergebnisse seiner Studien und Manuskripte der darauffolgenden Kompositionen findet man in der Bibliothek des Budapest Music Centre. Das Musikzentrum ist nur einer von vielen Veranstaltungsorten der Internationalen Bartók-Frühling-Kunstwochen. Sie sind ein neues Projekt, das anlässlich des 140. Geburtstags des Komponisten ins Leben gerufen wurde, mit dem Ziel, ein jährliches Ereignis zu werden, das Musikliebhaber aus aller Welt anzieht, sobald internationale Reisen wieder möglich sind.

In diesem außergewöhnlichen Jahr, in dem Veranstaltungshäuser im Zuge der Corona-Pandemie die besten Möglichkeiten erproben, Verbindung mit ihrem Publikum zu halten, wird der Bartók-Frühling die technischen Möglichkeiten nutzen, um eine breite Serie von kostenfreien Veranstaltungen im Stream anzubieten – und das nicht nur aus den besten Häusern Budapests (und sogar einigen der attraktiven Parks und botanischen Gärten der Stadt), sondern auch aus Konzertsälen in ganz Europa.

Vasily Petrenko und das Royal Philharmonic Orchestra werden auf der Bühne der Royal Albert Hall in London spielen; Sir John Eliot Gardiner, dessen Monteverdi Choir und English Baroque Soloists werden im Sheldonian Theatre in Oxford zu sehen sein. Riccardo Chailly und die Filarmonica della Scala gibt es im Stream aus Mailand, während René Jacobs sich im Baseler Paul Sacher Saal mit dem Kammerorchester Basel zusammentut.

Kammerorchester Basel
© Lukasz Rajchert

In Budapest können Hörer Auftritte aus den Top-Häusern der Stadt sehen, doch für kommende Jahre hofft man, dass Städte in ganz Ungarn Gastgeber für die vielseitigen Konzerte des Festivals sein und Touristen in einige der seltener besuchten, aber nicht minder faszinierenden Gegenden dieser historischen Nation locken werden. Den meisten der diesjährigen Streamingkonzerte werden Filme über einige schöne und reizvolle Gegenden des Landes vorangestellt sein, um reiselustigen Hörern Appetit auf einen Besuch zu machen.

Das Festival steht unter der Schirmherrschaft des Palastes der Künste (Müpa), einer der bekanntesten Kulturinstitutionen Budapests und Herberge von klassischer, zeitgenössischer, populärer und Weltmusik, Jazz und Oper sowie Zirkus, Tanz, Literatur und Film. Direktor des Müpa Csaba Káel glaubt, „eine außergewöhnliche Zeit bedarf außergewöhnlicher, kreativer Lösungen.“ Er erinnert sich, dass Bartók einmal gesagt haben soll, niemand könne die gesamte Welt kennen, denn sie sei endlos in Raum und Zeit. „Nichtsdestotrotz“, so Káel, „werden wir in diesem herausfordernden und ungewöhnlichen Jahr versuchen, Raum und Zeit zwischen einigen der weltbesten Künstler und ihrem Publikum zu verringern, indem wir ungarische und europäische Städte auf den digitalen Plattformen des Bartók-Frühlings verbinden.“

Während das Festival Ungarns berühmten Sohn feiert, beschränkt es sich keineswegs nur auf dessen Musik, sondern versucht vielmehr, Bartóks Geist, seine Kreativität und Weltanschauung zu repräsentieren. Am 7. Mai beispielsweise folgen bei Riccardo Chailly und der Filarmonica della Scala Strawinskys L‘Histoire du soldat und die ultimative Beschwörung heidnischer Urtümlichkeit, Le scacre du printemps, auf Bartóks Rumänische Volkstänze.

Sir John Eliot Gardiner
© Sim Canetty-Clarke

 John Eliot Gardiner präsentiert am 14. Mai Bachs monumentale Johannes-Passion; Vasily Petrenko und das Royal Philharmonic Orchestra spielen am 17. Mai Brahms‘ überragende Vierte Symphonie, dazu Werke von Weber und Villa-Lobos. Am 18. Mai hört man aus dem Müpa einen Mozartabend mit György Vashegyi, dem Orfeo-Orchester und dem Purcell Choir. Doch auf dem Programm steht mehr als nur klassische Musik. Jede der drei größten Ballettkompanien Ungarns – die Zeitgenössische Tanzkompanie Szeged, die Ballettkompanie Győr und das Ballett Pecs – sowie das Ungarische Nationale Tanzensemble bringen zu den Kunstwochen eine neue Produktion mit. Budapest Ritmo öffnet Ohren für Weltmusik, Jazz und Electronica in Streams aus ungewöhnlichen Orten der ganzen Stadt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass dezidierte Liebhaber von Bartóks Musik zu kurz kommen. Das Kelemen Quartett spielt in neuer Besetzung an zwei Abenden (20. und 23. Mai) alle sechs seiner Streichquartette im Musikzentrum. Vorher noch, am 9. Mai, spielen junge Preisträger im Jugendstilgebäude der Liszt-Akademie ein Bartók-Programm voller ungarischer Volksmusikeinflüsse, einschließlich des Allegro barbaro, der Rhapsodie Nr. 2, der Fünfzehn Ungarischen Bauernlieder und des Dritten Streichquartetts.

Zum Abschluss des Festivals am 24. Mai wird der schnittig-zeitgenössische Nationale Béla Bartók-Konzertsaal Ort eines enorm ambitionierten Projektes. Nach Bartóks zentraler Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta führen Dirigent Gergely Madaras und die Ungarische Nationalphilharmonie zusammen mit der Zeitgenössischen Tanzkompanie Szeged ein Ballett des Choreographen Tamás Juronics auf. Die musikalische Basis dazu bietet Bartóks letztes Meisterwerk, sein Konzert für Orchester, entstanden 1943, als Bartók in den Vereinigten Staaten lebte, krank, gequält von Heimweh und voller Sorge über das Schicksal seines Heimatlandes im kriegsgeschundenen Europa. Zu diesem Zeitpunkt war er drei Jahre lang nicht in der Lage gewesen zu komponieren. Dann, im Krankenhaus, schrieb er all seine Alpträume, seinen Schmerz und seine Bitterkeit in das Werk, und doch erfüllte ihn sein wiedergefundener Kompositionseifer mit strahlendem Optimismus. Bartók erscheint selbst als Figur im Ballett, wo er sich die Bühne mit Charakteren seiner Opern wie Blaubart, dem wunderbaren Mandarin und dem holzgeschnitzten Prinzen teilt.

Um es mit den Worten von Müpas Csaba Káel zu sagen: „Bartók war nicht nur einer der größten ungarischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, sondern auch jemand, dessen Einfluss auf Ungarns Selbstbild sehr wichtig war. Das Bartók-Jubiläum 2021 bietet eine großartige Gelegenheit, um zu zeigen, dass wir schwierige Situationen mit Erfindungsreichtum und Kreativität bewältigen können. Wir haben vor, das Festival nach und nach zu einer landesweiten Veranstaltungsreihe und Ungarn damit zu einem noch attraktiveren Ziel für internationalen Tourismus zu machen. In diesem Jahr ist es uns wichtig, der Welt digital so viel wie möglich von Ungarns Schönheit und kulturellem Reichtum zu zeigen. Wir hoffen auch, dass wir im nächsten Jahr die Gelegenheit bekommen, Kulturliebhaber im Rahmen der Internationalen Bartók-Frühling-Kunstwochen persönlich willkommen zu heißen.“

Die Internationalen Bartók-Frühling-Kunstwochen finden vom 7. bis zum 24. Mai statt. Klicken Sie hier für weitere Informationen.

Dieser Artikel wurde gesponsert von Wavemaker Hungary.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.