Fassade des Landestheaters © Peter Philipp
Fassade des Landestheaters
© Peter Philipp

Dieses Frühjahr umfasst die österreichische Stadt Linz die Welt. Oder vielmehr Welten: Welten himmlischer Harmonie und Träume charakterisieren die beiden Opern, für die sich das Landestheater rüstet, Paul HindemithDie Harmonie der Welt und Michael Obsts Die andere Seite.

Hindemiths Oper, 1930 geplant, aber in den 1950ern komponiert, ist eine Art Gegenstück zu seiner früheren, bekannteren Oper über die Kunst, Mathis der Maler. Beide beschäftigen sich mit einer historischen Figur – dem Astronomen und Mathematiker Johannes Kepler beziehungsweise dem Künstler Mathias Grünewald – deren Arbeit und Glaube die Obrigkeit der Zeit gegen sie aufbrachte, und die für den Komponisten seine eigenen Erfahrungen mit den Nazis versinnbildlichten.

Kepler (1571-1630) ist besonders für seine Gesetze der Planetenbewegung bekannt, für seine Argumente, dass die physische Welt in ihrer Struktur harmonisch ist und dass Gottes Plan für das Universum auf Geometrie beruht. Vor einem Hintergrund religiöser Kriege – der zerstörerische Dreißigjährige Krieg wütete während seiner letzten Lebensjahre – und in einer Welt, in der seine eigene Mutter der Hexerei bezichtigt und vor Gericht gestellt wurde, führte Kepler die zuvor separaten Disziplinen der Physik und der Astronomie zusammen, schätzte die pythagoreische Idee der ‚Harmonie der Sphären’ und legte den Grundstein für Newtons Gravitationsgesetze. Dass Kepler einige seiner bedeutsamsten Jahre in Linz verbrachte, macht die Stadt zum idealen Ort für eine Neubewertung von Hindemiths lange vernachlässigter Opernstudie über die Lebensgeschichte des Wissenschaftlers. Die Harmonie der Welt wurde unter der Leitung des Komponisten 1957 in München uraufgeführt, doch ihre Musik und Ideen schienen den Horizont der versammelten Presse und musikalischen Größen zu übersteigen; nur Hindemiths Symphonie desselben Titels – verfasst 1951, bevor er ernsthaft an der Oper zu arbeiten begann – erreichte etwas, überwiegend dank der anfänglichen Unterstützung von Wilhelm Furtwängler.

Keplers Versuch, den Himmel zu chiffrieren, spiegelte sich gewissermaßen in Hindemiths eigenen musikalischen Theorien, die – weniger formelhaft als die Schönbergs – versuchten, neue Beziehungen zwischen allen 12 Tönen der chromatischen Tonleiter festzulegen. Das Ergebnis in seiner vorletzten Oper könnte als erweiterte Tonalität bezeichnet werden: die Ideen klingen beruhigend bekannt (Hindemith arbeitet sogar Melodien aus Keplers Zeit ein), doch ihre Verwendung erkundet neue Spannungen und harmonische Beziehungen. Während der Großteil der Oper sich in realistischem Fokus mit Kepler und seiner sich verändernden Situation befasst, kulminiert das Werk in einer Szene, in der Keplers Freunde, Feinde und Familienmitglieder nach dem Tod des Wissenschaftlers selbst die himmlischen Wesen in einer dramatischen Apotheose personifizieren, die als Mischung zwischen Fuge und Passacaglia präsentiert wird, einer Exposition der eigenen ‚Harmonie der Welt’ der Musik, die in gleißendem E-Dur endet.

Kepler erlangte vor allem Berühmtheit als Autor dessen, was als der erste Science-Fiction-Roman beschrieben wurde, Somnium (Traum) aus dem Jahr 1608. Durch glücklichen Zufall ist Michael Obsts Die andere Seite eine Musiktheater-Adaption eines der Klassiker und Frühwerke in der Gattung Fantasy. Der Originalroman, der sich gleichermaßen um das Konzept einer Traumwelt dreht, wurde 1908, genau 300 Jahre nach Keplers, von dem österreichischen Expressionisten und literarischen Wegbereiter Franz Kafkas Alfred Kubin verfasst. Die Geschichte wird aus der Perspektive des ‚Zeichners’ erzählt, einem namenlosen Schulfreund Pateras, einem ‚Philanthropen’, der einen finanziellen Glücksfall nutzte, um eine Vorbildgesellschaft, ein Traumreich in einer unbewohnten Gegend Asiens zu schaffen. Der Freund wird eingeladen, Teil der Gemeinschaft zu werden, und findet bald heraus, dass der Traum zum Alptraum von Unterdrückung, Totalitarismus und Zerfall geworden ist, der nur endet, als ein neuer, amerikanischer Ankömmling, Herkules Bell, zur Revolution und Zerstörung des Königreiches aufwiegelt.

Obst, der in diesem Jahr seinen 62. Geburtstag feiert, ist ein Musiker mit breitgefächerter Erfahrung. Er war Schüler und Assistent von Karlheinz Stockhausen, Gründungsmitglied des Ensemble Modern und dessen Pianist in den 1980ern, und ist als Komponist bestrebt, Elektronik mit traditionellem Instrumentarium zu kombinieren. Die andere Seite ist sein drittes Bühnenwerk und entstand 2008/09 für das Mainfranken Theater in Würzburg zu einem Libretto des Intendanten des Theaters Hermann Schneider. Es komprimiert Kubins Roman zu einem Drama von 18 Szenen sowie Prolog und Epilog mit einer Aufführungsdauer von etwa 100 Minuten. Seine Musik wird von zuvor aufgenommenen, elektronischen Klängen dominiert, die zunehmend prominenter werden, als sich die Traumwelt selbst zerstört, doch Obst bindet die Dinge auch durch den Gebrauch eines alten, armenischen Klagegesangs zusammen, vielleicht, um den ungenannten asiatischen Ort zu suggerieren.

Das Auditorium des Landestheaters © Peter Philipp
Das Auditorium des Landestheaters
© Peter Philipp

Die Dekonstruktion der Wirklichkeit spiegele sich in der Musik, sagt Obst. Der Klang der traditionellen Instrumente bricht zunehmend auf und die elektronische Musik gewinnt die Oberhand. Ist das Traumreich einmal zusammengebrochen, ende das Stück – abgesehen vom Epilog – logisch in einer elektronisch generierten, undefinierbaren Klangwelt. Oder in den Worten eines Kritikers nach der Würzburger Uraufführung: „Wenn der Vorhang fällt... hat man das Gefühl, gerade aus einem besonders intensiven, schrecklichen, aber auch faszinierenden Alptraum aufgewacht zu sein.“

Welten von Harmonie, Traum und Klang also werden diesen Frühling durch das Landestheater hallen.

 

Dieser Artikel wurde gesponsert vom Landestheater Linz.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.