Als ich den Dirigenten Alexander Liebreich anrufe, klingt er überrascht über meinen Anruf. Habe ich ihn zur falschen Zeit erwischt? „Ich bin im Parlament, um für Geld für das Strauss Festival anzusuchen”, entschuldigt er sich. Könnte ich ihn in einer Stunde zurückrufen?

Das tue ich also, und ich erwische Liebrich in bester Stimmung für jemanden, der gerade drei Stunden in einem Meeting mit der Bayerischen Bürokratie verbracht hat. Der Förderung für das Richard Strauss Festival in Garmisch-Partenkirchen, von dem Liebreich der neue künstlerische Leiter ist, wurde zugestimmt. Der Zugang zu finanziellen Mitteln war aufgrund von politischen Unstimmigkeiten blockiert. „Aber die momentane Regierung ist der Kultur mehr zugetan, und die Unterstützung wird dieses Jahr sogar größer sein als als letztes Jahr.” Reizt Liebreich die Politik? „Ich versuche weniger zu tun”, sagt er und legt eine kurze Pause ein. „Aber Politik kann interessant sein.”

Sein Verhandlungs-Talent hat Liebreich sicherlich geholfen. Als erster europäischer künstlerischer Direktor des südkoreanischen Tongyeong International Music Festivals, und einer der ersten Europäer, die Nordkorea regelmäßig besuchen, ist er dafür bekannt, gewagt innovative Projekte zu verwirklichen. Und in der polnischen Stadt Katowice, in der Liebreich als Chefdirigent des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks (NOSPR) arbeitet, ist seine Arbeit kaum weniger bahnbrechend. 2015 wurde er erster künstlerischer Leiter des Katowice Kultura Natura Festivals. Es ist nur eine von vielen Attraktionen in einer Stadt, die immer mehr zu einem kulturellen Zentrum wird.

Die zwei Programme von Liebreich und dem NOSPR beim diesjährigen Festival beinhalten Mahlers Dritte Symphonie und Tigran Mansurians Requiem. 2011 von Liebreich in Auftrag gegeben, ist das Werk dem Andenken der Opfer des armenischen Genozids gewidmet. Aber der Dirigent besteht darauf, dass das Werk „spirituell und nicht politisch” ist. „Musik ist die höchste nicht-politische Kunst. Man kann nicht erlauben, dass sie von der Politik missbraucht wird.”

Wird Liebreich zu neuer Musik hingezogen? „Ich habe für fünf oder sechs Jahre in Folge Werke von Komponisten wie Sciarrino und Haas in Auftrag gegeben. Aber ich hasse es, die Bezeichnung ,neue’ Musik zu verwenden. Ich liebe es, mit Komponisten an neuen Werken zu arbeiten. Aber das bedeutet nicht, dass Musik, die in der Vergangenheit komponiert wurde, alt ist. Ein Stück von Mozart ist, für mich, neu. Es liegt alles in der Interpretation.”

Das Festivalprogramm ist auffallend vielseitig. Welche Rolle spielte Liebreich in der Zusammenstellung? „Wir waren sehr streng, was das Programm angeht”, erklärt er. „Wir wollten keine Tourneebesuche, oder große Namen für den Ticketverkauf. Dieses Jahr ist das Thema Kindheit. Wir hatten ein langes Gespräch mit Ian Bostridge, und beschlossen, Britten mit Schumann zusammenzuführen. Mit der Tonhalle haben wir uns darüber unterhalten, was es so faszinierenden macht, ein Kind zu sein.” Das Ergebnis sind zwei verlockende Programme von Rimski-Korsakow bis Honegger und von Ravel bis Lutosławski und Dutilleux.

„Kindheit handelt von Märchen”, setzt Liebreich fort. „Vom Lernen der Realität während man die Fantasie erforscht. Ich habe einen achtjährigen Sohn. Wir haben gerade zusammen Harry Potter geschaut. Man erkennt, dass es der Schlüssel ist, wie Märchen und Magie die Grenzen des Lebens überwinden können.” Riskieren herausfordernde Programme, die Fantasie des Publikums zu überdehnen? „Wir müssen weitermachen. Man muss dem Publikum einfach vertrauen und sich denken ,wir ziehen das jetzt durch’. Wenn wir nicht in unsere Repertoire-Wahl vertrauen, wer dann? Wenn es nur noch darum geht, Tickets zu verkaufen, schaufeln wir unser eigenes Grab.”

Als Chefdirigent des NOSPR zeigt sich Liebreichs Gespür für Programme. Seit seiner Gründung in Warschau 1935, war das Orchester eine Art Botschafter polnischer Musik auf der Weltbühne, und hat mit polnischen Komponisten wie Górecki, Penderecki and Lutosławski und deren Uraufführungen von Werken zusammengearbeitet. Wie spielt das NOSPR diese Musik? „Sie erzählen Geschichten. Es liegt ihnen im Blut und es ist eine Musik, die authentisch für sie ist.” Es klingt allerdings so, als ob es nun auch in Liebreichs Blut liegt. „Wenn ich in Katowice bin, schlafe ich in Szymanowskis Bett”, bewundert er. „Ich bin im Zimmer 217 des Hotels, in dem der Komponist einst verweilte.”

Liebreich bezeichnet seine Lehraufenthalte an einer nordkoreanischen Universität als „eine der schönsten Erfahrungen in meinem Leben. Ich habe Musik auf unterschiedlichen Gebieten frei unterrichtet, und ich habe viel darüber gelernt, wo Wahrheit liegt. Wir hatten nur eine geringe Anzahl an Regeln. Keine nordkoreanische Musik, keine Orchester der Regierung und, dass Musiker aus dem Umland kommen mussten.”

Wie herausfordernd war die Erfahrung? „Es war leichter als so manche Diskussion mit der deutschen Regierung”, lacht Liebreich. „Die Idee eines vereinten Koreas hat zu einer Liebe zwischen Nord und Süd geführt, und es ist eine sehr tiefgehende Liebe. Es gibt diejenigen, die begeistert von einer Vereinigung sind und bei der bloßen Erwähnung der Idee beginnen sie sofort zu weinen.” In welchem Ausmaß kann kulturelle Diplomatie gespaltene Völker verbinden? „Wie Bernstein sagte, wir können die Regeln nicht ändern, aber wir können kleine Schritte unternehmen.”

Selbst wenn Musik nicht die Welt verändern kann, sie kann definitiv eine Stadt verändern. Wir kehren zurück nach Katowice – eine postindustrielle Stadt mit 310,000 Einwohnern, die in den letzten Jahren einer „Metamorphose” unterzogen wurde, wie Liebreich es beschreibt. Die regionale Regierung steckt jedes Jahr 45 Millionen Euro in die Kulturlandschaft, ganz nach dem Motto „von Schwerindustrie zur Kulturindustrie”. Und Musik schwingt überall mit. Die Stadt beheimatet bekannterweise die Karol Szymanowski Akademie, die das erste Institut für Jazz in Polen gründete, und 27 Musikfestivals, die unterschiedlichste Musikgenres beleuchten. Seit sie 2015 zu einer UNESCO Musikstadt wurde, hat Katowices kulturelle Zukunft nie besser ausgesehen.

„Ich finde es sehr beeindruckend”, sagt Liebreich. „Die industrielle Vergangenheit der Stadt ist deren Ursprung heutiger Kreativität.” Und es ist dieser Vergangenheit, der die NOSPR Konzerthalle – „eine der besten in Europa”, sagt Liebreich – Ehre erweist. Kohlenschwarz gebaut, ist sie ein Monument der Minentradition der Stadt.

Es ist oft der „Nicht-Ort”, schließt Liebreich ab, wo das wahre Musikmachen stattfindet. Das Kammermusikfest Lockenhaus begeistert, weil es erst 48 Stunden vor dem Konzert das Programm ankündigt. Beim Verbier Festival bringen die unterschiedlichen Musikanhänger eine besondere Atmosphäre, selbst ohne einen großen Auditorium. Eines von Liebreichs besten Konzerten war in dem ungewöhnlichen Umfeld einer Sporthalle in Llandudno.

Aber Liebreichs Beobachten zeigen noch etwas anderes: dass Musik die Macht hat, diese Nicht-Orte in In-Orte zu verwandeln. In Katowice hat die Investition in Kultur eine Umwandlung geschaffen und das klassische Musikfestival der Stadt ist eine besonders spannende Unternehmung, die dadurch entstand. Mit seinem gewagten, frischen und einfallsreichem Programm, hat die momentane Auflage des Kulture Natura Festivals einiges zu bieten.

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Dieser Artikel wurde vom Katowice Kultura Natura Festival gesponsert.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz