Amihai Grosz ist einer der vielseitigsten Bratschisten seiner Generation: nach 17 Jahren beim Jerusalem Quartett, ist er seit 2010 Erster Bratschist der Berliner Philharmoniker. Er spielt oft als Solist mit den weltbekanntesten Orchestern sowie auch mit den Philharmonikern selbst. Aber vor allem hat Amihai durch seine vielen beruflichen Erfahrungen über die Jahre eine tiefe Erkenntnis seines Instruments gewonnen, die er gern mit seinem Publikum und der jüngeren Generation teilt.

Amihai Grosz © Felix Rettberg
Amihai Grosz
© Felix Rettberg

PL: Karajan hat gesagt, dass die Berliner Philharmoniker das beste Orchester der Welt sei, weil jeder Streicher auch in einem Streichquartett spielt. Stimmen sie dem zu?

AG: Kammermusik ist die beste Schule, die man haben kann. Als Kammermusiker muss man natürlich wie ein Solist spielen; aber als Solist muss man wie ein Kammermusiker spielen. In einem Ensemble, was immer man auch spielt, gibt es eine Reaktion der Kollegen. Sie müssen über Zeit nachdenken, wie man einen Klang zusammen entstehen lässt… Wenn es ein Teil Ihrer DNA ist, entdeckt man eine andere Dimension der Musik. Es ist unglaublich. Die Berliner Philharmoniker sind so einmalig, weil man das Gefühl hat, es handle sich um eine Kammermusikgruppe, wenn wir auf der Bühne spielen.

Sie haben bereits als Solist mit „Ihrem” Orchester gespielt. Wie war das?

Es war anspruchsvoll. Vor allem, unabhängig davon, dass ich dort arbeite, ist es eine Art Lebenserfüllung, mit ihnen zu spielen. Dann kommt dazu, dass ich dort arbeite. Diese Leute sind erstaunlich, ich wusste sie würden mich unterstützen. Aber es ist in der Tat herausfordernd: wenn das Konzert wirklich schlecht ist, kann ich nicht einfach weggehen. Ich muss am nächsten Morgen wiederkommen, weil es mein Job ist!


2016 kehrten Sie zum Jerusalem Quartett zurück, um beim 20-jährigen Jubiläum zu spielen. Hatten Sie das Gefühl, dass sich etwas in Ihrer Wahrnehmung des Streichquartetts geändert hat?

Wenn man in einem Orchester spielt, ist es der Klang, der einen sofort überwältigt. Als Stimmführer muss ich immer einen Weg finden, wie ich mein Schiff in einer großen Symphonie steuere. Am Ende gab es mir ein größeres Spektrum was Klang und Farbe betrifft und ein besseres Verständnis musikalischer Höhepunkte. Das ist das, worauf ich hingewiesen habe, als ich von Zeit in der Musik sprach. Wenn man Bruckner, Mahler, all diese enormen Symphonien spielt, muss man die Architektur des Stückes verstehen. Natürlich gibt es Höhepunkte in der Kammermusik, aber die Struktur ist weniger offensichtlich. Wenn ich jetzt eine Phrasierung in einem Kammermusikstück sehe, frage ich mich, ob es nicht ein Teil einer größeren Konstruktion ist, die ich vorher nicht gefühlt hatte.

Was denken Sie ist die Funktion der Bratsche in einem Streichquartett und in einem Orchester?

Wenn sie in Ensembles spielten, spielten Mozart und Beethoven nicht die erste Violine: sie spielten die Bratsche! Vielleicht, weil man alles um sich herum fühlen kann. Deshalb liebe ich es.

Wäre das Orchester ein Körper, wären die Bratschen das Herz. Es funktioniert, ohne dass man es merkt. Man will nicht 24 Stunden am Tag an sein Herz denken… aber es ist da und verbindet die verschiedenen Organe ihres Körpers. Natürlich ist es für einen Zuhörer viel leichter der ersten Violine zu folgen, aber wenn man wirklich darüber nachdenkt und die Noten anschaut… die Viola ist der Klebstoff des Orchesters.


Nun, da sie andere Erfahrungen als Orchestermusiker gewonnen haben, würden Sie gern wieder einige Stücke für Kammermusik spielen?

Ich vermisse das Quartett. Wie soll man es nicht vermissen? Ich verließ das Quartett, weil ich fühlte, dass ich etwas anderes machen möchte. Aber Kammermusik ist Teil meiner DNA: Wenn ich es nicht regelmäßig spiele, vermisse ich es.

Sie arbeiten an einem Album mit dem Pianisten Sunwook Kim…

Es wird mein erstes Soloalbum sein und soll im Oktober 2020 herauskommen. Ich fühle mich sehr glücklich, der einzige Bratschist von Alpha Records zu sein. Es ist so bemerkenswert, ein Label zu sehen, das ein Risiko aufnimmt und nur vom musikalischen Standpunkt aus denkt. Sunwook ist ein guter Freund von mir. Ich fühle mich geehrt, dass er zugestimmt hat, mit mir diese Aufnahme zu machen.

In dem Album wird Schuberts Arpeggione-Sonate, Schostakowitschs Sonate und ein sehr persönliches israelisches Stück, Yiskor-In Memoriam von Ödön Pártos sein. Es ist voll von der typischen jüdisch-orthodoxen Lyrik und passt wunderbar zur Viola. Pártos war ein sehr berühmter Bratschist mit ungarischen Wurzeln. Es ist interessant, denn es vervollständigt das Programm wunderbar: auf der einen Seite sucht Schubert immer nach Optimismus, auf der anderen Seite ist die Sonate von Schostakowitsch eines der düstersten Stücke, die ich kenne. Pártos passt gut in die Mitte: es hat einige wirklich Schubert’sche Themen, aber auch diese jüdischen Melodien, die an Schostakowitsch erinnern.

Bis ins 20. Jahrhundert waren alle berühmten Violinisten auch Violavirtuosen. Heutzutage spielen nur wenige Violinisten die Bratsche. Ist diese Trennung eine gute Sache für Sie?

Ich denke, es ist normal: im letzten Jahrhundert wurde die Viola ein Soloinstrument. Jetzt spielen Leute die Viola, ohne vorher Violine gespielt zu haben. Technisch gesehen ist es wirklich schwer, die zwei Instrumente gleich wunderbar zu spielen. Es ist eine Sache des Klangs: wenn man einem Violinisten eine Bratsche gibt, wird es für ihn oder sie schwierig sein, einen guten Klang zu bekommen. Mit der Bratsche muss man wirklich mit der rechten Hand eindringen. Deshalb können die Geiger mit der linken Hand schneller spielen, es gibt weniger Spannung auf den Saiten.

Amihai Grosz, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker © Monika Rittershaus
Amihai Grosz, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker
© Monika Rittershaus

Sie spielen ein wunderbares Instrument von Gasparo da Salo. Warum ist es so speziell? Was halten Sie von den Unterschieden zwischen alten und modernen Instrumenten?

Heutzutage gibt es wunderbare moderne Instrumente. Aber alte Streichinstrumente haben etwas Besonderes an sich: Sie haben eine Seele. Es geht nicht um gut oder schlecht. Wenn man ein gutes altes Instrument findet, hat es eine Geschichte, etwas, was einen inspiriert. Man baut eine Verbindung zu ihm auf… oder nicht. Wenn man so ein Instrument spielt, teilt man immer die Bühne mit ihm, was man mit einem modernen Instrument nicht kann. Aber es ist auch eine gute Sache, denn man fühlt sich sicherer, es kann einfacher sein, zu erreichen was man braucht. Die Beziehung ist anders mit einem alten Instrument. Nicht jeder Tag ist ein großer Tag, manchmal kämpft man ein wenig… Wenn ich meine Gasparo da Salo spiele, sind wir zu zweit auf der Bühne.

Haben Sie ein Viola-Idol?

Vielleicht Pinchas Zuckerman. Denn ich bin mit seinen Schallplatten aufgewachsen. Es ist schwer für mich, an jemand anderen zu denken. Er kommt jedes Jahr nach Israel und ich sah ihn oft als Kind.

Irgendeinen Rat für junge Bratschisten?

Wenn ich junge Bratschisten höre, achte ich immer auf zwei Dinge: die Art wie er oder sie eine Phrasierung bildet und den Klang. Es gibt keinen Grund, die Bratsche zu wählen, wenn man keinen schönen Klang hat. Für mich hat die Viola den menschlichsten Klang. Wenn man sich dessen bewusst ist, finde Deinen eigenen Klang und denke technisch: „wie kann ich ihn hervorbringen?” Ich höre oft Sänger, um mir zu helfen. Wenn ich während eines Fluges Gänsehaut brauche, höre ich immer Pavarotti. Es ist etwas in seinem Vibrato, das mich tief aufwühlt. Um Deinen eigenen Klang zu finden, nimm von allem was Du kannst. Aber er muss von Dir selbst sein und er muss schön sein.

Amihai Grosz © Monika Rittershaus
Amihai Grosz
© Monika Rittershaus

Tut mir Leid, Sie das zu fragen… Haben Sie einen guten Bratschenwitz?

Ich erzähle Dir einen, aber er ist lang. Also dieser Bratschist geht an den Strand von Tel Aviv und stolpert plötzlich über eine goldene Lampe. Ein Flaschengeist kommt heraus und sagt dem Bratschisten „Du hast drei Wünsche, was immer Du Dir auch wünschst.” Der Bratschist denkt nach… „Oh! Ich möchte der Stimmführer meines Orchesters sein.” Und plötzlich wird der Bratschist Stimmführer, er ist verblüfft, es ist… unglaublich. Am nächsten Tag geht er zum Flaschengeist mit einer Landkarte vom Mittleren Osten und sagt ihm „Wissen Sie, ich wohne hier in Israel und die politische Situation ist so schlecht… Ich wünsche mir, dass Sie Frieden in dieses Land bringen.” Aber der Flaschengeist schüttelt den Kopf: „Tut mir leid, das kann ich nicht, meine Kraft reicht nicht aus.” „Okay”, sagt der Bratschist, „wissen Sie, ich möchte das Hoffmeister-Konzert spielen, aber wirklich sauber, richtig gestimmt und mit einem guten Klang…”

Und der Flaschengeist sagt: „…Okay, zeigen sie mir nochmal Ihre Landkarte!”


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.