Wenn der Vater Soloklarinettist bei den Wiener Philharmoniker ist, ist man vielleicht dazu bestimmt, dieses Instrument zu spielen, aber Andreas Ottensamers musikalische Reise begann zunächst auf einem ganz anderen Weg. Er lernte zuerst Klavier und dan Cello, bevor er „recht spät”, im Alter von 13 Jahren, zur Klarinette wechselte. Später würden die Ottensamers die herrschende Klarinetten-Dynastie der Welt werden. Sein älterer Bruder, Daniel, begann wie deren Vater, Ernst, bei den Wiener Philharmonikern, während Andreas’ Karriere ihn nach Berlin führte, zunächst zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dann zu den Berliner Philharmonikern.

Andreas Ottensamer © Anatol Kotte | Mercury
Andreas Ottensamer
© Anatol Kotte | Mercury

„Wenn ich zurückblicke”, erklärt Andreas, „war das Besondere – was ich damals noch nicht begriff – in meiner Kindheit, dass, wenn man von Musik umgeben ist, man es im besten Sinne als selbstverständlich sieht. Wenn ich eine Erinnerung wählen müsste, wären es die Besuche an der Wiener Staatsoper mit unserer Mutter, wenn mein Vater im Orchestergraben spielte… eines der lebhaftesten Bilder meiner Kindheit. Eine Oper, die mir sehr schnell ans Herz wuchs, war Tosca, nicht nur wegen des großartigen Klarinettensolos im dritten Akt, sondern wegen der gesamten Bühne, des gesamten Erlebnisses. Für ein Kind ist Tosca eine Oper, in der viel passiert und man versteht die Handlung leicht. Und die Musik ist natürlich wunderschön.”

Ernst ist nach beeindruckenden 34 Jahren bei den Wiener Philharmonikern, letztes Jahr überraschend verstorben. Ich frage Andreas, ob er Ernsts Klang beschreiben und mit seinem eigenen vergleichen kann. „Es ist sehr schwer, Klang zu beschreiben, weil es eine so persönliche, subjektive Angelegenheit ist, aber sein Spiel – weniger sein Klang – entsprach sehr der Wiener Klarinettentradition, die eine so lange und wichtige Geschichte hat. Ohne irgendwelchen Umschweife würde er einfach geradeaus darauf losspielen, und es schien, dass die Musik genau so sein sollte. Natürlich gibt es mehr als eine richtige Art zu spielen, aber wenn man ihm zuhörte, dachte man immer „Ja, das macht absolut Sinn”. Ich bin mit diesem Klang aufgewachsen und das hat meine eigene Herangehensweise vollkommen bestimmt. Diese Grundlage hat meine musikalische Persönlichkeit unheimlich beeinflusst. Als ich nach Berlin ging, hatte ich viele musikalische Inspirationen, ich glaube, dass es mir viele Türen geöffnet hat, um meine Vorstellungen und Blickwinkel zu ändern, oder zumindest meine Möglichkeiten zu erweitern, obwohl ich dem Wiener Stil des Klarinettenspiels immer treu geblieben bin.”

Ottensamer spielt auf einer Klarinette, die speziell für ihn von Johanna und Otto Kronthaler angefertigt wurde. Wir sprachen über verschiedene Klarinettensysteme und -bauer. „Bei der Klarinette ist es wunderschön, diese unterschiedlichen Schulen zu haben. Es gibt das Deutsche System und das Französische System, die unterschiedliche Griffe haben. Das Wiener System ist ähnlich dem Deutschen, aber hat eine weitere Bohrung, was zu einem dunkleren Klang und einem volleren Ton führt und diesem abgerundeten Spiel. Mein Instrument ist perfekt dafür – genau danach habe ich gesucht und das schätze ich an meinem Instrument am meisten, verglichen zu einem französischen oder deutschen Instrument. Die Klarinettenbauer (Kronthaler) sind einfach verrückte Perfektionisten und selbst unglaubliche Musiker – die Chancen stehen eins zu einer Million, dass man jemanden findet, der die gleichen Vorstellungen von meinem Spiel hat, und wir haben herausgefunden, dass wir uns sehr ähnlich in unseren Ansichten sind. Das Ehepaar stellt die Instrument her und versteht ganz genau, was ich brauche.”

Ottensamer spielt auf Plastik- und Holzblättern. „Ich spiele gern auf harten Blättern. Es braucht zwar eine Zeit, um sich daran zu gewöhnen, aber am Ende erlaubt es einem ein größeres Klangspektrum. Auf leichten Blättern zu spielen ist natürlich einfacher, aber sie kommen mit einer gewissen Begrenzung was die Dynamik angeht. Man würde die Qualität des Klangs verlieren, wenn man den Ton auf einem leichten Blatt zu sehr öffnet.”

Andreas Ottensamer © Lars Borges
Andreas Ottensamer
© Lars Borges

Mit dem Umzug von Wien nach Berlin, meine ich, dass Ottensamer eine Veränderung des Orchesterklangs wahrgenommen hat. „Es gibt sogar Tag für Tag Unterschiede im Orchester, abhängig davon, wer spielt”, lacht er, „oder wo sie spielen, oder wer dirigiert, oder was sie zum Mittagessen hatten! Es ist also viel schwieriger als wir denken, wenn wir Orchester miteinander vergleichen. Natürlich hat jedes Ensemble seine eigene Dynamik.”

„In Wien geht es viel ums gemeinsame Treibenlassen, oft übernimmt dabei der Konzertmeister die Führung. Es geht darum, einen sehr homogenen Klang zu produzieren, diese traditionelle Wiener Phrasierung, wohingegen es in Berlin viel um die Energie geht, um Impulse, um ein, im besten Sinne, Übermaß an Persönlichkeit. Es macht viel Spaß, mit den Berliner Philharmonikern zu spielen”. Diese Saison ist die letzte mit Sir Simon Rattle an der Spitze und es ist deutlich, dass der britische Dirigent einen großen Einfluss auf Ottensamer hatte. „Er ist ein Genie. Er hat ein solches Arbeitspensum, aber irgendwie hat er immer alles unter Kontrolle, will immer das Beste herausholen. Er ist dabei immer ruhig und gelassen. Er zeigt einen unglaublichen Intellekt, die Art und Weise, wie er mit der Musik umgeht und alle Details kennt, ist beeindruckend.”

Abseits des Orchesters blüht Ottensamers Solokarriere auf, mit einem Plattenvertrag, der es ihm erlaubt, Werke von weniger bekannten Komponisten aufzunehmen, wie zum Beispiel Carl und Johann Stamitz – eine der großen Klarinettendynastien der Vergangenheit. Auch bei seiner Residency mit dem Bournemouth Symphony Orchestra spielt er Konzerte der zwei Komponisten. Wir sprechen darüber, wie die Stamitz-Konzerte auf vielfältige Weise, das „fehlende Glied” zwischen Barock und der Klassik sind. „Es war eine so wichtige Zeit für die Entwicklung der Klarinette; genau genommen hat das Instrument hier eine Bühne bekommen”, erklärt Ottensamer enthusiastisch. „Wenn man einen ersten Blick auf die Musik wirft, wirken sie ganz gewöhnlich – vielleicht sogar langweilig – aber man muss sie mit den Augen derjeniger betrachten, die sie damals gespielt haben, was den Stil angeht, und wie man sie spielt. Man ist sehr frei darin, den solistischen Teil auszuschmücken. Das Konzert von Johann ist wunderschön, sehr gallant. Wenn man es mit einem Orchester spielt, das sich in diesem Genre wohlfühlt, dann hat es eine unglaubliche Dynamik und es macht viel Spaß zu spielen.”

Andreas Ottensamer © Katja Ruge | Decca
Andreas Ottensamer
© Katja Ruge | Decca

Das führt mich zu meiner nächsten Frage, ob Ottensamer mit dem Gedanken spielt, auf historischen Instrumenten zu spielen, aber er hat hier eine entschlossene Antwort parat. „Es gibt viele, die das unglaublich gut machen, aber die Sache, die mich zurückhält, ist, dass Klarinetten sehr unterschiedlich zu Streichinstrumenten sind, die damals schon vollständig entwickelt waren. Spielt man auf einer historischen Geige, dann geht es mehr um den Klang und den Stil als um die Entwicklung des Instruments. Aber wenn man bei der Klarinette zweihundert Jahre zurückgeht, dann hat man plötzlich weniger Tonlöcher und Klappen – man kann die Hälfte der Noten nicht richtig spielen und man muss andere Griffe finden, was natürlich die Intonation beeinflusst! Beim Spielen auf einer historischen Klarinette geht es um die Qualität des Instruments, also spiele ich auf einer modernen Klarinette, mit einem großen Bewusstsein für den historischen Stil und Klang und die Gestik und Artikulation, die ich erreichen möchte.”

Ottensamer konvertierte jedoch für seine neue Bassettklarinette. „Ich habe das Mozart-Konzert bereits damit gespielt”, erklärt er. „Ich passe immer noch ein paar Dinge an und es ist eine komplett andere Welt. Ich habe auch das Klarinettenquintett darauf gespielt und es ist unglaublich, welchen Effekt diese zusätzlichen zweieinhalb Töne haben!”

Das Mozart-Konzert ist für alle Klarinettisten etwas Spezielles, aber welches Werk würde Ottensamer mit auf eine einsame Insel nehmen? „Das Schöne an der Musik – und es ist das Gleiche bei Essen – ist, womit will man den Rest seines Lebens verbringen? Ich würde wahrscheinlich keines mitnehmen – oder einfach Brot und Butter, wenn es ums Essen geht. Die Vielfalt zeichnet die Schönheit der Musik aus, besonders bei der Klarinette, wo wir mit einem so vielseitigen Repertoire gesegnet sind.” Nach einer Pause fügt er jedoch hinzu, „Aber ein Stück, dass einen großen Einfluss auf mich hatte und das ich immer in meinem Herzen trage, ist Brahms’ Klarinettenquintett.” Kein schlechtes Meisterwerk für das restliche Leben.

 

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Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.