Roza Nolčeva-Angelovska
© Erik Larsson
Die Stadt Gävle liegt an der Ostseeküste, etwa 160 Kilometer nördlich von Stockholm. Die Industriegemeinde mit ihrem bedeutenden Hafen ist außerhalb Schwedens vielleicht am besten als Heimat der Gävle-Ziege bekannt, ein weihnachtliches Motiv, das als größte Strohziege der Welt einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde erhielt. Kulturliebhaber schätzen die Stadt jedoch aus einem ganz anderen Grund: das Symphonieorchester von Gävle, das seit mehr als einem Jahrhundert das Zentrum des künstlerischen Lebens der Stadt bildet. Die Zahl der internationalen Musikliebhaber, die diese illustre Truppe kennenlernen, wächst von Jahr zu Jahr.

Das 1912 gegründete Symphonieorchester Gävle ist eines der drei ältesten Orchester Schwedens; nur das Königliche Philharmonische Orchester Stockholm (1902) und das Symphonieorchester Göteborg (1905) sind älter. Im Einklang mit seiner Lage in einer Stadt mit rund 100 000 Einwohnern legt das Orchester großen Wert auf langjährige Beziehungen zwischen den Musikern und seine Verbundenheit mit der Gemeinde.

„Wir sind ein eher kleines Symphonieorchester”, erklärt mir Roza Nolčeva-Angelovska, die Programmdirektorin und künstlerische Leiterin des Orchesters. „Als es gegründet wurde, war das ein kleines Wunder, denn die Stadt war ein Industriezentrum - ein Ort, an dem die Kultur keine große Rolle spielte. Es war etwas ganz Neues und Großes, und es ist seitdem ein wichtiger Teil der Stadt geblieben. Es ist über 100 Jahre lang gewachsen, und ich glaube, dass wir gerade jetzt eines der besten Jahre erleben, die das Orchester in seiner Geschichte je hatte.”

Das Orchester erlangte unmittelbar nach seiner Gründung Anerkennung auf lokaler Ebene, obwohl es in seinen Anfangsjahren wohl ein regionales Phänomen blieb. Der Rest Schwedens – und der Welt – fing an aufzuholen, nachdem das Orchester schon einige Jahrzehnte alt war. Die ersten kommerziellen Aufnahmen wurden Mitte der 1960er Jahre gemacht. Dies fiel mit einem kulturellen Aufschwung zusammen, der das Leben in Gävle als Ganzes beeinflusste.

„In dieser Stadt gab es schon immer Menschen, die Kultur schätzen”, sagt Nolčeva. „Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren gab es einen starken Impuls für die Kunst. Viele Skulpturen wurden in Auftrag gegeben oder gebaut und hierher gebracht, darunter ein sehr großes Werk des britischen Bildhauers Henry Moore. Ungeachtet der Tatsache, dass dies eine Arbeiter- und Fabrikstadt ist, haben sich die Menschen hier schon immer stark zur Kunst hingezogen gefühlt. Gävle ist schon seit langem als Kulturstadt bekannt.”

Das Symphonieorchester Gävle
© Nikolaj Lund

Die Bedeutung des Symphonieorchesters von Gävle hat sich auch auf die Stadtplanung ausgewirkt. Schon in den Gründungstagen des Orchesters war abzusehen, dass die Symphoniker irgendwann aus ihren Räumlichkeiten im Gävle-Theater, einem Gemeinschaftshaus, herauswachsen würden. Aber erst 1998 erhielt das Orchester einen eigenen Konzertsaal, der am Ufer des Flusses Dalälven gebaut wurde.

„Nächstes Jahr, im Januar 2023, feiern wir das 25-jährige Bestehen”, sagt Nolčeva. „Es ist ein vollwertiger Konzertsaal für sich. Wir veranstalten unsere eigene Konzertreihe und es ist ein Zuhause für das Orchester, aber es finden auch andere kulturelle Veranstaltungen statt – einschließlich Pop und Jazz. Und das zeigt die enge Verbundenheit zwischen dem Orchester und der Stadt, denn wir werden von der Gemeinde finanziert. Das spricht auch dafür, wie fruchtbar dies für das Leben speziell in dieser Stadt ist: Das Orchester ist eine sehr starke Bereicherung für die lokale Gemeinschaft.”

Klassische Musiker haben die Stadt schon immer zu schätzen gewusst. Die Liste der Koryphäen, die in Gävle Station gemacht haben, ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Nolčeva ist der Ansicht, dass der einzigartige Klang und die engen Beziehungen, die das Orchester aufgebaut hat, es zu einem begehrten Zwischenstopp für alle gemacht haben, von Martha Argerich bis Esa-Pekka Salonen.

„Ich war überwältigt, als ich die Erfolgsbilanz des Orchesters sah”, erzählt sie mir. „Wenn man nur zurückgeht und sieht, wie Größen wie Mitsuko Uchida auf dieser Bühne gespielt haben, ist das ziemlich erstaunlich, und es herrscht ein Gefühl von Privileg und Stolz innerhalb der Gemeinde. Die Mitglieder des Orchesters sind es heutzutage gewohnt, Dirigenten und Solisten von Weltrang zu empfangen. Manchmal sind die Gastkünstler mit dem Ensemble nicht ganz vertraut, und sie sind von der Qualität und dem Klang des Orchesters völlig überwältigt. Sie erkennen die besondere Hingabe und die fast greifbare Leidenschaft, mit der das Orchester spielt. Sie haben eine enorme Energie und sind unglaublich motiviert.”

Das Symphonieorchester Gävle
© Nikolaj Lund

„Da das Ensemble eher klein ist, gibt es auch dieses ganz besondere Gefühl einer engen, starken Verbindung zwischen den Musikern”, fährt Nolčeva fort, „und das ist eigentlich ziemlich offensichtlich, wenn man sie auf der Bühne sieht. Als wir vor kurzem Janine Jansen zu Gast hatten, war sie beeindruckt, wie einfach es war, mit dem Orchester und dem Chefdirigenten Jaime Martín zu arbeiten, obwohl sie zum ersten Mal hier war. Sie war absolut begeistert, dass sie in der nächsten Saison wieder eingeladen wurde, und das ist bei den Künstlern, die wir zu Gast haben, oft der Fall.”

Unter Martíns Amtszeit, die in diesem Jahr endet, hat das Orchester seinen Status als verborgener Schatz abgelegt. Das Orchester, das jetzt bei dem finnischen Label Ondine unter Vertrag steht, hat seine Einspielungen verbessert und wird 2019 eine CD mit Brahms und Hubert Parry herausbringen. Nolčeva bezeichnet auch die Umstellung auf digitale Programme aufgrund der Lockdowns als einen Segen, da sie es Zuschauern aus aller Welt ermöglicht, das hohe künstlerische Niveau des Orchesters von zu Hause aus zu erleben. Da Europa seine Grenzen und Konzertsäle wieder öffnet, ist das Orchester bestrebt, mehr internationale Engagements zu spielen und strategische Verbindungen zu knüpfen. „Wir haben im Laufe der Jahre auch sehr fruchtbare Beziehungen zu Komponisten aufgebaut”, fügt Nolčeva hinzu, „und wir geben selbst gerne neue Musik in Auftrag, aber auch gemeinsam mit den großen Orchestern.”

Das Symphonieorchester Gävle
© Nikolaj Lund

2023 wird das Orchester auch in das Vereinigte Königreich zurückkehren, wo es Anfang 2020 erfolgreich auf Tournee war. Nolčeva betont, dass die Tourneen dem Orchester auch die Möglichkeit geben, die großartige schwedische Musik zu präsentieren, die manchmal im Standardrepertoire verloren geht, und die sie als ihr Aushängeschild betrachten.

„Der einzige Komponist, der aus diesem Teil Schwedens stammt, ist Bo Linde, der in Gävle geboren wurde”, erzählt sie mir. „Sein Sohn hat während seiner gesamten Karriere das Waldhorn im Orchester gespielt. Das ist etwas, das wir zeigen wollen. In den letzten Jahren haben wir das getan, indem wir sein Violinkonzert und sein Cellokonzert gespielt haben. Im Jahr 2023 werden wir sein Pezzo Concertante für Bassklarinette und Orchester aufführen, das völlig aus dem Standardrepertoire herausfällt. Wir werden weiterhin seine Werke spielen und seinen Namen in der Musikwelt verbreiten. Und wir werden eine seiner Ouvertüren mitbringen, wenn wir nach Großbritannien kommen.”

Das Symphonieorchester von Gävle, das aus einer kleinen Ecke Schwedens stammt, ist heute ein Botschafter in ganz Europa und beweist, dass große Errungenschaften auch an unerwarteten Orten entstehen können. Wo früher vor allem Kupfer und Eisen in weit entfernte Länder transportiert wurden, ist heute die Kultur das wichtigste Exportgut.


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Dieser Artikel wurde gesponsert vom Gävle Symphony Orchestra.


Ins Deutsche übersetzt von Elisabeth Schwarz.