Er füllt unser Gespräch mit lebhaften Gesten, so impulsiv und überzeugend, als ob er sein Cello zum Singen bringt. Jean-Guihen Queyras wird das erste mal mit dem Orchestre Métropolitain of Montreal zusammenarbeiten, und er freut sich besonders auf Yannick Nézet-Séguin, den er vor einigen Jahren zum ersten Mal traf. „Yannick hat ein besonderes Charisma und verströmt so viel Wärme, dass sich jeder an sein erstes Treffen mit ihm erinnern kann. Unseres war in Rotterdam, unter etwas unorthodoxen Umständen. Am Tag zuvor hatte ich ziemlich weit entfernt ein Konzert gespielt und verbrachte den Großteil des Tages im Zug und im Flugzeug. Als ich endlich ankam, hatte die Probe bereits begonnen, also lief ich mit meinem Cello auf die Bühne. Da wurden wir das erste Mal einander vorgestellt und Yannick nahm mir sofort jegliche Nervosität mit seiner einzigartigen positiven Einstellung.”

Jean-Guihen Queyras © Marco Borggreve
Jean-Guihen Queyras
© Marco Borggreve

Gäbe es ein einziges Wort, mit dem man Yannick Nézét-Séguin beschreiben müsste, es wäre „positiv”. In unserer Zeit gibt es nur wenige Dirigenten, die ein solches Talent haben, menschliche Gefühle in ihrer Interpretation der Musik herauszubringen. „Yannick ist ein außergewöhnlicher Kammermusiker. Er begleitet nicht einfach nur, ich habe wirklich das Gefühl ein Duett mit ihm zu spielen, fast als ob er am Klavier säße und wir Kammermusik spielten. Zusätzlich zu seiner Gabe, zuzuhören und zu reagieren, kann er das Publikum mithilfe der Musik anregen.” Aber dieses blinde Verstehen darf nicht mit Improvisation verwechselt werden. Tatsächlich wird alles genau vorbereitet, wie Queyras erklärt: „Wir werden uns zwei Tage vor dem Eröffnungskonzert in Montreal treffen, um das Werk zu besprechen und die Wahl der Tempi zu klären.”

Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Orchestre Métropolitain © François Goupil
Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Orchestre Métropolitain
© François Goupil
1872 komponiert und im folgenden Jahr uraufgeführt, fand Saint-Saëns' Cellokonzert Nr. 1 schnell Einzug in das Repertoire der Solisten und wird noch immer regelmäßig aufgeführt, mit seiner unbeschwerten Grazie für das Publikum ansprechend. „Ein Reiz des Konzerts ist, dass es zwischen den Sätzen keine Pausen gibt: es reißt dich mit, zieht dich in den Sog der Musik hinein. Von einem Satz in den anderen überzugehen ist nicht so schwer, vor allem da das Konzert nicht so lang ist. Es ist nicht annähernd so schwierig wie das Projekt, bei dem ich alle sechs Bach-Suiten ohne Unterbrechung spiele, über mehrere Abende. Es ist körperlich so anstrengend, dass ich jeden Tag eine Massage brauche, um meinen Körper zurück in Form zu bringen.”

Natürlich kommt in einem kürzeren Werk, das mehr zum Genre einer Fantasie gehört, eine andere Form der Verführung zum Einsatz. „Das Werk zeigt eine gewisse Oberflächlichkeit, und ich meine das nicht negativ. Als sich jemand bei Yo-Yo Ma über  Saint-Saëns’ ,Mangel an Tiefe’ beschwerte, antwortete er zurecht ,Wissen Sie, nicht alles im Leben muss tiefgründig sein’. Es ist natürlich kein Konzert, bei dem extrem raffinierte Artikulationen mitspielen – wie es zum Beispiel bei den Bach-Suiten der Fall ist – aber das mindert keineswegs dessen Charm, der, ganz klar, absolut fantastisch ist!”

Hören Solisten die Aufnahmen ihrer Kollegen auf der Suche nach Inspiration an? Queyras gibt mehrere Antworten, die sich teilweise widersprechen. Queyras' unangefochtener Glaube an Fortschritt hat ihn von dem lähmenden Spektrum der Beeinflussbarkeit befreit: „In der Vergangenheit habe ich penibel vermieden, andere Versionen zu hören, um nicht zu sehr von den großen Meistern der Vergangenheit beeinflusst zu werden. Heutzutage fühle ich mich wesentlich wohler dabei, und es ist mir keineswegs unangenehm zuzugeben, dass ich unzählige unterschiedliche Aufnahmen anhöre und mir erlaube, von ihnen inspiriert zu werden. Beim Saint-Saëns habe ich dies noch nicht gemacht, aber ich werde bestimmt Yo-Yo Mas Aufnahme anhören, Fourniers und Gendrons, um nur ein paar zu nennen.”

Jean-Guihen Queyras © Marco Borggreve
Jean-Guihen Queyras
© Marco Borggreve
Lässt sich eine französische Schule des Cellospiels wahrnehmen? Nicht mit Sicherheit: viele junge Musiker sehen zu Queyras auf, aber es ist schwer zu verkünden, dass er in die Fußstapfen seiner Vorgänger getreten ist. Damit konfrontiert, legt er sich nicht zwingend fest: „Natürlich gibt es Cellisten, auf die ich immer wieder zurückkomme, aber wenn an so großes Erbe an Aufnahmen hat, wie dies für Cello, darf man niemanden auslassen. Es hängt vom Repertoire ab. Spielt man Prokofiew, Schostakowitsch oder Britten, kommt man nicht an Rostropovich vorbei. Yo-Yo Ma ist noch immer der Meister intelligenter Phrasierungen; Fourniers Spiel ist atemberaubend schön und elegant; Casals fängt Menschlichkeit so gekonnt ein, dass es mich zu Tränen rührt.”

Im Wirbelwind all dieser Reisen und Konzerte, lässt eines nie nach: die Aufregung, in einem neuen Konzertsaal zu spielen. „Der Saal ist genau genommen einer der Künstler bei einem Konzert: er hat einen enormen Einfluss darauf, wie man spielt. Wann immer man das erste mal in einem Saal spielt, muss man ihn zunächst zähmen, man braucht Zeit, um die Akustik kennenzulernen. Ein Beispiel, das mir dazu einfällt, ist Haydns C-Dur Konzert, das ich letztes Jahr mit Yannick und den European Chamber Orchestra gespielt habe. Der erste Termin war im Mozarteum in Salzburg, ein Kammermusiksaal mit 800 Plätzen; am nächsten Tag waren wir in der Philharmonie Paris mit 2,400 Sitzen. Vergleicht man die Aufnahmen der beiden Konzerte, ist der Unterschied sofort offensichtlich: wenn man buchstäblich doppelt so viel Raum hat, muss man wesentlich mehr herausstechen, um diesen auch zu füllen.” Die jüngste Entwicklung, Weingarten-große Säle zu bauen, der momentane Stil seit der Berliner Philharmonie, kommt mit einer Änderung der Sichtweise einher, die Balance in Richtung des Publikums verschieben, das selbst ein „Musiker” im Konzert wird. „Mit den zentralen Bühnen, sind sich die Elbphilharmonie in Hamburg und die Pariser Philharmonie sehr ähnlich. Man spielt dort, als ob man in der Mitte einer Arena wäre, was auch bedeutet, das das Publikum mit sich selbst in Kontakt steht: anstatt in Dunkelheit gehüllt zu werden, sehen sie andere Zuhörer. Diese Nähe hat ihre Vorteile, aber es ist auch eine Herausforderung für die Musiker, weil es schwieriger sein kann, sich zu konzentrieren…”

Welchen Saal-Stil bevorzugt Queyras? Es hängt natürlich von der jeweiligen Stimmung ab. Aber gesteht eine leichte Nostalgie an die klaren Akustiken der Schuhkarton-Säle der Vergangenheit ein, „selbst wenn sie aus der Mode kommen.” Dies hält ihn nicht davon ab, die exzellenten neueren Säle anzuerkennen. „Wo die Säle in Hamburg und Paris besonders hervorstechen ist darin, dass sie erfolgreich eine intime Akustik in einem Saal mit einer Kapazität für über 2,000 Personen kreieren.”

Elbphilharmonie in Hamburg © Claudia Hoehne
Elbphilharmonie in Hamburg
© Claudia Hoehne
Für einen außenstehenden Beobachter, mag nach einem reinen Vergnügen klingen, die Welt zu bereisen und mit den besten Orchestern in den besten Konzerthallen der Welt zu spielen. Aber das Leben eines Künstlers auf einer Konzerttournee verlangt nach einwandfrei guten Regeln. “Tourneen verlangen Disziplin. Ich mache zum Beispiel jeden Tag nach dem Aufwachen meine morgendlichen Übungen, eine Form von Yoga, die absolut notwendig sind, damit ich funktioniere. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen. Dann arbeite ich ein bisschen, erledige das Packen. Mit all dem vergeht der Tag relativ schnell, also bleibt nicht immer viel Zeit, um zu üben, abgesehen von einer Stunde vor der Probe mit dem Orchester, um mich einzuspielen und an der Intonation zu arbeiten.” Obwohl Queyras die dankbar ist, die Welt im Namen der Musik zu bereisen, ist das neue Repertoire seine hauptsächliche Motivation. „Ich hatte schon immer ein vielseitiges Temperament. Es liegt mir im Blut. Schon als junger Student war ich sehr neugierig und flirtete mit jeglichem neuen Repertoire. Im Konservatorium war ich derjenige, zu dem die Kompositions-Stunden kamen, wenn sie ein Versuchskaninchen brauchten.” Obwohl es wichtig ist, dass man nicht zu lange im gleichen Repertoire festhängt, meint Queyras, dass dies nicht genug sei: „Als Interpret muss man es schaffen, sich selbst zu finden, indem man jemand anderes Universum erforscht: man ist niemals ganz derselbe, wenn man Bach oder Kurtág spielt. Und wenn ich in einem Monat Saint-Saëns spiele, werde ich jemand neues sein.”

 

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Dieses Interview wurde vom Orchestre Métropolitain of Montreal gesponsert.

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz