Für Mezzosopranistinnen ist das Spielen von Jungs Teil des Jobs. Kate Lindseys letzte drei Rollen in London waren Cherubino (der lüsterne Page in Le nozze di Figaro), Lazuli (in Chabriers L’Étoile) und Nicklausse, Hoffmanns Kumpan. Während der Vorstellungsreihe von Hoffmann – der letzten Landpartie von John Schlesingers klassischer Produktion, bei der es aber in allen Fugen kracht – trafen wir uns zum Mittagessen, doch neben den Hosenrollen, die ihr Alltagsgeschäft sind, war es besonders ihr Debüt als Dorabella in Christophe Honorés kontroverser Inszenierung von Così fan tutte letzten Sommer, um die sich unser Gespräch drehte.

Kate Lindsey © Rosetta Greek
Kate Lindsey
© Rosetta Greek

Die Produktion, über die ich schrieb, nachdem ich sie online im Stream gesehen hatte, versetzte die Handlung vom Neapel des 18. Jahrhunderts in eine Garnison italienischer Soldaten im von Mussolini besetzten Eritrea der späten 1930er. Die Vergewaltigung einer der schwarzen Sklavinnen während der Ouvertüre stimmte auf die Produktion ein. In Don Alfonsos zynischem Plan verkleiden Ferrando und Guglielmo sich mit geschwärzten Gesichtern als Dubats, um Fiordiligi und Dorabella zu „verführen“, und es gibt sicherlich die Andeutung, dass Sex zwischen den Rassen etwas war, das zu erkunden die Schwestern bereit waren. Es ist eine Inszenierung, die das Publikum in Aix schockierte und die das Edinburgh International Festival, das die Produktion später im Sommer zeigte, dazu veranlasste, eine Warnung an Karteninhaber herauszugeben.

MP: Wie früh wussten Sie, wie das Konzept aussehen würde?

KL: Wir haben den Brief von Christophe Honoré im Sommer davor bekommen, in dem er sein Konzept darlegt. Er war ziemlich konkret, was die rassistischen Elemente angeht. Ich habe ihn gelesen und gedacht „Ach du meine Güte, muss ich etwa eine Rassistin spielen?“ Lenneke Ruiten und ich haben dann in Amsterdam zusammengearbeitet und wir haben angefangen, uns über diesen Brief zu unterhalten. Es war beängstigend, dieses Element des Menschseins zu portraitieren. Ich hatte davor noch nie mit Christophe gearbeitet. Als wir nach Aix kamen, hielt er eine Präsentation, in der er uns einige Filmausschnitte zeigte, um die Empfindsamkeit zu verdeutlichen, die er suchte [die Produktion beginnt mit Growling Tigers Calypso-Song The Gold in Africa]; sie beleuchteten diesen Teil der Geschichte, die Elemente von Kolonialismus, aber auch die Erotik, die entdeckt wurde. Es war ein bisschen nervenaufreibend, aber was ich an Christophe schätzte war, dass er nicht im Geringsten dominierend oder penetrant war. Wir konnten uns wirklich unterhalten und er war auch bereit, unsere Eindrücke dazu zu hören, was die Musik zu tun versucht, denn diese Dinge können gegensätzlich sein.

Lenneke Ruiten (Fiordiligi) und Kate Lindsey (Dorabella) in <i>Così fan tutte</i> in Aix-en-Provence © Pascal Victor | ArtComArt
Lenneke Ruiten (Fiordiligi) und Kate Lindsey (Dorabella) in Così fan tutte in Aix-en-Provence
© Pascal Victor | ArtComArt

Wir haben unsere Inszenierung mit dem Duett der Schwestern im zweiten Akt begonnen, in dem der farbige Schauspieler Hichimoudine Mondoha unseren Diener spielt [und in dem Dorabella und Fiordiligi ihn als Sexgespielen benutzen]. Hichimoudine hatte zuvor noch nie auf einer Bühne gestanden, hatte noch nie gespielt. Er lebt in Aix, hatte sich für die Rolle beworben, also saßen wir beim Mittagessen zusammen und ich fragte, ob er wüsste, worauf er sich eingelassen hatte und wie er sich dabei fühlte. Er kannte die Elemente der Inszenierung vorher und das war für ihn in Ordnung. Besonders in dieser Szene haben wir uns immer wieder bei ihm entschuldigt – wir haben ein harmonisches Verhältnis entwickelt – es war wichtig, dass wir alle uns sicher miteinander fühlten. Christophe musste uns wirklich zu diesem Ausmaß an Brutalität treiben – es war sehr schwer, das abzurufen und zu leben. Am Ende kam ich für mich zu dem Verständnis, dass das auf gewisse Weise eine Realität der Menschlichkeit war – es ist nicht Geschichte, es geschieht jetzt. Das Unbehagen ist das, worum es eigentlich geht.

Aber Così ist doch eine zynische Oper, oder nicht?

Aus diesem Grunde musste ich mit Christophe arbeiten. Ich hatte immer nein zu Così gesagt. Ich hatte die Oper nie singen wollen, weil ich es hasse, dass die Frauen als flatterhaft, albern und inkonsistent dargestellt werden. Die Wahrheit ist, was diese Typen mit ihnen machen ist schrecklich und schmutzig. Darum scheute ich mich davor, etwas so Simples wie „ach Frauen, die sind einfach so“ zu machen. Ich glaube, es wäre richtiger zu sagen, „jeder ist so, nicht nur Frauen.“

Aber ich wollte im Nachhinein nicht bereuen, die Rolle nie gesungen zu haben. Also dachte ich, wenn es einen Ort gibt, der die Geschichte nimmt und sich verpflichtet, etwas damit zu machen, ist es sicherlich Aix. Selbst am Premierenabend wussten wir nicht, wie [die Inszenierung] aufgenommen werden würde. Wir dachten wirklich, wir könnten dafür in der Luft zerrissen werden. Es gab viele positive, kritische Reaktionen, doch das Publikum buhte die Produktion ziemlich laut aus, vor allem in bestimmten Momenten innerhalb der Oper. Ich hatte Mitleid mit Nahuel di Pierro (Guglielmo), denn er hatte einige wirklich schwere Szenen zu spielen, und er ist so ein liebenswerter Mensch – was er angenommen hatte, verdiente äußersten Respekt.

Kate Lindsey (Dorabella) und Lenneke Ruiten (Fiordiligi) in *Così fan tutte © Pascal Victor | ArtComArt
Kate Lindsey (Dorabella) und Lenneke Ruiten (Fiordiligi) in *Così fan tutte
© Pascal Victor | ArtComArt

Wie hat Sie der gesamte Proben- und Vorstellungsplan beeinflusst, emotional und physisch?

Körperlich war es hart. Es war ein unglaublich heißer Sommer – es gab einen Zeitpunkt im Videobroadcast, an dem ich beinahe ohnmächtig geworden bin aufgrund der Hitze. Selbst wenn die Vorstellung um 21 Uhr beginnt, ist die Hitze sehr intensiv und sie lässt nicht nach. Was ich aus emotionaler Sicht sehr interessant fand, und was ich so vorher nicht erlebt hatte, war das Gefühl zu wissen, was wir tun, die positive Energie zwischen allen Beteiligten, wirkliches Vertrauen; aber wenn ich das Theater betrat, empfand ich diese Schwere, weil man sich wieder in diese Welt der Dunkelheit begeben musste, und auf gewisse Weise musste man den Leuten das Unbehagen ins Gesicht werfen.

Wie haben Sie auf die Situation in Edinburgh reagiert? Sollte eine Oper jemals mit Warnhinweis kommen?

Ich musste darüber lachen. Nicht aus mangelndem Respekt für das Festival – ich verstehen, dass die Veranstalter auf Nummer sicher gehen, und dass die Produktion nicht für Kinder geeignet war – aber der Aufruhr darum? Ich bitte Sie! Ich kann keine Serien wie Breaking Bad oder Dexter ansehen; die Gewalt darin lässt mir übel werden. Wenn Leute im Kino sitzen oder dieses Zeug auf Netflix ansehen und Rassenkonflikte auf dem Bildschirm betrachten, in einer Opernvorstellung aber nicht damit umgehen können, dann gibt es hier eine Doppelmoral, die wir nicht ignorieren dürfen.

Kate Lindsey © Rosetta Greek
Kate Lindsey
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Gehen wir in die Oper, um etwas stereotyp Romantisches zu sehen?

Ich glaube, der Sinn der Kunst – der darstellenden wie der bildenden – ist es, eine Reaktion hervorzurufen. Ich komme viel lieber mit einer starken Reaktion aus einer Vorstellung anstatt mit einem Gefühl von „Hm...“, und am nächsten Tag habe ich alles vergessen. Wir müssen die Künste am Leben erhalten.

Und dazu zählt auch zeitgenössische Oper. Sie singen im Frühjahr die Rolle der Schwester Helen in Jake Heggies Dead Man Walking.

Es ist eine Oper, die gut beim Publikum ankam und schon einige Male wiederaufgenommen wurde. Sie hat einen amerikanischen Klang, das kann man hören. Ich lerne die Rolle gerade. Obwohl es moderne Musik ist, die sich beim ersten Hören nicht immer unbedingt erschließt, kann man den modernen Südstaatenklang hören, und Heggie hat wundervolle Arbeit geleistet – das ist Mississippi/New Orleans – und dieser Südstaatenklang kommt wirklich gut heraus, also glaube ich, dass Hörer darauf reagieren. Es ist ein sehr aktuelles Thema und etwas, mit dem viele Leute nach wie vor kämpfen. Die Oper in Washington DC aufzuführen ist wichtig – es ist keine Oper, die einem sagt, was man glauben soll, aber sie bittet einen darum, darüber nachzudenken.

Wo fing Ihre musikalische Reise an?

Kate Lindsey © Rosetta Greek
Kate Lindsey
© Rosetta Greek

Als Kind war Fußball meine Leidenschaft. Ich war das jüngste von drei Kindern; mein älterer Bruder spielte Fußball und ich habe immer versucht, mit ihm mitzuhalten. Ich wurde frustriert und trat meine Mutter ans Schienbein, also haben sie mich zum Fußballtraining geschickt. Ich musste mich bei den Jungs einfügen; ich musste einer von ihnen sein! Ich war groß für mein Alter und konnte mich behaupten.

Ich habe auch immer in Chören gesungen, aber als ich 13 war, erlitt ich beim Fußballspielen einen Bänderriss im rechten Knie und musste eine Auszeit nehmen, und das war der Zeitpunkt, zu dem ich mich etwas ernsthafter mit Musik und Gesang beschäftigte. Dann, als ich 15 war, passierte das gleiche, nur mit dem anderen Knie, als ich in der Mittelschule war, und am Ende sang ich für das Schulmusical vor, weil ich keinen Sport machen konnte. Ein Mädchen, das im Chor neben mir saß, erwähnte, dass sie Gesangsstunden bei einer Frau nahm, die nur klassische Musik unterrichtete. Als sie mich hört, sagte sie: „Liebling, du kommst und lernst bei mir!“ Jede Woche tauchte ich verschwitzt vom Training bei ihr auf, und sie hat den ganzen Wahnsinn mitgemacht.

Ich kannte Musik und bin schon von jungen Jahren an mit Musik aufgewachsen. Ich hatte das Glück, in der Nähe der Virginia Opera aufzuwachsen, die Schülern kostenlose Karten anbot. Zusammen mit Freunden griff ich die Tickets ab und wir kamen immer mit unseren Schulbüchern und haben in der Pause Hausaufgaben gemacht. Wir saßen ganz oben auf den billigen Plätzen. Meine erste Oper war Lucia di Lammermoor – so haben wir viele Opern gesehen. Es war so fremd für mich und meinen Hintergrund, sodass ich erst allmählich damit warm wurde. Als ich endlich meine erste Opernszene sang, das war der Moment, in dem es mich wirklich packte – in einer anderen Sprache zu kommunizieren, mit dem Dirigenten, der Inszenierung, dem Subtext, alledem, was da vor sich ging. Jemand sagte mir, dass das der Beruf wäre, in dem man die meisten Hirnareale zur gleichen Zeit nutzt: man übersetzt, man arbeitet mit auswendig gelerntem Text, man kommuniziert mit Kollegen und dem Dirigenten, man setzt eine Inszenierung um.

Vittorio Grigòlo (Hoffmann) und Kate Lindsey (Nicklausse) an der Met © Marty Sohl | Metropolitan Opera
Vittorio Grigòlo (Hoffmann) und Kate Lindsey (Nicklausse) an der Met
© Marty Sohl | Metropolitan Opera

Müssen Sie sich bei Auftritten anders verhalten, wenn HD-Kameras im Spiel sind?

Wenn ich Dinge in HD ansehe, achte ich auf die Augen. Die Augen müssen wirklich konzentriert sein. Jahrelang haben Opernsänger die großen Gesten machen und zur gleichen Zeit einen Blick in den Graben werfen können. Mir ist aufgefallen, dass alles viel kleiner wird, dann die Kamera auf einen zoomt, viel subtiler. Das kann zum Nachteil des Publikums sein. Ich habe bemerkt, dass Regisseure manchmal eher für die Kamera inszenieren als für das Haus.

Sie geben Nicklausse zu Vittorio Grigolos Hoffmann wieder in Los Angeles. Wie wichtig ist es, eine Verbindung zu seinem Hoffmann zu entwickeln?

In einer idealen Welt ist es wichtig für Hoffmann und Nicklausse zu wissen, wie diese beiden Figuren einander zuspielen, und es ist wichtig, eine enge Beziehung zu haben. Ich schätze es, wenn der Regisseur das ein bisschen auslotet. Leider ist das oft, besonders bei Wiederaufnahmen aufgrund des Zeitmangels, nicht immer möglich. Stattdessen entwickelt sich das dann aus der Probenarbeit... und manchmal sogar während der Vorstellungen! Es ist immer interessant, die Premiere und dann die letzte Vorstellung zu sehen, denn dieses Verhältnis kann sich im Laufe der Laufzeit dramatisch ändern.

Kate Lindsey (Nicklausse) © ROH | Catherine Ashmore
Kate Lindsey (Nicklausse)
© ROH | Catherine Ashmore

Ist Nicklausse Hoffmanns Gewissen?

Nicklausse/Die Muse und Lindorf sind beide Teil von Hoffmanns Gewissen; er hat sie selbst gemacht. Lindorf ist der Erzfeind, der diese Paranoia in Hoffmann auslöst – er hat ein Alkoholproblem, er ist ein gequälter Künstler – wohingegen Nicklausse die personifizierte Vernunft ist. Gleichzeitig mag ich es, wenn auch Nicklausse und Lindorf einander zuspielen. Diese gegensätzlichen Kräfte können manchmal gegeneinander arbeiten, aber manchmal auch miteinander. Manchmal muss man viel tiefer fallen, um den Schaffenswillen zu finden, um eine Idee zu verfolgen, um herauszufinden, wer man wirklich ist. Aber ich glaube, dass Antonia die größte Bedrohung für Hoffmanns Überleben ist, denn sie sich die menschlichste, wirklichste seiner Geliebten mit dieser künstlerischen Seele.

Sind Hosenrollen ein Berufsrisiko für Mezzos? Gehen Sie an diese Rollen anders heran als wenn Sie auf der Bühne eine Frau spielen?

Ich glaube, das hängt vom Kostüm ab. Wenn ich das Kostüm anlege, ändert sich das. Auch die Körperhaltung. Ich fühle mich eher in der Erde verwurzelt, wenn ich einen Typen spiele. Ich muss mir auch keine Gedanken um Korsagen machen oder darum, in ein Kleid geschnürt zu sein! Ich setze mich nicht hin und machen einen Plan, denn es geht darum, die Figur auszuloten, den Subtext – das finde ich interessanter als ein Geschlecht zu spielen.

Kate Lindsey (Komponist) in <i>Ariadne auf Naxos</i>, Glyndebourne © Alastair Muir
Kate Lindsey (Komponist) in Ariadne auf Naxos, Glyndebourne
© Alastair Muir

Ich liebe es, den Komponisten in Strauss’ Ariadne auf Naxos zu singen. Die Rolle fühlt sich jedes Mal leichter an. In der Oper können wir eine Rolle entwickeln und dann zu verschiedenen Punkten in unserer Karriere darauf zurückkommen, und sie fühlt sich dann aus verschiedener Hinsicht anders an. Man kann sie auf eine neue Weise angehen. Ich bin immer ein wenig traurig, wenn ich ein Rollendebüt abgeschlossen habe – man hat nur einen Versuch für das erste Mal. Es ist etwas ganz Besonderes, diesen Berg zu erklimmen und zu sehen, wo man gelandet ist. Vor zwei Jahren habe ich Sesto in La clemenza di Tito am Théâtre des Champs-Élysées gesungen. Diesen Sommer nehme ich die Rolle in Glyndebourne wieder auf, und das ist ein gutes Gefühl. Ich liebe es, Mozart zu singen. Es gibt einige Sänger, die ungeduldig darauf warten, zu anderen Rollen weiterzugehen, aber für mich ist es Medizin für die Stimme. Die Musik besitzt so viel Tiefe, es gibt so viel zu entdecken. Mozart ist ein Maßstab der Stimmgesundheit. Zu wissen, wie man Disziplin und Freiheit ausbalanciert, Disziplin und Gefühlstiefe, muss man noch immer innerhalb des klassischen Stils bleiben.

Als wir über zukünftige Rollen sprechen, verrät Kate, dass sie eines Tages liebend gerne die Charlotte in Werther singen würde, und Octavian – eine weitere Strauss’sche Hosenrolle – ist für Sommer 2018 angesetzt. Aber wenn sie eines Tages aufwachte und bemerkte, sie wäre ein Sopran, welche Rolle würde sie singen wollen? Sie hält einen Moment inne, rümpft die Nase, dann sagt sie:

Tatyana. Ich würde alles geben, um die Briefszene aus Onegin singen zu können. Diese Verletzlichkeit. Ich müsste nicht einmal die gesamte Rolle singen... nur diese Szene!

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.