Die Begriffe „Cembalo” und „Superstar” finden sich nicht oft nebeneinander, aber Mahan Esfahani kommt dieser Bezeichnung am nähesten: er spielt in den besten Häusern der Welt, unterrichtet und gibt neue Werke und sogar Instrumente in Auftrag. Und das ist wahrscheinlich keine große Überraschung, denn das Cembalo-Fieber hat Esfahani schon sehr, sehr früh gepackt.

Mahan Esfahani © Marco Borggreve
Mahan Esfahani
© Marco Borggreve

„Ich war neun und es war eine Tonbandkassette – erinnern Sie sich an diese? – und ich hörte Karl Richter mit dem Münchener Bach-Orchester, der Bachs Cembalokonzerte spielte. Ich konnte nicht glauben, dass ein Instrument all diese Klänge erzeugen konnte, ich dachte, es seien vier oder fünf Instrumente; es war die Komplexität und die facettenreiche Natur all dieser Farben des Instruments, die mich wirklich begeisterten.” Als Iona Brown mit der Academy of St Martin-in-the-Fields nach Washington DC kam, um Bachs Brandenburgische Konzerte zu spielen, nervte der zehnjährige Esfahani seinen Vater so erbarmungslos, bis er ihn schließlich davon überzeugte, dass dieses Konzert unverzichtbar für ihn sei: „Ich wusste von einer anderen Tonbandaufnahme, dass das Fünfte Konzert ein großes Cembalosolo hatte. Ich sah endlich ein Cembalo auf der Bühne, und mein Herz blieb beinahe stehen.”

Jahre und eine Entwicklung zu einer musikalischen Berühmtheit später, ist es diese Erinnerung, dieses Staunen darüber, das Instrument das erste Mal zu sehen („es ist fast wie eine Beziehung zu einem Menschen”), die Esfahani auch in schwierigen Zeiten motivierte, zu üben, zusammen mit der Erinnerung daran, wie schwer es war, bevor er sein eigenes Instrument hatte. „Jetzt wache ich auf und sage mir ,Hey, dein Instrument steht im Zimmer nebenan, also setzt dich hin und übe!’ “

Mahan Esfahani © Kaja Smith
Mahan Esfahani
© Kaja Smith

Die Umgebung, in der Esfahani aufwuchs hielt keine Karriere in den Künsten bereit. „Für viele Einwanderer gibt es diese Ansicht ,wir arbeiten hart, um es zu schaffen’, aber in den Künsten zu arbeiten wäre daher nicht legitim oder hätte nicht denselben Stellenwert wie ein Doktor, oder ein Ingenieur – insofern sind wir den amerikanischen und britischen Juden sehr ähnlich. Wenn man eine Art Außenseiter ist, will man eine unverzichtbare Position in der Gesellschaft einnehmen und das respektiere ich und mit der Zeit hat sich mir eine neue Sichtweise eröffnet. Das Künstlerleben war also nichts für uns, aber ich wusste immer, dass ich mein Leben irgendwie mit dem Cembalo verbringen wollte. Ich wurde deshalb ein Cembalist, weil es einfach die einfachste Art und Weise war, die meiste Zeit mit dem Instrument zu verbringen.”

Rezensionen von Esfahani – die er, wie er sagt, nicht mehr liest – zeichnen ihn als höchst individuell aus, ein unvorhersehbarer Künstler, der alles für die Musik gibt. Aber ich schaffe es nicht, ihn dazu zu bringen, einen bestimmten Stil, mit dem er spielt, zu beschreiben. Vielmehr ist er sich dem Vergehen der Zeit bewusst: „Wir verändern uns als Mensch, also verändern wir uns auch als Musiker. Um genau zu sein, reflektiere ich mit der Musik, wie ich mich zurzeit fühle. Erst vor kurzem widmete ich mich wieder Johann Gottlieb Goldbergs Konzert, das ich 2008 zum ersten Mal spielte – es war mein Debüt in der Wigmore Hall in London. Jetzt wo ich mich wieder damit befasse – Oh Mann, ich habe es früher ganz anders gespielt! Ich war sehr zurückhaltend, ich versuchte, mich selbst zu beweisen, ich ging keinerlei Risiken ein, weil ich Angst davor hatte, kleine technische Fehler zu machen.” Bei einem kürzlichen Besuch bei Nimbus Records in derem Wyastone Anwesen, spielte Esfahani alte CD-Aufnahmen und erkannte, dass Shura Cherkassy, einer seiner Lieblinge, sich komplett zwischen seinen 40ern und 70ern veränderte, „weil er eine andere Person war. Und wissen Sie, Bach komponierte auch anders. Was wirklich interessant zu sehen ist, ist, dass Bach seine Werke später überarbeitete, weil die Dinge klarer wurden – sie wurden um einiges einfacher. Als ich meine erste Aufnahme machte, von Emanuel Bachs Württembergischen Sonaten, war ich so konservativ was die Verzierungen anging. Und gleich nachdem ich die Aufnahme gemacht hatte, fand ich eine akademische Veröffentlichung über die Verzierung der Sechsten Sonate und die war wirklich wild: es veränderte komplette meine Sichtweise. Manchmal weiß man es erst später besser.”

Mahan Esfahani © Kaja Smith
Mahan Esfahani
© Kaja Smith

Esfahani ist sich besonders jetzt, nach dem Tod von Zuzana Růžičková, die seit 2011 seine Lehrerin und eine große Inspiration war, dem Vergehen der Zeit bewusst. Er erinnert sich an Růžičkovás Furchtlosigkeit, wie sie einem Musikstück immer auf den Grund ging, wie sie immer „diese letzten 5%” fand, wie sie – obwohl sie Überlebende eines Lagers war – spielte, als ginge es um Leben und Tod. Sie glaubte fest an eine Art platonisches Ideal Bachs Musik, die Aufgabe des Musikers sei es, sich durch das Dickicht zu kämpfen, um dieses Ideal zu finden. Es ist eine ganz andere Aufführungs-Philosophie, meint er, daran zu glauben, dass der Komponist jeder Note einen Sinn gab, und dass der Musiker versuchen sollte, diesen Sinn zu finden, zu der Herangehensweise, dass „dies eine Phrase aus dieser Epoche sei und du sie deshalb so spielen solltest.” Das ist eine zynische Art, interpretative Probleme zu lösen, im Gegensatz zu Růžičkovás Ansicht, ganz nach der Talmudischen Lehre, dass ein interpretatives Problem letztendlich nicht zu lösen ist: man kommt der Lösung nahe, kann das Problem aber niemals ganz lösen. „Deshalb haben Christen Himmel und Hölle, und die Juden nicht!”

Ein Kollege bemerkte kürzlich, dass Esfahani, obwohl er ein starkes Interesse an Künstlern wie Růžičková (und Wanda Landowska und Ralph Kirkpatrick) hat, keineswegs ähnlich klingt. Seine Antwort darauf ist, dass „sie nicht diese Art von Lehrer war. Christopher Hogwood nahm bei ihr Unterricht, wir klingen ganz unterschiedlich.” Ihr Einfluss bestand eher darin, ihm ein gewisses Level an Reife zu verleihen: „Junge Künstler fühlen sich verpflichtet, alles zu füllen, aber ältere Musiker haben den Mut zu warten, bevor sie eine neue Phrase beginnen und diese dann mit Überzeugung zu spielen.”

Als Cembalist ist es nicht überraschend, dass Esfahani eine tiefe Verbindung mit Bach hat: er hat „viel Zeit mit Bach verbracht, und das ist eine nützliche Sache.” Die Überraschung kommt, wenn er sagt: „Ich verstehe Bach nicht unbedingt mehr als andere. Wenn ich mich mit Bach niedersäße und sagte ,Ihre Musik verbindet mich spirituell’, würde er vielleicht sagen ,Nein, das tut sie nicht. Das war nicht meine Absicht’. Das wäre vermutlich nicht der Fall, aber ich kann es nicht wissen.” Aber er sieht das Spielen Bachs wichtigster Werke als Gipfel im Leben eines Musikers, etwas, was er über andere Komponisten nicht sagen kann, und er glaubt, dass wenn man eine große Anzahl von Musikern fragt (von allen Genres, nicht nur Klassik- und Barock-Spezialisten), welche der größte Komponist aller Zeiten sei, viele ,Bach’ antworten würden.

Ich frage ihn über seine Aufnahme der Goldberg Variationen, die letztes Jahr umjubelt veröffentlicht wurde. „Die Variationen sind ein so persönliches Projekt, weil ich fast mein gesamtes Leben mit ihnen verbracht habe, entweder als Zuhörer oder Solist, oder einfach als genießender Musiker – also spielt die persönliche Geschichte unausweichlich eine Rolle.” Ich glaube, Landowska führte die Variationen erstmals in ihren 50ern auf – und sie sagte „Ich übe die Goldberg Variationen seit 50 Jahren.” Er entwickelt die Tiefe seines Verständnisses auch insofern weiter, indem er sich in unbekannte künstlerische Gewässer vorwagt. Er lernt zu zeichnen und liest mehr über Kunst, Architektur und visuelle Prinzipe im Allgemeinen,

Mahan Esfahani © Kaja Smith
Mahan Esfahani
© Kaja Smith

Er ist einer von wenigen Cembalisten, die auch zeitgenössische Musik schätzen. „Mein Ziel ist es, dass es für einen Cembalisten nicht außergewöhnlicher als für irgendeinen anderen Musiker ist, zeitgenössische Musik zu spielen! Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beiträgt.” Er ist begeistert über den in Dänemark entstandenen Trend und hat ein neues Konzert von Ben Sørensen in Auftrag gegeben, gemeinsam mit dem Bergen Philharmonic und dem City of Birmingham Symphony Orchestra; ein weiterer Auftrag ging an die Iranerin Anahita Abbasi („die aufregendste zeitgenössische Musik im Nahen Osten, Israel miteingeschlossen, kommt aus dem Iran”). Er hätte liebend gern Harrison Birtwistle beauftragt, aber Birtwistle lehnte mit der Begründung ab, dass er zu alt sei, um ein neues Instrument zu lernen. Esfahani zeigt aber sofort auf, dass er nicht der einzige Cembalist ist, der neue Musik bewirbt und preist die polnische Cembalistin Goska Isphording, die ihr Leben  neuen Medien und neuer Musik für das Cembalo widmet. Über das nächste große Cembalo-Talent gefragt, nennt er Isphording und zwei Spanier: Corina Marti, die Musik des Mittelalters auf einem Clavicymbalum und anderen seltenen Instrumenten spielt, und Ignacio Prego, der „eine sehr sensible und nachdenkliche Person ist und eine besondere Beziehung zu Bach hat. Er begeistert mich sehr, weil er einer der wenigen Leute ist, bei denen ich mir immer denke, nachdem ich ihn spielen gehört habe, dass ich eine bessere Person bin. Ich glaube, dass es ein langer Weg ist, Anhänger für das Instrument zu finden.”

Sein neuester Auftrag ist allerdings nicht für ein Musikstück, sondern für ein neues Instrument, bis jetzt unbenannt, aber er bezeichnet es als „das Cembalo der Zukunft.” Es wurde vom Finnen Jukka Ollikka gebaut, dessen Omniwerk, eine Kombination aus Lautenwerk und Geigenwerk, Esfahani umhaute, als er es 2014 erstmals beim BRQ Vantaa Festival sah und hörte. Das neue Instrument hat einen Carbon-Resonanzkörper und einen seltenen 16-Fuß-Register. „Es ist an einem Berliner Bau aus dem 18. Jahrhundert angelehnt, wie zum Beispiel Mietke. Mietkes Instrumente sind unglaublich, aber wir haben keine Überlebenden mit einem solchen 16-Fuß-Register, es war also eine Art Vermutung.” Das Instrument ist jetzt spielbar und „wahnsinnig laut! Es kann in einem Konzertsaal mit einem Orchester bestehen.”

Das „Cembalo der Zukunft” kam erstmals in Esfahanis momentaner Heimatstadt Prag zum Einsatz, bei einem Konzert am 14. Januar, das Růžičková gewidmet war (und von uns rezensiert wurde). Das britische Publikum wird es in der Wigmore Hall am 9. Februar, in der nächsten Ausgabe von Esfahanis Bach-Serie, hören.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.