Mary Ellen Woodside
© Marco Borggreve

Mary Ellen Woodside beschreibt sowohl den wörtlichen Begriff als auch die poetische Bedeutung des Wortes „Zwischentöne“ als „die Töne dazwischen, wie das Hören zwischen den Zeilen”. Diese Charakterisierung könnte auch auf das von ihr geleitete Kammermusikfestival Zwischentöne in Engelberg, Schweiz, angewendet werden, eine dreitägige Erkundung der Kunstform, die über die Feier der Musik selbst hinausgeht und ein einzigartiges, eindringliches Erlebnis schafft.

Woodside, Erste Violinistin des Zürcher Merel-Quartetts, glaubt an die wesentliche Beziehung zwischen Künstler und Publikum und betont diese Verbundenheit in ihrem Programm. „Wir legen großen Wert auf die Nähe zum Publikum”, erklärt sie mir in einem Videoanruf Anfang September, einige Wochen vor Beginn des Festivals. „Man isst zusammen zu Abend. Am Ende des gesamten Festivals gibt es einen Empfang, bei dem die Leute sich unterhalten und Fragen stellen können. Musiker und Gäste übernachten auch in denselben Hotels, darunter das renovierte 5-Sterne-Hotel Kempinski Palace am Fuße des Titlis, wo natürliche Begegnungen möglich sind.

Zwischentöne wurde 2015 ins Leben gerufen und wurde durch Woodsides frühere Erfahrungen mit dem Merel-Quartett bei den Ittinger Pfingstkonzerten inspiriert, zu einer Zeit, als sie von Sir András Schiff und Heinz Holliger betreut wurden. „Für ein junges Quartett war es unglaublich inspirierend, Auftritte dieser beiden und vieler anderer großartiger Musiker zu hören und mit ihnen zu arbeiten”, erinnert sie sich. „Abgesehen davon, dass wir ihre Musikalität absolut bewunderten, waren wir auch von ihren Programmen begeistert, die eine fantastische Mischung aus zeitgenössischem und klassischem Repertoire sowie wunderbaren, aber weniger bekannten Komponisten waren.” Als die Partnerschaft endete, wussten Woodside und Mitbegründer Rafael Rosenfeld, der Cellist des Merel-Quartetts, dass sie eine ähnliche Atmosphäre schaffen wollten, in der die musikalische Erforschung und die Schaffung von Gemeinschaft im Vordergrund stehen.

Die Gelegenheit, sich nicht nur mit Musikern, sondern auch mit anderen Musikliebhabern zu treffen und auszutauschen, ist nach der langen erzwungenen Trennung durch die Coronapandemie bitter nötig. Obwohl es Woodside und Rosenfeld im vergangenen Herbst gelang, ein Festival unter strenger Einhaltung von Abstandsregeln und mit weniger internationalen Künstlern als üblich zu veranstalten, stellte sie fest, dass der Ablauf sowohl in Bezug auf das Konzept als auch auf die Durchführung alles andere als ideal war. Konzerte und Veranstaltungen mussten aus Kapazitätsgründen in kleinere Veranstaltungsorte verlegt werden, und die landesweit steigenden Covid-19-Fälle sorgten für ein Gefühl der Unsicherheit, das bis zum Beginn des Festivals anhielt. „Damals war noch niemand geimpft, und einige unserer älteren Zuschauer fühlten sich nicht sicher, wenn sie zu einem Konzert kamen”, erinnert sie sich heute.

Woodside und Rosenfeld stellen sich für diesen Herbst ein lockereres, traditionelleres Umfeld vor, das durch die 3G-Regelung  unterstützt wird. „Wir hoffen, dass sich dieses Jahr alle sicher fühlen und sicher sein werden”, sagt Woodside. „Die Musiker werden in der Regel ohne Masken auftreten, weil es sehr unangenehm sein kann, wenn man keine Luft bekommt, wenn man spielt. Wir haben die gleichen Standards für uns selbst in Bezug auf das Sicherheitsprotokoll, und soweit ich weiß, ist jeder, der kommt, geimpft. Alle sind sehr froh, dass wir es so machen, damit sie kommen und sich bei den Konzerten sicher fühlen können.”

Das Thema des diesjährigen Festivals, Affairs of the Heart (Herzensangelegenheiten), spiegelt auch den Wunsch wider, die Liebe in ihren vielen Formen der Gemeinschaft hervorzuheben, wenn die Welt sich wieder öffnet. Die Auswahl reicht vom klassischen Kanon bis zu zeitgenössischen Liederzyklen, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. „Es ist ein Thema, das in vielen Musikstücken vorkommt, das Thema der Liebe, und es ist schön, ein Thema zu haben, das sehr breit gefächert ist”, erklärt Woodside. „Das gibt einem viel Flexibilität bei der Programmgestaltung, und es gibt so viele großartige Stücke, ob sie nun eine unerwiderte Leidenschaft darstellen oder für den Ehepartner des Komponisten geschrieben wurden, oder ein Stück, in dem man sich als Spieler in einem Liebesduett innerhalb der Musik fühlen kann, das nicht unbedingt biografisch ist.”

Als wir uns unterhielten, schwärmte Woodside von der Möglichkeit, Mozarts Streichquintett Nr. 3 C-Dur mit dem Merel-Quartett aufzuführen, ein Stück, das eine besondere persönliche Bedeutung hat. Sie und Rosenfeld, der auch ihr Ehemann ist, wählten es für ihre Hochzeit aus. „Im langsamen Satz gibt es ein wunderbares Liebesduett zwischen der ersten Geige und der ersten Bratsche, und obwohl es nicht unbedingt eine programmatische Geschichte gibt, kann man die Geschichte in der Musik hören”, sagt sie. „Es gibt auch die Romanzen von Robert und Clara Schumann und das Klavierquintett von César Franck, das er für eine Studentin schrieb, in die er leidenschaftlich verliebt war, und deshalb hasste seine Frau das Stück und wollte nicht, dass es gespielt wird! Es gibt viele Stücke im Programm, die eine Geschichte erzählen oder für jemanden geschrieben wurden.”

Ian Bostridge
© Sim Canetty-Clarke

Die erste internationale Attraktion in diesem Jahr ist zweifellos der Tenor Ian Bostridge. Neben der Interpretation von Schuberts monumentalem Zyklus Die schöne Müllerin mit der Pianistin Saskia Giorgini – ein Werk, das im thematischen Kontext des Festivals keiner Erklärung bedarf – wird Bostridge auch Brittens Seven Sonnets of Michelangelo und Vaughan Williams' On Wenlock Edge aufführen. „Praktisch jeder Liederzyklus könnte zu diesem Thema passen”, sagt Woodside. „Ian Bostridge ist ein ganz wunderbarer Liedsänger, und er hat Die schöne Müllerin in vielen verschiedenen Fassungen wunderbar gesungen. Es ist auch ein Stück, das mir sehr am Herzen liegt, weil ich es als Studentin kennengelernt und sehr geliebt habe. Es hätte auch die Winterreise oder ein anderes Werk sein können, aber Die schöne Müllerin fühlte sich wirklich wie einer der Anfänge meiner Beziehung zu Schubert an, und es ist etwas, das Bostridge besonders schön macht.”

Die Förderung von Nachwuchskünstlern ist für Woodside ebenso wichtig wie die Verpflichtung etablierter Stars. Das Young Festival Artist Program ist ein Markenzeichen des Festivals, bei dem mehrere aufstrebende Musiker eingeladen werden, einzeln und als Teil eines Ensembles aufzutreten und die Abläufe eines großen internationalen Festivals von allen Seiten zu betrachten. Die Teilnehmer bewerben sich digital, indem sie zwei Videos einreichen, von denen eines sie bei der Aufführung eines barocken oder frühromantischen Kammermusikstücks zeigen muss. Woodside freut sich darauf, zu sehen, wie die ausgewählten Studenten aufblühen, sobald sie mit erfahrenen Künstlern interagieren oder sich vor Publikum präsentieren.

„Es ist wunderbar und unglaublich bereichernd zu sehen, wie ein Student, der noch nicht so viel Erfahrung hat, oder dessen primäre Erfahrung darin besteht, an der Universität oder im familiären Umfeld aufzutreten, plötzlich in einer Situation ist, in der er auf einem echten Festival mit erstaunlichen Leuten zusammenarbeitet”, sagt sie. „Sie saugen alles in sich auf, sei es, dass sie die Bühne teilen oder bei den Proben zuhören, und manchmal sind sie wirklich elektrisiert. Man kann sehen, wie sie von einem Tag auf den anderen Kraft schöpfen und sich von allem, was vor sich geht, ernähren.”

Woodside ist auch eine leidenschaftliche Verfechterin der Gegenüberstellung von neuer Musik und Klassikern, die viele Zuhörer zu hören wünschen. Neben Mozart und Dvořák, dessen Streichquartett Nr. 13 G-Dur ebenfalls auf dem Programm des Merel steht, werden die Zuhörer in einem Spätkonzert mit Sonetos de amor von Ezequiel Viñao verwöhnt, einer Vertonung von Neruda-Sonetten, gesungen von der rumänischen Sopranistin Irina Ungureanu. Programme mit bekannten Werken von Beethoven und Bartók heben auch die Beiträge von lebenden Komponisten wie György Kurtág und Tõnu Kõrvits hervor. Das Merel-Quartett wird zusammen mit dem Klarinettisten Reto Bieri und dem Pianisten Claudio Martínez Mehner die Uraufführung des Notturno für Klarinette, Klavier und Streichquartett des Schweizer Komponisten Gérard Zinsstag präsentieren.

„Der Versuch, ein Gleichgewicht zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik zu finden, und die Idee der Neugierde sind wirklich wichtig”, sagt sie. „Die Idee, offen für neue Entdeckungen zu sein, ist so wichtig, und ich glaube, dass unser Publikum genau danach sucht. Wir haben wirklich ein tolles Publikum. Es ist fantastisch, für eine Gruppe von Menschen zu spielen, die etwas Neues hören wollen oder die etwas, das sie kennen, auf eine neue Art und Weise hören wollen. Die Leute, die ich persönlich kenne, die zu den Konzerten kommen, hören viele verschiedene Arten von Musik. Aber ich hoffe, dass andere Besucher kommen, um Mozart und Schumann und Beethoven zu hören – und im selben Programm hören sie vielleicht etwas von Wyttenbach oder eine Uraufführung eines Stücks und sind am Ende fasziniert.”

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Dieses Interview wurde gesponsert von MQ Productions.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.