Es sind die kleinen Dinge, die Großes bewirken: Bonn mag einst eine verschlafene Provinz am Ufer des Rheins gewesen sein, aber sie ist auch die Geburtsstadt Ludwig van Beethovens und war in der Nachkriegszeit die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Die Stadt (mit knapp über 300,000 Einwohnern) ehrt ihren berühmtesten Sohn nicht nur mit den traditionellen Sommerfestspielen im September, sonder seit 2014 auch mit einem dem Komponisten gewidmeten Kammermusik-Festival im Jänner. Im Zuge eines Gesprächs mit der künstlerischen Leiterin, der international gefeierten Bratschistin Tabea Zimmermann, erfuhr ich mehr über das besondere Format.

Beethoven-Haus Bonn © Beethoven-Haus Bonn
Beethoven-Haus Bonn
© Beethoven-Haus Bonn
In gewisser Hinsicht ist es wie ein Phönix, der aus der Asche steigt. Als eines der ersten Kammermusik-Festivals überhaupt, wurde es 1890 von dem großartigen Geiger Joseph Joachim ins Leben gerufen, aber geriet später in Vergessenheit. Seit der jüngsten Neubelebung durch Tabea, den guten Geist des Hauses, hat sich das Festival zum Ziel gesetzt, ein Thema Beethovens aufzugreifen und mit Werken führender zeitgenössischer Komponisten zu verbinden. Ich finde es etwas überraschend, dass ein so wichtiges Projekt in einem der kältesten und dunkelsten Monate des Jahres stattfindet, aber Zimmermann erinnert mich, dass die Mozartwoche Salzburg eine Parallelveranstaltung ist, und dass sie und ihr Team ohnehin gezwungen sind, der „Vorherrschaft” des Rheinischen Karnevals im Frühjahr aus dem Weg zu gehen sowie an die Notwendigkeit, den Sommerfestspielen als direkte Konkurrenz auszuweichen. Die Konzerte finden im Auditorium des Beethoven-Hauses statt, das Platz für 200 Zuhörer bietet, und sind mit Präsentationen, Ausstellungen und dazugehörigen Veranstaltungen, wie ein schottischer Ceilidh beim nächsten Festival, verknüpft.

Tabea Zimmermann © Marco Borggreve
Tabea Zimmermann
© Marco Borggreve
Das Programm 2018 dreht sich um die 25 Schottischen Lieder, Op.108, gesammelt und arrangiert von Beethoven und erstmals 1818 in Edinburgh und London veröffentlicht. Dieser manchmal übersehene Teil des Œuvre des Komponisten – er schrieb mehr als 140 Arrangements von Volksmusik – bietet ein Sprungbrett, um populäre Musik anderer Komponisten von Haydn bis Widmann zu erforschen, mit einem besonderen Fokus auf unterschiedliche zeitgenössische Zugänge. Es gibt kaum einen Bereich des Lebens in Deutschland, auf den der Schatten des Dritten Reichs nicht gefallen ist und seit 1945 wurde Volksmusik aus offensichtlichen Gründen schmerzlich vernachlässigt, da sie in manchen Vierteln als „politisch fragwürdig” gesehen wird. Zimmermann betont, dass das traditionelle Singen von Volksliedern in ihrem Heimatland alles andere als verschwunden ist, ganz anders als man es anderswo in Europa beobachten kann, und sie ist sehr darum bemüht, die Vielfältigkeit der Volksmusik beim kommenden Festival hervorzuheben, mit Abenden, die der Spanischen Musik und der, wie sie es nennt, „Hungarian connection” gewidmet sind, von Bartók bis Kodály und Kurtág bis Ligeti. Sie hebt außerdem die Arrangements skandinavischer Volksmusik hervor, die vom Danish String Quartet mit dem faszinierenden Titel Wood Works gespielt werden. Tabea selbst spielt eine prominente Rolle als Künstlerin beim Festival und freut sich besonders auf eines ihres Lieblingswerke, Berios Naturale (basierend auf sizilianischen Themen), und einem Abend, der hauptsächlich Volksliedern Brittens gewidmet ist, an dem sie gemeinsam mit Roderick Williams und Roger Vignoles als Solist in seinem Werk Lachrymae (Reflections on a Song of Dowland) auftritt.

Ich frage Zimmermann nach dem wiederkehrenden Grund zur Beunruhigung Liebhaber klassischer Musik, nämlich das augenscheinlich alternde Publikum und die fallenden Besucherzahlen. Sie muss zugeben, dass selbst Besucher der Beethoven-Woche vor allem ältere Personen sind, aber ihr Publikum ist großteils loyal und lässt sich auch von zeitgenössischen Werken nicht abhalten. „Sie kommen mit offenen Ohren”, sagt sie, und das schätzt sie am meisten. Sie hat sich neuen Wegen verpflichtet, um das klassische Repertoire zu erkunden: genau wie der Cellist Jean-Guihen Queyras war sie Artist in Residence des Hamburger Kammerensembles Ensemble Resonanz. Mithilfe von Diskussionen, Workshops, Präsentationen und experimentellen Programmen, die ein bekanntes Museumsstück mit etwas vollkommen Neuem verbinden, haben sie in den letzten 15 Jahren ein komplett neues Publikum angelockt, viele hatten zuvor noch nie ein klassischen Konzert besucht. Sie hofft, mit diesem Zugang auch bei ihren zukünftigen jährlichen Projekten in Bonn erfolgreich zu sein. Die Pläne für die Zukunft nehmen schon eine konkrete Form an, besonders die für das Beethoven-Jahr 2020. Das Highlight des erweiterten dreiwöchigen Festival wird das fast vollständige Kammermusik-Œuvre des Komponisten sein.

Beethoven-Haus, Kammermusiksaal © Beethoven-Haus Bonn
Beethoven-Haus, Kammermusiksaal
© Beethoven-Haus Bonn
Ein wichtiger und andauernder Bereich in Zimmermanns Arbeit ist das Unterrichten an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler” in Berlin. Sie ist sich sehr darüber im Klaren, dass sich die jüngere Generation immer weniger für klassische Musik interessiert, in einem Jahr gab es zum Beispiel nur einen deutschen Bewerber unter 50 Bewerbungen. Wie konnte es in einem Teil Europas, der einst mehr klassische Komponisten und Musiker hervorbrachte als alle anderen, dazu kommen? Sie erklärt es dadurch, dass für viele Kinder der Schultag länger geworden ist als früher, mit weniger Zeit am Nachmittag, um zu üben, und viele andere Ablenkungen, und der Musikunterricht verschwindet immer mehr aus den Lehrplänen. Selbst in einem reichen Staat wie Deutschland geht die finanzielle Unterstützung auf lokaler und regionaler Ebene zurück, besonders freischaffende Musiklehrer werden so schlecht bezahlt, dass sie nur wenig öffentliche Anerkennung für ihre Arbeit bekommen und kaum Anreiz bieten, in ihre Fußstapfen zu treten. In ihrem Fall definiert eine gemeinsame Erkundung ihren Unterricht, „Appetit auf Neues”, wie sie sagt. Darüber hinaus fördert sie den anregenden Prozess des lebenslangen Lernens, dass es nicht bei einem vierjährigen akademischen Kurs für Viola bleibt.

Das bringt mich zu ihrem gewählten Instrument, welches sie bereits in sehr jungen Jahren, umgeben von Geschwistern, die sich bereits für Streichinstrumente entschieden hatten, selbst wählte. Sie wusste über alle Viola-Witze in der englischsprachigen Welt Bescheid, aber beobachtete auch geringer werdendes Vorkommen in Deutschland. Hier nimmt das Interesse an dem Instrument keineswegs ab. Luthiers sind schwer beschäftigt und es gibt eine weltweite Nachfrage nach Bratschen, mit einer bemerkenswerten Zunahme des Spielstandards bei Jugendlichen, Studenten und professionellen Orchestern. Das einzige ernstzunehmende Problem, und dies ist keineswegs ein neues Phänomen, ist das Fehlen eines speziellen Repertoires für Viola und die Tatsache, dass es nur eine Handvoll Solisten gibt, die mit diesem Instrument die öffentliche Begeisterung auf sich ziehen.

Als Solistin steht Zimmermann seit dem Gewinn ihres ersten internationalen Preises (dem Concours de Genève) mit nur 15 Jahren im internationalen Scheinwerferlicht. Sie beschränkt sich selbst auf maximal 50 Konzerte im Jahr, und widmet den Rest ihrer Zeit dem Unterrichten und einen speziellen Fokus auf die Beethoven-Woche. Jetzt, da ihre drei Kinder um einiges älter sind, hat sie wieder damit begonnen, auf Tournee zu gehen (im Februar wird sie Harold in Italien mit Les Siècles spielen), aber sie empfindet dies als extrem ermüdend und stellt fest, dass die Zeit, die man mit Reisen und Proben in den verschiedenen Konzertsälen verbringt in keinerlei Relation zu den wenigen Stunden eines Abendkonzertes steht. Nichtsdestotrotz ist es die Leidenschaft für Musik, die sie vorantreibt, „das Zeug, das es den Menschen erlaubt, sich zu entwickeln”, wie sie es nennt.

 

Das Interview wurde vom Beethoven-Haus Bonn gesponsert.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.