„Man komponiert, um seine grundlegenden Gefühle, lebendig zu sein, zusammenzufassen, um festhalten, wie es sich anfühlt, in diesem Moment am Leben zu sein.” Aaron Coplands Zitat fasst zusammen, was den amerikanischen Bariton Thomas Hampson anfangs zur Liedkunst hingezogen hat: die einzigartige Verbindung zweier unabhängiger Kunstformen, die menschliche Emotionen auf eine unglaublich verdichtete Art und Weise ausdrückt. Während eine wunderschöne Schneelandschaft durch das Fenster seines Zürcher Hauses und in die Kamera seines Laptops funkelt, reflektiert Hampson über die amerikanische Liedkunst und die Bedeutung von Kunsterziehung.

Thomas Hampson © Jiang Chen
Thomas Hampson
© Jiang Chen

„Egal in welcher Sprache und Epoche, Poesie ist eine Metapher für die Erfahrung, am Leben zu sein, und es ist das”, erklärt Hampson enthusiastisch, „was Komponisten dazu inspiriert, diese Erfahrung in Musik umzusetzen. Die Magie des Liedes ist alles, was nicht gesagt oder gehört wird. Es ist ein Dialog, der Gefühle beschreibt und dramatisiert, und einen bestimmten Moment einfängt. Auf eine Art ist es eine Selbstreflexion.” Hampson und ich sind uns einig, dass es heutzutage zu viele Liederabende gibt, bei denen es nur darum geht, wer singt und wo er stattfindet, und zu wenig um die Literatur an sich. „Das ist es, was mich wirklich motiviert!”, unterstreicht er. „Es gibt nie eine Zeit, in der ich nicht Lieder singe, Lieder studiere oder Lieder unterrichte. Lied kann ein magischer Moment sein, in dem die Zeit beinahe still steht.”

Idealerweise gehen Poesie und Musik Hand in Hand, und es ist dieser DIalog, der Lied zu so einem Wunder an sich macht. „Es ermutigt, verlangt geradezu, dass der Zuhörer sich sowohl intellektuell als auch emotional damit auseinandersetzt – manchmal im selben Ausmaß, aber sicherlich zur selben Zeit. Jedes Gedicht kommt von einem Gedankengut; jeder Text hat eine bestimmte Funktion. Wenn du diese Funktion nicht verstehst, kannst du die Musik nicht verstehen. Wenn du die Agogik eines Heines nicht verstehst, kannst du niemals richtig Schubert verstehen.” Hampson lebt seit Jahren in Österreich, er singt deutsche Lieder, liest deutsche Poesie, und doch kommt seine fehlerfreie Beherrschung der Sprache so überraschend, dass ich einige Momente brauche, um zu realisieren, dass er von Englisch auf Deutsch gewechselt hat. „[Auf Deutsch] Schubert war unendlich fasziniert, auf welche Weisen man die menschliche Erfahrung in Worte bringen kann. [Auf Englisch] Schubert war der erste, der diesen Kontext der über die Musik hinausgehenden Elemente aufnahm und versuchte, diese hörbar zu machen, um das eigentliche Dilemma der persönlichen Beziehung weiter zu erkunden.


„Das Wunder von Schumann – und wir sollten niemals vergessen, dass er eine Woche lang nach Schuberts Tod tief getrauert hat – ist, dass er die musikalischen Elemente auf die nächste Ebene gehoben hat.” Es war auch Schumann, der damit begann, dem Klavier mehr Aufmerksamkeit zu schenken, erzählt Hampson weiter. „Es ist wichtig zu verstehen, dass das Klavier keine Begleitung ist. Der Pianist muss den Sänger kennen und der Sänger muss den Pianisten kennen. Die Periode von 1820 bis 1840, die Periode von Schubert und Schumann war unglaublich reich an diesen Metaphern.”

Es gibt nicht viele Sänger, deren Opernkarriere so dicht mit deren Karriere als Liedsänger verwoben ist. Ich frage ihn, ob sein Leben auf der Opernbühne seine Herangehensweise an Lieder beeinflusst hat, oder haben diese sein dramatisches Singen beeinflusst? „Vice versa. Ich glaube, jeder Sänger wäre besser auf der Bühne, wenn er gelernt hat, wie man Lieder artikuliert, den unmittelbaren Ausdruck eines Vorsatzes, wenn man so will. Aber egal ob es eine unmittelbare oder vertraute Beziehung von Gedanken und Emotionen im Lied oder eine größere, beinahe Leinwand-Charakterisierung einer Rolle ist, du musst deren Seele finden. Ich fand es nie hilfreich, ein Fach zu finden, besonders als junger Sänger.”


In den letzten zehn Jahren hat Thomas Hampson sein Herz und seine Seele in das Projekt Song of America gesteckt, ein umfangreiches Archiv on amerikanischen Liedern, das „die Geschichte unserer Kultur und Nation durch die Augen unserer Poeten und die Ohren unserer Komponisten erzählt.” Er war immer an der Geschichte seines Landes interessiert, studierte Politikwissenschaften und fragte sich eines Tages: „Wer ist unser Schubert? Wer ist unser Brahms und unser Tschaikowsky?” Er begann damit, sich mit der amerikanischen Liedkunst auseinanderzusetzen und erkannte „dass man mit den Turbulenzen und der Geschwindigkeit mit der die amerikanische Kultur zur amerikanischen Kultur wurde, die Geschichte beinahe in Perioden von 10 oder 15 Jahren einteilen kann. Amerika ist eine geographische Ansammlung von Minikulturen, von Nationalitäten und Herkünften. Komponisten erzählen mit Liedern diese Geschichte dieser Zeit in Amerika. Diese Erzählung, dieser Dialog ist vermutlich viel stärker in einem amerikanischen als in einem europäischen Kontext ausgeprägt. Es ist so zeitgenössisch gesteuert, so Geschichten-orientiert von der Zeit, wann es geschrieben wurde. Erst tief im 20. Jahrhundert finden wir Dichter, die etwas befreiter von diesem Amerikanismus sind, die ein transzendentes poetisches Bestreben zeigen, unabhängig von ihrer Nationalität.


„Ich habe durch die Dichter und Komponisten so viel über unsere Geschichte erfahren, und was Amerika für mich ausmacht. Es ist sehr schwer, sich in eine Kultur hineinzuversetzen, die nicht deine eigene ist, wenn du deine eigene nicht kennst. Meine Leidenschaft für American Song ist in erster Linie für Amerika, und in zweiter Linie für die Welt. Wir kennen unsere eigene Geschichte nicht, wir kennen unsere eigene Vergangenheit nicht. Das amerikanische Schulsystem hat beinahe der gesamten Kunsterziehung abgesagt, was ich für einen großen Fehler halte. Es ist unfair unseren Kindern gegenüber. Ich will nicht, dass meine Enkelkinder nicht über unsere glorreiche und turbulente Vergangenheit Bescheid wissen.”

Hampson sieht die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Liedkunst nicht nur in den Texten. „Lieder, so direkt sie auch in jeder bestimmten Gegenwart sein können, brauchen Zeit, um sich in der musikalischen Sprache zu manifestieren und aussagekräftig für die Öffentlichkeit zu werden. Was sehr positiv am amerikanischen Avantgarde-Lied ist, ist dass es seit etwa 20 bis 25 Jahren Komponisten wieder erlaubt ist, eine Melodie zu schreiben. Diese Fruchtbarkeit der Melodie wurde sehr beliebt – man kann gegensätzliche Tonarten haben, aber trotzdem eine melodische Linie, der man folgen kann. Das ist nicht unbedingt der Fall in Mitteleuropa.”

Thomas Hampson © Jiang Chen
Thomas Hampson
© Jiang Chen

Charles Ives („ein Geschichtsschreiber seiner Zeit, dessen Lieder wie kurze Filmaufnahmen sind”), Samuel Barber, Ned Rorem, Jennifer Higdon, George Walker, Richard Danielpour („mit seinen Lieder bauen Sie eine melodische und harmonische Beziehung zu den Höhen und Tiefen des Textes auf”), die Autoren Emily Dickinson, Theodore Roethke – es ist unmöglich, alle amerikanischen Komponisten und Dichter zu nennen, die es verdienten hier erwähnt zu werden. Ein Name sticht jedoch hervor. Ein Dichter, der die amerikanische Poesie und in Folge die amerikanische Liedkunst wie kein anderer geprägt hat: Walt Whitman. In Leaves of Grass verwendet er das Wort „Song” 192 Mal; mehr als 1200 seiner Gedichte wurden zu Liedern vertont.


Whitman wurde 1819 in eine Quäker-Familie auf Long Island geboren. Er erhielt nur eine begrenzte Schulbildung, arbeitete später als Drucker, Schullehrer und im Verlagswesen. „Was viele nicht wissen ist, dass es in den 1840er ein unglaublich großes Angebot an Oper an der Ostküste gab, besonders italienische Oper, und Whitman wurde damit beauftragt, diese Vorstellungen zu rezensieren. Er hatte ein Problem mit der Struktur dieser scheinbar erhabenen Kunstform und kämpfte mit dieser Aufgabe. Aber nach nur kurzer Zeit war er vollkommen vernarrt in zwei oder drei Sänger, besonders in die Altistin Marietta Alboni. Er war unendlich fasziniert von den unterschiedlichen Farben, die sie in ihrer Stimme finden konnte. Durch die Art und Weise wie sie sang, was sie sang und was dies bedeutete, wurde er vertrauter mit und erkannte die wesentlich Struktur zwischen Rezitativ und Arie. Spulen wir in seinem eigenen Leben vor, in die späten 1880er, kurz vor seinem Tod als er seine Memoiren schrieb: Er schreibt die erstaunlichste Sache: ,Wäre es nicht für die Oper, hätte ich niemals Leaves of Grass schreiben können’.”

Whitman hat sich mit diesem Genre auseinandergesetzt und hat sich gerade dadurch in die italienische Oper verliebt und die Universalität der klassischen Musiksprache schätzen gelernt. Und genau dieses Auseinandersetzen nennt Hampson als wichtigstes Element der Musikerziehung. „Musik – Popmusik, Oper, Volksmusik, Chormusik, klassische Musik – aus den Klassenzimmern zu verbannen ist fatal. Sie hindern junge Leute daran, ihre eigene Identität zu finden. Sie hindern unsere Kinder und Enkelkinder daran, die notwendigen Werkzeuge zu finden, um ihre eigene Identifizierung und die ihrer Umwelt zu formen.” Hampson und ich sind hunderte Kilometer voneinander entfernt , aber seine Leidenschaft – und Frustration – über dieses Thema ist trotzdem greifbar. „Wir haben katastrophale politische Entscheidungen getroffen, von Amerika bis Deutschland bis Frankreich. Wenn wir nicht damit aufhören, wenn wir nicht erkennen, dass dies zur Bildung des menschlichen Charakters beiträgt, und nicht nur der Input von Information, werden wir bald in einer furchtbaren Verfassung sein. Wenn ich einen Politiker sagen höre, dass klassische Musik elitär ist: das ist elitär! Diese Art von sozialer Konstruktion kann ich nicht akzeptieren, ich werde sie nicht akzeptieren.”

Hampson glaubt, dass gerade Lieder besonders zugänglich für ein junges Publikum sind. „Nehmen wir Schumann und Heine, oder Schubert und Heine. So viele Texte lesen sich wie diese Geschichten in Jugendmagazinen, die Mädchen und Buben so gerne lesen: diese Liebesgeschichten, diese „Oh-mein-Gotts”, sie ist so sehr in ihn verliebt, aber er verlässt sie; sie waren so verliebt, aber einer von ihnen erwies sich als Mist. So viel von ihrer Poesie stammt nicht von einem banalen Level, aber sie erzählt vom gleichen Herzschmerz und Kummer.

„Ich versuche nicht, jemanden von etwas zu überzeugen. Für mich ist ein Liederabend eine solche Freude und eine so komplexe Aufgabe, so viele unterschiedliche Gedanken und Emotionen hörbar zu machen. Es ist etwas zutiefst Erfüllendes, diesen Strauß an menschlichen Erfahrungen zeigen zu dürfen. Musik ist das innere Gemälde unserer emotionalen, intellektuellen Reflexionen. Es macht Spaß, dem Publikum eine Landschaft an Spiegeln zu zeigen. Und vielleicht mag jemand diese Lieder nicht so sehr wie ich, das ist in Ordnung, so ist das Leben, das ist großartig!” Sein Rat und Bitte (nicht nur) an das Publikum? „Seien Sie lebendig! Seien Sie engagiert!”

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