Vor seinem Auftritt mit den Münchner Philharmonikern bei den diesjährigen BBC Proms gab Valery Gergiev uns ein langes Interview. Hier haben wir einige Höhepunkte aus dem Gespräch mit David und Alison Karlin zusammengefasst.

Für einen Mann, der so viel Zeit damit verbringt, rund um den Erdball zu fliegen, und der bei so vielen Projekten seine Finger im Spiel hat, weiß Valery Gergiev auch innezuhalten. Wenn er in einer der vielen Kirchen und Kathedralen Russlands ist, nimmt er sich Zeit und lauscht stundenlang dem Chorgesang und den Klang der Glocken, der an jedem Ort einzigartig ist. Diese Menschen betrachten sich nicht als klassische Musiker, sagt er, doch ihr Klang ist das Herzstück der Tradition von Prokofjew, Schostakowitsch und Strawinsky.

Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker bei den BBC Proms 2016 © BBC | Chris Christodoulou
Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker bei den BBC Proms 2016
© BBC | Chris Christodoulou
Gergiev sieht sich als stolzer Hüter dieser Tradition mit der Aufgabe, klassische Musik an Publikum auf der ganzen Welt heranzutragen, einschließlich dem an den unmöglichsten Orten. Sein Modus Operandi ist einfach: Man beginne damit, dem Publikum die führenden Künstler der Welt vorzustellen, vorzugsweise kostenfrei. Man spiele für Kinder und arrangiere ein Konzert für die Studenten der örtlichen Universität. Man gebe dem Publikum etwas, das Augen und Ohren öffnet; man bringe Hörer an den Punkt, an dem man „eine Öffentlichkeit hat, die Qualität kennt und sie auf gewisse Weise fordert, und die erwartet, dass Dinge auf sehr hohem Niveau geschehen“.

Kinder, die in einem Chor singen, das ist einfach das Beste. Ich glaube, das ist noch natürlicher als Violine oder Klavier zu spielen.

Er glaubt, dass es der beste musikalische Start für Kinder ist, im Chor singen zu lernen, und so sitzt er der Chorgesellschaft Russlands vor mit dem Vorhaben, Chöre aus Russlands 86 Regionen zusammenzubringen. Er erinnert uns daran, wie groß Russland ist – Regionen wie Jakutsk oder Krasnojarsk sind sechs Mal so groß wie Frankreich; eine Region, die dreimal so groß ist wie Frankreich gilt als mittelgroß. Er hat etwa 50 dieser Regionen besucht und hofft, dass sie ihre eigenen Chorprogramme entwickeln, die er dann in groß angelegten Events wie dem riesigen Chor, der für die Olympischen Spiele in Sotschi aufgestellt wurde, zusammenbringen wird. Man muss die richtigen, energiegeladenen, inspirierenden Chorleiter finden, und dieses Projekt ist noch in Arbeit - „höchstens zur Hälfte geschafft“.

All diese Leute kommen jetzt zu uns, da müssen wir nirgendwo hin.

Audience Development ist seit Langem ein großes Projekt. Vor 15 oder 17 Jahren begann das Mariinski, kostenlose Konzerte für Universitäten zu geben – keine Karten, nur offene Türen – in voller Besetzung mit Orchester, Chor und Stars vom Kaliber Netrebko, Borodina, Nikitin und Abdrazakov. Das zu investieren wahr sehr lohnenswert und hat ein Publikum gewonnen, das groß genug ist, um das neue Mariinski II zu füllen, das Gergiev als „einen der mächtigsten Komplexe unserer Zeit“ preist.

Das Mariinski II, Ansicht von Seiten der Dekabristov Str. und dem Krujkow-Kanals © Danila Shklyar / State Academic Mariinsky Theatre
Das Mariinski II, Ansicht von Seiten der Dekabristov Str. und dem Krujkow-Kanals
© Danila Shklyar / State Academic Mariinsky Theatre
Mit dem Mariinski II ist die Größe der St. Petersburger Operation atemberaubend, mit vier Kammersälen zusätzlich zu den zwei Opernhäusern (eines neu, eines traditionell) und dem großen Konzertsaal (der einen Orchestergraben hat und daher bei Bedarf auch als Opernhaus genutzt werden kann). Gelegentlich werden drei Opern an einem Tag gespielt, was funktioniert, weil genügend Sänger, Tänzer und Musiker angestellt sind. Das hat es dem Mariinski ermöglicht, zahlreiche alte und wertvolle (und teure) italienische Instrumente zu erwerben: „Das ist es, was dem Orchester seinen sehr besonderen Klang gibt, nicht nur die Musiker, sondern auch die Instrumente.“

Primorskij-Bühne © Gennadiy Shishkin / State Academic Mariinsky Theatre
Primorskij-Bühne
© Gennadiy Shishkin / State Academic Mariinsky Theatre
Zu den St. Petersburger Sälen kommt das bislang ambitionierteste Unterfangen der Kompanie hinzu: die Primorskij-Bühne in Wladiwostok, etwas mehr als 9.000 Kilometer entfernt (die Primorskij-Region ist Herkunftsort der „Sibirischen“ Tiger). Das 1. Fernost-Festival im August eröffnete mit Prokofjews Oper Verlobung im Kloster und bot Auftritte von Diana Vishneva und Yulia Lopatkina, zwei der weltbesten Tänzerinnen, sowie die Gewinner des diesjährigen Tschaikowsky-Wettbewerbs. Gergiev investiert viel Zeit in die Primorskij-Bühne und er erwartet schnelle Ergebnisse – er hofft, das regionale Publikum binnen sechs oder vielleicht zwölf Monaten transformiert zu haben. Weniger zuversichtliche Sterbliche mögen dafür Jahrzehnte veranschlagt haben.

Man muss großzügig und offen und einfach neugierig sein... wir müssen unsere Institutionen so sicher machen, dass wir, sagen wir, 2% unseres Budgets für Dinge ausgeben, die nicht nach dem Prinzip „lass uns das machen, wir verkaufen so viele Karten“ laufen.

Ein wiederkehrendes Thema ist, dass das Mariinski blitzschnell entscheiden kann, ein kostenloses Konzert zu programmieren, um das Publikum gewogen zu machen. Gergievs Ambition als Missionar der klassischen Musik – und besonders der russischen Musik – ist global: „Musik hat keine Grenzen“, sagt er. Er reist nach Amsterdam, um mit dem Nationalen Jugendorchester der USA zu arbeiten, das nicht einmal existierte, bis er es 2013 auf Initiative von Clive Gillinson der Carnegie Hall mitbegründet hat. Er erwähnt eine kürzlich getane, Hals über Kopf organisierte Reise nach Cuba: Das Mariinski-Orchester war bereits in Nordamerika und es war kurz vor Obamas Besuch in Kuba, also dachte er, es wäre eine einzigartige Gelegenheit, das Land zu sehen, „solange es sozusagen noch Castro-Land ist“ und solange „alles noch so ist wie 1959“. Er sagt, es wäre naiv gewesen, „einen Vertrag mit der örtlichen Regierung oder dem örtlichen Theater zu erwarten“. Er fischt sein Handy aus der Tasche und zeigt stolz Bilder von außergewöhnlichen marmornen Säulengängen aus Havanna; er spricht begeistert von der Vielfältigkeit Lateinamerikas, das er zum ersten Mal besucht und dabei vor enormem Publikum gespielt hat – das größte fand sich im Auditorio Nacional in Mexiko Stadt ein (das bei den Olympischen Spielen 1968 Platz für 12.450 Zuschauer bot). Gergiev vermeidet politischen Themen praktisch während des gesamten Interviews, drückt nur seine Traurigkeit angesichts des aktuellen Grades an Gewalt in vielen Ländern oder der Zerstörung von Altertümern in Palmyra aus, doch er besitzt eindeutig den politischen Rückhalt, um ad hoc-Konzerte zu veranstalten im Wissen, dass sie finanziert werden.

Wir müssen darüber nachdenken, was die Leute in 20 oder 30 Jahren über diese Ära, diese Zeit sagen.

Gergiev ist sich des großen Schwungs der Musikgeschichte sehr bewusst. Er ist fasziniert davon, wie Orchester sich im Laufe der Zeit verändern – wie das Concertgebouw beispielsweise sich über die Jahrzehnte entwickelt hat, von Mengelberg über Haitink bis heute. Für einen Mann, den man nicht ohne Weiteres als bescheiden beschreiben würde, zeigt er wahre Bescheidenheit in seiner Überlegung, wie zukünftige Hörer seine Arbeit auf CD und Film betrachten werden. Doch er zweifelt nicht an seiner Aufgabe, Audio- und Filmaufnahmen der großen russischen Werke vorzulegen, besonders der Werke, von denen er glaubt es gibt noch keine angemessene Auswahl an qualitativ hochwertigen Aufnahmen – Strawinskys Symphonien oder Jeu de Cartes zum Beispiel, oder Prokofjews Opern. Prokofjews schrieb seine erste Oper Der Riese im zarten Alter von neun Jahren und Gergiev empfand es als „schockierend“, bereits darin das Genie des Komponisten erkennen zu können. Das Mariinski führte die Oper im Mai in einem seiner Kammersäle auf und hatte großen Spaß dabei: Gergiev meint, sie sollten es eines Tages anständig filmen. Er verweist auf Semjon Kotko als eine wichtige Prokofjew-Oper, die öfter gegeben werden sollte.

Gergiev ist Vorstand des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs. Er deutet an, dass der Preis vielleicht nicht das Allerwichtigste ist; er findet es vielmehr aufregend, dass der Wettbewerb jungen Künstlern die Gelegenheit gibt, sich eine Stunde oder länger mit den großen Musikern dieser Zeit zusammensetzen können. Er hat selbst auf diese Art von Mrawinski, Karajan und vielen anderen gelernt und erinnert sich lebhaft an ein vierstündiges Treffen mit Leonard Bernstein 1988, das sein Leben verändert hat. Für ihn ist Bernstein ein Genie und jemand, den zu treffen ihm „irgendwie vorbestimmt“ war. Die beiden diskutierten darüber, wie man Tschaikowsky und Schostakowitsch interpretieren solle; Bernstein war in Rage, dass Gergiev seine Aufnahme von Schostakowitschs Leningrad-Symphonie mit dem Chicago Symphony Orchestra nicht kannte – aus dem schlichten Grund, dass Bernsteins Aufnahme in der Sowjetunion nicht verfügbar war.

Das Mariinski-Orchester und Valery Gergiev © Valentin Baranovsky / State Academic Mariinsky Theatre
Das Mariinski-Orchester und Valery Gergiev
© Valentin Baranovsky / State Academic Mariinsky Theatre
Überraschend für solch ein weltstädtisches Geschöpf liebt Gergiev die Natur und kleine Orte. Er liebt das Feingefühl für die Natur, das die Skandinavier haben – ihre Seen, ihre Wälder, die saubere Luft, alles aus Holz Gemachte. Das ist einer der Gründe, aus denen er jedes Jahr am Mikkeli Festival und dem Baltic Sea Festival beteiligt ist – er argumentiert leidenschaftlich, dass die Baltische See und ihre Umwelt Hilfe brauchen. Der kleine Ort, der ihn kürzlich aus dem Sessel haute, war Frutillar in Chile, eine Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern zwei Stunden südlich von Santiago. Er zeigt uns hinreißende Fotos von See, aktivem Vulkan und dem Teatro del Lago, ein wunderschön gebautes Haus mit 1.200 Sitzen, eröffnet 2010, direkt am Seeufer.

Als wir fragen, welchen Flughafen auf der Welt er am wenigsten mag, ist das Erste, das ihm einfällt, wie er am JFK zweieinhalb Stunden in der Schlange stand, umringt von unzähligen wütenden Leuten. Als „ziemlich beschäftigter Mann“ findet er, dass hier als Tor zum Land „etwas nicht ganz durchdacht ist“. Wir Engländer mögen uns Meister der Untertreibung rühmen, doch hier haben wir sicherlich unseresgleichen gefunden.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.