Tschaikowski umrahmt von Schumann, Romantiker unter sich – so schien das heimliche Motto des Konzerts des recreation - Großes Orchester Graz im Stefaniensaal an diesem Montag zu lauten. Offiziell war der Abend als Erstes Klavierkonzert tituliert, jedoch müssten sich weder Robert Schumanns Manfred-Ouvertüre noch seine Symphonie Nr. 4 hinter Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 verstecken, dem sie hier einen Rahmen bildeten.

Michael Hofstetter © Werner Kmetitsch
Michael Hofstetter
© Werner Kmetitsch
Am Pult des Orchesters stand – bei dieser Konzertreihe übrigens zum letzten Mal als Chefdirigent – Michael Hofstetter. Wie gewohnt holte er das Maximum aus dem Orchester heraus und sorgte für differenzierte Tempi und breit schattierte Dynamik. Besonders auffallend ist es, dass man immer wieder beobachten kann, wie harmonisch das Orchester miteinander funktioniert; dass die Musiker es genießen, wirklich als große Einheit zusammen zu spielen ist einerseits schön mitzuerleben und andererseits auch Garant für höchste Qualität.

Den Beginn machte Robert Schumanns Manfred-Ouvertüre, die 1852 uraufgeführt wurde und von der literarischen Figur des Manfred, erschaffen vom englischen Romantiker Lord Bryon, der aber heute komplett in Vergessenheit geraten ist, handelt. Den Stoff dieser englischen Faust-Figur bearbeitete Schumann in einem dramatischen Gedicht für Sprecher, Chor und Orchester; tatsächlich wird heute meist nur noch die Ouvertüre davon aufgeführt. Die Geschichte des Titelhelden erzählte das Orchester von Beginn an getrieben und hektisch und verbildlichte so das verzweifelte Umherirren des Charakters. Herrlich sehnsuchtsvoll erklangen die Erinnerungen an verlorene Lieben und schönere Zeiten durch die konsequent zurückgenommen agierenden Musiker, die Hofstetter jedoch in energetischeren Momenten auch kühn aufwallen lies. Geprägt war die Ouvertüre von kühlen Farbschattierungen und einem Zustand den ich als kontrollierte Ekstase bezeichnen würde, bevor im Finale schließlich eine elegische Stimmung dominierte.

Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1, das zunächst von seinem Mentor Nikolaj Rubinstein als schlecht, trivial und vulgär bezeichnet wurde, seinen Siegeszug rund um die Welt aber unbeeindruckt davon antrat, vereinte im ersten Satz sowohl episch bedeutungsvolle Momente, wie beispielsweise in der Einleitung. Hier tönten die Hörner mit mal imposanten, mal wohlig weichen Phrasen; das Orchester begab sich auf eine zwischen wild und sanft changierende Reise, auf der sie die Weiten Russlands und ihre Felder in Musik gossen und somit ein majestätisches Klangbett für das Klavier schufen. Der Solist Bernd Glemser lieferte ein von unheimlicher Präzision geprägtes Spiel, das in der Intensität und im Gesamtklang jedoch hier und da etwas sehr hart donnernd anmutete. Den zweiten Satz mit seinem anrührend schlichten Beginn dominierten sowohl im Orchester als auch beim Pianisten sanfte Piani, die trotz atemberaubender Tempi nie ihre Zartheit einbüßten. Mit enormem Elan ging es in den dritten Satz, in dem Orchester und Solist gemeinsam über eine in frühlingshafte Klangfarben und –schattierungen getauchte imaginäre Tanzfläche, die das Publikum in einen Roman Tolstois entführten, wirbelten. Die Harmonie zwischen Klavier und Orchester wirkte durchwegs gut, lediglich schien von meinem Platz aus das Klavier akustisch teils etwas überpräsent. In seine Zugabe – eine Prelude von Rachmaninow – legte Bernd Glemser schließlich nochmals eine große Palette an perlend gefühlvollen Emotionen.

Nach der Pause folgte Schumanns Symphonie Nr. 4, welche eigentlich seine zweite war, jedoch erst später einen Verleger fand, und somit zur vierten Symphonie wurde. Schon im ersten Satz wurde deutlich, dass das Orchester in seiner Gestaltung ebenso breit und elegisch agierte, wie vor der Pause. Mit schwungvoller Inspiration bot Michael Hofstetter am Pult eine transparente Lesart mit brodelnder Grundstimmung, die allerdings nach Tschaikowskis seelenvoller Komposition, und somit im direkten Vergleich, passagenweise fast schon unangenehm hektisch anmutete. Den zweiten Satz leiteten Solocello und Oboe klagend balladenhaft ein, bevor das Violinsolo mit zartschmelzenden Triolen für Wehmut sorgen konnte. Im von Schumann zu einem zusammengezogenen dritten und vierten Satz ließ Hofstetter das Orchester immer wieder auflodern und entlockte den Musikern präzise Vielschichtigkeit. Im Grande Finale setzten dann wiederum die Bläser mit höfischen Fanfaren Akzente, bevor das gesamte Orchester sich zum dramatisch effektvollen Schluss aufschwang.

Kurz gesagt: es war ein wunderbarer Abend und ein idealer Start in die Woche!