Wie entsteht heutzutage eine zeitgenössische Komposition? Normalerweise vergeben Orchester, Opernhäuser oder Festivals Kompositionsaufträge und beantragen dafür staatliche Zuschüsse. Oft aber sind die ausführenden Künstler auch selbst die Initiativnehmer in einem solchen Entstehungsprozess. Die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan hat bei der Entstehung von let me tell you eine besonders große Rolle gespielt, das sie gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern und Jakub Hrůša in der Philharmonie Köln zur Aufführung brachte.

Barbara Hannigan © Raphael Brand
Barbara Hannigan
© Raphael Brand

Hannigan selbst wählte für dieses Werk die Ophelia-Novelle gleichen Namens ihres Freundes Paul Griffith. Dieser hatte 13 Jahre daran gearbeitet und es ist ihm gelungen, Ophelias unglückliche Liebe zu Hamlet mit nur den 480 Worten zu beschreiben, die Shakespeare sie auf der Bühne auch sprechen lässt. Hannigan fragte als nächstes den dänischen Komponisten Hans Abrahamsen, auf Teile dieses Textes eine Komposition zu schreiben. Im Dezember 2013 leitete Andris Nelsons schließlich die Uraufführung mit den Berliner Philharmonikern – Sir Simon Rattle musste aus Zeitmangel ablehnen. Abrahamsen hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine größere Vokalkomposition geschrieben, war aber vom Text und Hannigan begeistert. Diese hielt ihm bei ihrer ersten Begegnung einen vierstündigen Vortrag über die Geschichte der Vokalkunst von Monteverdi bis Mahler und erklärte ihm auch, wie ihre eigene Stimme am besten zu ihrem Recht käme. Herausgekommen ist nun eine etwas über halbstündige Komposition für Sopran und Orchester, die seit ihrer Uraufführung regelmäßig von den großen Orchestern dieser Welt gespielt wird.

Die Bamberger Symphoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Jakub Hrůša spielten es nun mit Hannigan auch in der Kölner Philharmonie. Leider gab es dort keine Untertitelung, wodurch einem großen Teil des Publikums das Verständnis der subtilen Verflechtungen von englischem Text und Musik erschwert wurde. Die sieben Sätze, die teilweise ineinander übergehen, sind in drei Teile – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – aufgeteilt. Let me tell you how it was beginnt mit zwei Piccoloflöten und eisig hohen Streicherklängen. Hannigan ließ von Beginn keinen Zweifel entstehen über den zerbrechlichen Charakter dieser Ophelia. Ihre Stimme war äußerst anpassungsfähig und verschmolz mit den Bläsersolisten genauso zart wie mit den Klängen des mit einem Cellobogen angestrichenen Vibraphons. Im zweiten Satz, O but memory is not one but many, begann sie auf dem Wort „music” zu stottern. Die wiederholten Silben wurden im Laufe des Stückes zum immer stärker werdenden Symptom von Ophelias Verzweiflung. Hier im zweiten Satz wurde von Celesta und Glockenspiel eine zwar rührende, aber auch schon in Teilen eisige Stimmung erzeugt. Der dritte Satz, There was a time, I remember, beginnt mit einem langen Orchestervorspiel; das hinkende Pizzicato der Bässe begleitet Duette der Fagotte und Klarinetten. „What is music, if not time“ sang Hannigan mit ihrer unverwechselbar klaren Stimme und dirigierte sich dabei selber flüssig gestikulierend, was angesichts ihrer aktuellen Doppelkarriere als Sängerin und Dirigentin nicht verwunderlich war. In den folgenden Sätzen gab es trotz des genialen Textes („Your face is my music lesson and I sing”) einen Spannungsverlust, die Zeit begann sich zu dehnen und Hannigan war nicht mehr immer deutlich zu verstehen. Erst im letzten Satz, I will go out now, der den Ertrinkungstod der Ophelia beschreibt, war Hannigan mit wunderschön artikuliertem Oktavsprung wieder packend präsent. Man hörte den ganzen Satz hindurch Papier über das Fell der großen Trommel reiben, als wische sich Ophelia selbst aus. Wie Tränen fielen Xylophontöne dazu hinunter. Ophelia wurde vom Schnee verschluckt und in bitterer Traurigkeit endete dieser Monolog.

Bruckners Vierte Symphonie wurde im zweiten Teil des Konzertes zu einer Geduldsprobe. Die ersten drei Sätze dirigierte Hrůša sehr beherrscht. Er stand wie angewurzelt und bewegte sich sehr ruhig und ausgeglichen. Erst im Finale. Bewegt doch nicht zu schnell ließ er die Zügel schießen und spornte sein Orchester mit aufpeitschender Gestik an. Mit dem ersten Beckenschlag kamen die Bamberger Symphoniker aus ihrem Panzer. Erst jetzt verdiente die Interpretation von Bruckners Vierter den Beinamen „Romantisch”, erst zu diesem Zeitpunkt ließ sich das Orchester wirklich von seiner Schokoladenseite sehen. Seine Bläser überzeugten mit Temperament und Farbenreichtum und die Streichergruppen mit Präzision und gefühlvollem Fortissimo. Die Beherrschung des Pianissimo der Bamberger Musiker war atemberaubend. Hrůša hatte seinem Bruckner eine ganz besondere Kontur gegeben, die man erst im befreienden letzten Satz erkannte und dankbar genoss. Was ist Musik, wenn nicht Zeit?

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