Thomas Adès, erfolgreicher Komponist und vielgefragter Dirigent, widmet sich seit Jahren den Werken von Gerald Barry. Im letzten Jahr war er mit Barry’s Klavierkonzert in Amsterdam zu Gast und vor einigen Monaten hob er dessen Bratschenkonzert in London aus der Taufe. Bei seinem aktuellen Gastspiel beim Königlichen Concertgebouw Orchester stand dieses Mal eine kurze Oper von Barry auf dem Programm: La plus forte. Barry hatte 2006 seine vierte Oper als Auftragskomposition für Radio France auf eine Vorlage von August Strindberg komponiert. In Amsterdam kam zum ersten Mal die Englische Version unter dem Titel The Stronger zur Aufführung.

Thomas Adès © Mathias Benguigui
Thomas Adès
© Mathias Benguigui

Zwei Frauen treffen einander zufällig in einem Café. Im Laufe eines etwas mehr als 20 Minuten dauernden Monologs kommt Madame X dahinter, dass die andere, Mademoiselle Y, ein Verhältnis mit ihrem Mann hatte. Der Schauspielerin dieser Frau Y hat Strindberg keinen Text gegeben, sie erträgt schweigend die Selbstentblößungen der Ehefrau X. Zum Zweck dieser halbszenischen Aufführung war das Gesicht des Fräulein Y (Hanna van Vliet) auf eine riesige die Orgel überdeckende Leinwand projiziert. Die Interaktion mit der schwedischen Koloratursopranistin Kerstin Avemo war damit leider aus dem Gleichgewicht gebracht, da man so nie beide Personen zugleich im Blickfeld hatte. Das unbegleitete Gesangssolo zu Beginn besteht aus wiederholten rhythmischen Staccato-Noten im hohen Register der stimmgewaltigen Avemo. Das Orchester setzt mit heroisch tönendem tiefem Blech ein Motiv ein, welches im Laufe der Oper immer öfter wieder kehrt. Während ihres Monologs singt Avemo regelmäßig unisono mit den Holzbläsern. Der Rest des Orchesters wird fragmentarisch eingesetzt. Barry’s Komponierstil gibt den Musikern eine beschreibende Rolle, es ist wenig Platz für Emotionen oder Entwicklungen. Auch die schöne einprägsame Stimme Avemo’s schaffte es nicht, das von Strindberg virtuos skizzierte Psychodrama zu einem packenden Opernerlebnis werden zu lassen.

Adès hatte 2017 für seine dritte Oper The Exterminating Angel den Preis für die beste Opernpremiere des Jahres erhalten. Auf dem Amsterdamer Programm stand die niederländische Erstaufführung der Luxury Suite mit Material aus seiner ersten Kammeroper Powder Her Face. Die Suite beginnt und endet mit bravourös instrumentierter Tangomusik. Es gibt neben Walzern  einen Hochzeitsmarsch und viele Zitate aus der Musikgeschichte. Adès schreibt tiefsinnige Musik mit einem leichtfüßigem Äußeren. Für das ungeübte Ohr entwirrten sich die vielen interessanten übereinander gelagerten Stränge der Partitur nur schwerlich. Wer die Oper nicht kennt, dem entging beim ersten Hören viel. Der Orchesterklang war in den leisen Passagen wirklich schön, aber wie schon bei Barry gelang es Adès nicht immer, den brillant aufspielenden Orchesterkoloss im Zaum zu halten. Die zwei Saxophone und Soloklarinette betörten mit ihren einschmeichelnden Soli; es gab Klangfarbenspiele en masse. Adès komponiert packende erzählende Musik, die die Fantasie beflügelt. Einige Übergänge dieser neuen Suite wirkten sehr abrupt, andere Stellen waren fragmentarisch. Es ist die Frage, ob dies die letzte Fassung dieser Opernsuite bleiben wird.

Das Konzert begann mit Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune. Adès dirigierte mit großen und eleganten Bewegungen, aber es ging wenig zwingender Elan von ihm aus. So geriet die Dynamik oft zu dick, der Klang zu gegenständlich: es fehlte die verführerisch erotische Dimension dieser Komposition auf ein Hirtengedicht von Stéphane Mallarmé.

Als „Rausschmeißer“ hatte man Poulencs Suite aus Les Biches gewählt. Hier konnte das RCO mit seinen hervorragenden Musikern mit viel Schwung und Witz aufspielen. Der Designer Andrè Cremer hatte zu drei der fünf Sätze Gemälde aus der Sammlung der Heremitage Amsterdam auf die Leinwand projiziert, welche die sinnliche Ballettmusik zum Teil wirklich verstärkten. Der schwarze Totenkopf aus einer Schmuckschatulle setzte einen letzten visuellen Akzent auf die rasante klangliche Farbenpracht dieses Konzertes.

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