Anna Netrebko gibt in Francesco Cileas One-Hit-Wonder Adriana Lecouvreur die größte französische Schauspielerin des 17. Jahrhunderts, welche nach einer zweieinhalbstündigen Tour de Force durch sämtliche Opernklischees den Tod durch einen welken Veilchenstrauß findet. Das tut sie freilich nicht zum ersten Mal, jedoch erstmals in der Wiener Staatsoper, welche wiederum das Werk vor drei Jahren (mit Angela Gheorghiu in der Titelpartie) erstmalig aufführte. Man durfte also gespannt sein.

Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Aus dieser Spannung wurde ein wenig Anspannung, gepaart mit ein paar Schrecksekunden, als sie in ihrem ersten Auftritt zu deklamieren begann: Sie legte ihren Vortrag mit sehr tiefer Stimme an, und auch ihren Akzent konnte sie kaum verbergen; doch mit dem Selbstbewusstsein einer Primadonna gerieten derlei Schwierigkeiten schnell zur Nebensache. Zwei Takte Gesang, und man verfiel ihrer Stimme, die sie an diesem Abend von der ersten bis zur letzten Note makellos führte. Alles kaufte man ihr ab: die Bescheidenheit, wonach sie eine niedrige Magd der Kunst sei („Io sono l’umile ancella“), die Eifersucht, die Verliebtheit, und auch das Aufblitzen von Wahnsinn in ihrer Sterbeszene. Eine Diva vom Feinsten.

Piotr Beczała (Maurizio) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Piotr Beczała (Maurizio)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Ihr zur Seite – und in nichts nach – stand ihr an diesem Abend Piotr Beczała als ihr Geliebter, der Graf von Sachsen. Auch er war erstmals in dieser Partie an der Staatsoper zu hören, zeigte dabei keinerlei Schwächen, dafür saubere, lang gehaltene Spitzentöne und jugendliche Energie. Besonders erfreulich ist, dass sich Beczala mit dem Grafen Maurizio auch darstellerisch intensiv auseinandergesetzt hat.

Elena Zhidkova (Princesse de Bouillon) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Elena Zhidkova (Princesse de Bouillon)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Doch lebt der Erfolg eines Abends natürlich nicht von zwei Ausnahmekünstlern allein: Meine persönliche Lieblingsnummer dieser Oper („Acerba voluttà“), durfte Elena Zhidkova als Fürstin von Bouillon und Adrianas Konkurrentin zum Besten geben, und das tat sie mit großer Stimme und großer Geste à la Ebolis „O don fatale“. Auch Roberto Frontalis Michionnet (väterlicher und sie doch naiv begehrender Freund Adrianas) gefiel ebenso wie die Stimmgewalt von Alexandru Moisiuc als Fürst von Bouillon, stets umgeben von Raùl Giménez als intrigantem Abbé (Abate).

Die übrigen Partien blieben ein wenig farblos, was nicht nur an der lieblosen Behandlung durch das Libretto liegt, sondern auch an dem Umstand, dass diese Oper erst eine Saison gespielt wurde, und diese, wie erwähnt, bereits drei Jahre zurück liegt. Mehr Proben wären ratsam gewesen, auch wenn immer noch erkennbar ist, dass sich hier ein kompetenter Regisseur (Sir David McVicar) Mühe gegeben hat, die dramaturgischen Schwächen des Werks zuzudecken. Andererseits kann man auch nicht von einem großen Wurf sprechen, wenn man diese Arbeit genauso gut für eine Otto Schenk-Produktion der Sechziger oder Siebziger Jahre halten könnte. Immerhin kommen Freunde von opulenten Rokoko-Roben (Brigitte Reiffenstuel) und liebevoll ausgestattetem Bühnenbild (Charles Edwards) auf ihre Kosten.

Piotr Beczała (Maurizio), Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur) und Roberto Frontali (Michonnet) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Piotr Beczała (Maurizio), Anna Netrebko (Adriana Lecouvreur) und Roberto Frontali (Michonnet)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Die einzige Enttäuschung des Abends ging auf das Konto des von David McVicars Leib-Choreographen Andrew George kreierten Balletts, das sich an diesem Abend als recht holprige Angelegenheit erwies. Zum einen erschloss sich die Handlung (das „Urteil des Paris“) nicht wirklich, zum anderen steht auch hier ein Mangel an Proben zu vermuten.

Hervorragend war hingegen die Leistung des Orchesters samt Solisten unter dem Dirigat von Evelino Pidò, welches Adriana Lecouvreur als italienischen Verismo gepaart mit französischer Eleganz charakterisierte. Pidò bestritt bereits die Erstaufführung dieses Werkes an der Staatsoper und zeigte auch an diesem Abend alles, was das Werk zu bieten hat: von filigranen Details in den Streichern bis zu den Gefühlsausbrüchen der Protagonisten.  Diese Vielfalt im Ausdruck ist es wohl auch, welche Adriana Lecouvreur, dem dubiosen und pathetischem Libretto zum Trotz (Arturo Colautti nach Eugène Scribe), in die Gegenwart gerettet hat, und nach diesem Abend ist man einmal mehr gern bereit, sich die fürstlichen Verwirrspiele um betrügerische Liebeleien samt gefälschtem Brief noch einmal anzusehen.