Egal ob mystische Kulte, die Urgewalten der Natur oder die Kämpfe des Ichs – mit den drei Werken, die das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit dem britischen Dirigenten Paul Daniel in der Philharmonie aufs Programm setzten, erkundeten die Musiker unterschiedlichste klangliche Welten. Gemein war aber allen Werken, dass sie mit ihren jeweiligen Sujets die Extreme nicht scheuten.

Martin Grubinger © Simon Pauly
Martin Grubinger
© Simon Pauly

Mit dem noch frischen Konzert Sieidi für Schlagwerk und Orchester des finnischen Komponisten Kalevi Aho eröffnete das BRSO das Programm. Das Konzert wurde 2012 in London uraufgeführt und führte das Publikum dem Titel nach zu einer Kultstätte der lappländischen Ureinwohner. Solist Martin Grubinger begab sich auf sieben verschiedenen Schlaginstrumenten auf eine kleine Weltreise. Neben Djembé (afrikanisch), Darabuka (arabisch), Snare Drum und Tom-Toms (Nordamerika) kamen auch Melodieinstrumente wie die guatemaltekische Marimba, ostasiatische Wood & Temple Blocks und ein Vibraphon zum Einsatz. Abgerundet wurde die Schlagwerksektion von einem Tamtam, das Grubinger mit Streicherbogen und Drumsticks zum Klingen brachte. Dabei spürte der Salzburger die pulsierende Musik in jeder Faser seines Körpers – beugte sich über Marimba und Vibraphon, schnitt Grimassen und dirigierte mit. Die Spannung wurde aber nicht nur oberflächlich greifbar, die kontrastreichen dynamischen Wechsel und Grubingers absolutes Gefühl für den Rhythmus wirkten elektrisierend.

Im Orchesterpart spielt Aho geschickt mit progressiven Klangfiguren, die allerdings kaum die Hörgewohnheiten überfordern. Viel mehr meinte man, im Oboen- oder Saxophon-Solo orientalische Linien zu erkennen, die sich mit archaischen Klängen vereinten. Überhaupt schuf Sieidi mit zwei Schlagwerkern, rechts und links vom Orchester platziert, und dem Pauker, der wie üblich zentral hinter dem Orchester spielte, eine fesselnde klangliche Räumlichkeit.

Diese kultische Urgewalt überführte Daniel nach der Pause in die farbenprächtige Klangwelt Debussys, der mit seinen drei symphonischen Skizzen La Mer in wogend weichen und gewaltig brausenden Klangbildern das Meer charakterisiert. Basierend auf diesem Gegensatz kreierte Daniel eine Interpretation, die Klänge blühen ließ, den Zuhörer in geschmeidig stringente Linien verwickelte und die gegenläufigen Melodielinien genussvoll aufeinanderprallen ließ. Pathetisch glorifizierend endete die erste Skizze De l’aube à midi sur la mer, wenngleich Daniel hier den Klang noch etwas dosierte, während er schließlich im Finale (Dialogue du vent et de la mer) den Konfliktgehalt in einem brausenden Kraftakt abschloss.

Skrjabins Vierte Symphonie weist in ihrem Untertitel Le poème de l'extase bereits auf die Klangextreme hin, die das Publikum erwarten. „Und es hallte das Weltall/ Vom freudigen Rufe/ Ich bin!“ – mit diesen Worten beschloss Skrjabin sein Gedicht, das den gleichen Titel wie seine symphonische Dichtung trägt und das er mit einem monumentalen Finale in Musik übersetzte. Mit stoischer Ruhe entwickelten Daniel und das Orchester die einsätzige symphonische Dichtung, die mit unglaublicher Spannung immer wieder kleine scheinbare Höhepunkte erreichte, die allerdings nur neue musikalische Konflikte offenbarte. Solotrompeter Hannes Läubin, der mit stählerner Präzision das immer gleiche signalhafte Motiv in die Philharmonie entließ, stellte gleichzeitig den Mittelpunkt dar, an dem sich der Klang in immer extatischere Welten schraubte. Die schockhafte Generalpause vor dem finalen Crescendo kostete Daniel mit einer gefühlten, spannungszerreißenden halben Minute aus, bevor das Poème de l'extase jubelnd, aber doch nicht im allergrößten Extrem den Raum eroberte. Wohlmöglich tat es gut, dass Daniel bei allen orchestralen Ausbrüchen den Überblick behielt und den Klang nicht unkontrolliert aufs Publikum losließ.

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