Auch wenn ein Komponist mit siebzehn Symphonien aufwarten kann, mit 31 Solokonzerten gar oder fünf Opern: auf den Programmzetteln mitteleuropäischer Konzerte muss er deshalb trotzdem nicht häufig in Erscheinung treten. Kalevi Aho, 1949 im Süden Finnlands geboren, ist ein solcher Komponist. Selbst nach seinem Studium bei Einojuhani Rautavaara und Boris Blacher ist sein Name – ähnlich wie der seiner Landsleute Leevi Madetoja, Joonas Kokkonen oder Kaija Saariaho – im Ausland nur wenigen geläufig. Am bekanntesten wurde, seit seiner Entstehung 2011, sein Konzert für Solo-Schlagzeug und Orchester, das mit knapp 40 Minuten Dauer veritable symphonische Ausmaße aufweist und gerade wegen seiner überbordenden Virtuosität von der wachsenden Gilde junger Schlagzeug-Solisten mit Begeisterung aufgeführt wird.

Alexej Gerassimez © Nikolaj Lund
Alexej Gerassimez
© Nikolaj Lund

Zu diesen „jungen Wilden“ zählt auch Alexej Gerassimez, der, aus einer Musikerfamilie in Essen stammend, schon als Kind aus Töpfen, Keksdosen oder Tischplatten Schlag-Instrumente machte. Nach seinem Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb 2014 ist er solistisch sowie in einem Schlagzeug-Quartett unterwegs und unterrichtet bereits in München, Salzburg und Birmingham. Grenzen überschreiten und das Publikum mit neuen Eindrücken in der Vielseitigkeit der Schlaginstrumente überraschen: da lässt er neben traditioneller Trommel und Tamburin auch mal Fässer, Bremsscheiben, Schiffsschrauben oder gefüllte Wasserschalen zum Einsatz kommen.

Ahos Schlagzeug-Konzert trägt den Beinamen „Sieidi” und erinnert damit an eine Kultstelle der Samen in Lappland, in deren Nähe das Werk komponiert wurde. Wie für eine räumliche Wanderung, die der Solist vollziehen muss, sind Stationen mit Schlagwerk aufgebaut; Gerassimez begann mit der Djembe (einer afrikanischen Handtrommel), bei der sein markantes rhythmisches Anfangsmotiv immer wieder durch ein Echo- und Antwortspiel mit zwei großen Trommeln an den Seiten des Podiums weitergetrieben wurde. Weitere Stationen im Verlauf des Werks, das Erinnerungen an James MacMillans Veni, Veni, Emmanuel weckte, waren eine arabische Handtrommel (Darabuka), ein Set aus Tom-Toms und Snare, Holz- und Tempelblöcke sowie ein Tamtam, an denen er, mit Schlägeln spielend, eine unzählbare Vielfalt schnell veränderlicher und vertrackter Rhythmusfiguren in unbändiger Spielfreude und unglaublicher Präzision vorführte. Da wechselten 5/4- und 9/8- oder 14/16- Passagen in rasanter Folge, wurden neue Schlägelkombinationen in flinkem Wechsel grandios durchgespielt. Aho setzt sehr prägnante Orchestereinwürfe zwischen die Schlagwerkstationen wie Interludien, die das Werk kompakt durch weitere dramatische Effekte aufladen, und lässt im Orchesterraum verteilte Schlagzeuger (mit beeindruckenden Einwürfen unbedingt erwähnenswert: Christian Stier, Sven Forker, Christian Wissel und Florian Reß) synchron oder synkopisch donnernde Gewitterschläge oder sanfte Tamburin- und Kastagnetten-Klänge ins Spiel des Solisten bringen. Besonders spannend waren die Marimba- und Vibraphon-Parts von Gerassimez; sie gaben neben reinen Rhythmusstrukturen Raum für melodiegeprägte Abschnitte, die mit effektvollen Orchestersoli von Flöte, Klarinette, Saxophon oder den Blechbläsern Einblick in unerwartete Klangräume gewährten. Vollends atemlos machte der leise Schluss das Publikum, wenn das Rauschen dreier Rain Sticks die Illusion von Regenschauern im Konzertsaal hinterließ! Fast unglaublich, wie Gerassimez seine Virtuosität in seiner zugegebenen Eigenkomposition Asventuras for Solo Snare Drums noch ins geradezu Irrwitzige steigern konnte!

Roland Böer, international gefragter Dirigent unter anderem am Royal Opera House Covent Garden, der Mailänder Scala oder der Oper Frankfurt und derzeit Erster Gastdirigent des Mikhailovsky-Theaters in St. Petersburg, hatte die Staatsphilharmonie Nürnberg bereits für Ahos Schlagzeug-Opus bestens vorbereitet. Die romantischen Wogen von Richard Strauss' wohl bekanntester Tondichtung Also sprach Zarathustra ließ er in weitgespannter dynamischer Auffächerung entstehen, achtete dabei mehr auf die Klangfinessen als selbstgefälliges Pathos. Anders als bei Till Eulenspiegel oder Don Quixote identifiziert sich Strauss hier nicht mit einem Titelhelden; aus den Übermenschen, Philistern und Hinterweltlern von Friedrich Nietzsches großdimensionierter literarischer Vorlage werden Stimmungen, Sehnsüchte und Leidenschaften in klingende Schrift umgesetzt, ein ungelöstes Welträtsel zwischen Geist und Natur in unterschiedlichen Tonarten gegenübergestellt.

Böer ließ das reich besetzte Orchester in vielfältigen Farben schillern, Rausch und Sinnlichkeit aufglühen, einen kosmischen Tanz in majestätischer Kraft aufspielen. Da erklang die naturhafte Kühle von Trompeten neben dem sinnlichen Leuchten des vielstimmigen Streicherkörpers; warm und sonor tönten die Bratschen ganz rechts auf dem Podium, während erste und zweite Geigen links vom Dirigenten in enger Korrespondenz wirkten. Flimmernde Holzbläserklänge sprühten auf wie funkelnde Lichteffekte, aus grüblerischem Dunkel der Bässe rief spöttisch die Es-Klarinette. Satter Klang der Hörner tönte weihevoll mit den Registerfarben der Orgel. Hinreißend wiederum das Weiterspinnen des einfachen C-Dur-Naturmotivs in einer kunstgerechten Zwölftonreihe, deren wissenschaftlicher Anstrich in einer freien, genialen Fuge mündet. Und begeisternd, wie über die Fortissimoschläge von Chaos und Trümmern die Walzermelodie des Tanzlieds in den herrlichen Tönen von Manuel Kastls Violine siegte. Da schien der ganze Kosmos in den Schwung leidenschaftlichen Tanzes in gliederlösendem Rhythmus hineingerissen zu werden, bis die Mitternachtsschläge der Glocke alles verlöschen ließen. Entspannt, wenn auch unaufgelöst verklang die illustrierte philosophische Reise im Widerspruch der Dissonanz aus natürlichem C-Dur und erdferner H-Dur-Höhe.

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