Knapp 120 Jahre hat es gedauert, jetzt hat es endlich geklappt: Umberto Giordanos Oper Andrea Chénier feiert endlich ihr Debüt an der Bayerischen Staatsoper. Mit großer Besetzung entschied sich das Münchner Nationaltheater dabei für die Inszenierung eines detailverliebten Historienschinkens – ganz im Sinne des stilprägenden Verismo.

Erstes Bild © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Erstes Bild
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Andrea Chénier erzählt, mit leichten Abwandlungen, die wahre Geschichte des gleichnamigen Poeten, der in die Gesellschaft des Ancien Régime am Vorabend der Französischen Revolution eingeführt wird, dort mit patriotischen Parolen für Verstörung sorgt und sich dabei in Maddalena di Coigny verguckt. Nach dem Sturz des Königs kommen die beiden wieder zusammen, doch Maddalenas einstiger Diener Gérard, jetzt einer der Anführer der Revolution, beansprucht die holde Schöne für sich und diskreditiert Chénier. Am Ende landen Chénier und Maddalena zusammen vor der Guillotine, nicht ohne sich davor noch ewige Liebe geschworen zu haben. Opernkitsch eben.

Jonas Kaufmann (Andrea Chénier) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Jonas Kaufmann (Andrea Chénier)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Klar im Fokus dieses Abends standen aber nicht etwa Handlung, Bühnenbild oder Dirigent, sondern Jonas Kaufmann als Titelheld. Nach mehrmonatiger Stimmbanderkrankung stand der Startenor nun erstmals wieder in München auf der Bühne und entsprechend groß war auch die Erwartung des Publikums, die Kaufmann allerdings nicht restlos erfüllen konnte. In der Gerichtszene strotze Kaufmanns Stimme vor energisch Kraft, im Schlussduett „Come un bel dì di maggio“ überzeugte er mit lyrischem Schmelz; dazwischen aber fehlten Farbe und Feuer. Gerade in den ersten Minuten, beispielsweise in seinem großen Monolog „Un dì all‘ azzuro spazio“, kämpfte er deutlich mit den Wechseln; manchmal klang sein Tenor fast brüchig und es fehlte auch ein wenig das Volumen. Nicht schlecht, aber weit entfernt von alter Form.

Kaufmann schien das selbst gemerkt zu haben und ließ beim Schlussapplaus dem eigentlichen Star des Abends klar den Vortritt: Anja Harteros. Sie ging in der Rolle der Maddalena mit jedem Takt mehr auf – mal verträumt, mal verzweifelt, aber immer mit maximaler Intensität, viel Kraft und fokussierten Spitzentönen. Als sie dann ihre große Arie „La mamma morta“ mit inniger Verzweiflung sang, da kannte das Publikum kein Halten mehr. Das war Weltklasse, die bis ins tiefste Innerste bewegte. Eine große Überraschung war auch Luca Salsi als Carlo Gérard. Der Bariton zeigte sich als stimmgewaltiger Revolutionsführer und legte, trotz aller Präzision, die ganze Bandbreite aus roher Leidenschaft, Eifersucht und geläuterter Rivalität in seiner Stimme.

Anja Harteros (Maddalena di Coigny) und Jonas Kaufmann (Andrea Chénier) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Anja Harteros (Maddalena di Coigny) und Jonas Kaufmann (Andrea Chénier)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Auf der Bühne (Heike Vollmer) türmte sich unterdessen ein historisch-realistischer Querschnitt durch das Paris der Revolutionsjahre: Oben tanzen die Adeligen, unten bäumt sich das Elend des dritten Standes auf. Statt Vorhangfall schob sich bei jedem Bildwechsel das gesamte Bühnenbild nach links oder rechts und wurde setzkastenartig erweitert. Dieser museale Guckkasten mag technisch anspruchsvoll sein, er nutze den gigantischen Bühnenraum in München voll aus und wollte womöglich auch den frühen Film zitieren, aber als dann in der Pause auch noch Statisten Flugblätter verteilten, kam vielmehr das Gefühl einer besseren Schulaufführung auf. Insbesondere ließ die kleinteilige Inszenierung den Solisten keinen Raum, ihre vielen Filetstücke mit maximaler Wirkung zu präsentieren.

Ähnlichen verhielt es sich mit dem Dirigat vom Omer Meir Wellber. Die Musik zu Giordanos Verismo-Oper kann und will nicht nur Beiwerk sein und Wellber nutze das gesamte Potential des Orchesters stimmungsgebend und wechselfreudig aus. Mit charmanten, eleganten, teilweise aber durchaus dramatischen, fast aggressiven Revolutionsklängen verschärfte er unisono, und damit eigentlich ganz im Sinne des Verismo, die Kakophonie der Eindrücke und ließ die Solisten in einer Oper, die auf so viele Solostücke setzt, oft nur zum Beiwerk der Musik werden.

Anja Harteros (Maddalena di Coigny) und Tim Kuypers (Mathieu) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Anja Harteros (Maddalena di Coigny) und Tim Kuypers (Mathieu)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Warum Tim Kuzpers als Heath Ledger-Verschnitt zwischen den Bildern durch den Raum streifte, blieb letztlich ungeklärt. Eingehüllt in eine versiffte französische Flagge hätte man vielleicht kreativere Wege suchen können, als für die Rolle des Mathieu das Make-Up des Jokers aus Batman zu kopieren. Am Ende ist das aber alles Geschmackssache. Wer einen realistisch inszenierten Andrea Chénier mit exzellenter Besetzung und einer überragenden Anja Harteros sehen will, der ist an der Bayerischen Staatsoper genau richtig. Politisierenden Tiefgang sollte man nicht erwarten, aber vielleicht sind manchmal zauberhafte Musik und eindrucksvolle Bilder auch genug.

****1