Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, um ein Kunstwerk richtig zu entdecken oder stecken kaum noch Energie in das Ergründen eines Gemäldes oder eines Romans. Und so erschließt sich auch die Musik unserer Zeit nicht von selbst. Aber Kunstwerke ermöglichen uns neue Einsichten und geben dem Leben Sinn!

Bas Wiegers © Polle Willemsen
Bas Wiegers
© Polle Willemsen

Georges Aperghis hat es sich und uns mit seinem Hamletmaschine-Oratorio nicht leicht gemacht. Der von ihm gewählte Text aus dem Jahre 1977 von Heiner Müller gehört zwar zweifellos zu den Klassikern der deutschen Literatur, ist aber alles andere als leichtverdaulich. Müllers Theatertext entstand im Rahmen einer Übersetzung von Shakespeares Hamlet und reflektiert die Situation des Intellektuellen in der damaligen DDR. Nachdem Wolfgang Rihm 1987 eine auf dem Text basierende Oper geschrieben hatte, gebrauchte ihn Georges Aperghis 1999/2000 für sein Oratorium. Bei der jetztigen Aufführung in Amsterdamer Muziekgebouw handelte es sich um die Niederländische Erstaufführung, die dank einer Koproduktion mit dem Acht Brücken Festival in Köln zustande kam, zu dessen Auftakt das Oratorium unter dem diesjährigen Motto „GroßstadtPolyphonie” noch am Dienstag zu hören sein wird.

Hamlet weiß, was passiert ist, aber er handelt nicht. Aperghis sieht hier deutliche Parallelen zum heutigen politischen Europa. Er sieht sein Oratorium als eine Art Passion mit einem psychoanalytischen sehr existenziellen Text. Als optimistisch im Leben stehender Mensch machte ihm die intensive Arbeit mit Müllers Pessimismus zu schaffen. Für ihn war der Kompositionsprozess ein Kampf um die Entstehung der Partitur. Die Form seines Oratoriums entstand erst während des Komponierens. Er fand den Rhythmus des im Telegrammstil verfassten Textes, dem er mit seiner Musik weitgehend folgte, faszinierend und probierte mit seiner Musik Alternativen zu Müllers grausamer und schockierender Sprache zu bieten. Die Schizophrenie von Hamlet, den Müller auch regelmäßig aus seiner Rolle schlüpfen lässt, hat Aperghis unterstrichen, indem er die Hamletexte auf zwei Sänger verteilte. Zudem sangen beide eine französische Übersetzung, während der Chor, der Schlagzeuger Christian Dierstein und die Bratschistin Geneviève Strosser den deutschen Originaltext darboten. Nur Sarah Aristidou als Ophelia sang in beiden Sprachen. Ihr irrwitziges Lachen zu Beginn des Abends blieb lange im Ohr.

Asko | Schönberg © Polle Willemsen
Asko | Schönberg
© Polle Willemsen

Der Bariton Holger Falk röchelte als Hamlet und sprach seinen Text teilweise mit genussvoll verstellter Stimme. Diese war gesanglich immer deutlich und facettenreich, was aber am meisten beeindruckte war, dass er alle Einsätze mit einem theatralen Einsatz unterstützte, der einer Opernvorstelling sehr nahe kam. Sein alter Ego Romain Bisschoff gefiel vor allem mit stimmlichen Effekten. In einem langen, gesprochenen Solo konstruierte Christian Dierstein mühsam Sätze, indem er bei jeder Wiederholung eines Satzes ein neues Wort hinzufügte und dazu mit Murmeln Musik machte. Unter seinen Schlagzeugutensilien befanden sich so einige Raritäten. Geneviève Strosser spielte und sang zugleich und führte das Publikum damit als musikalisches Nummerngirl durch die fünf Teile des nur an zwei Stellen leicht gekürzten Originaltextes. Das SWF Vokalensemble und das Asko|Schönberg unter der Leitung von Bas Wiegers gaben der Aufführung einen sensationell stabilen Rahmen. Die Sänger des Chores sangen nicht nur auf höchstem stimmlichen Niveau, sondern gaben auch effektvoll virtuos Kommentar auf den Text. Aperghis verwendet eine Vielzahl von Zitaten aus der Musikgeschichte, welche das SWF Vokalensemble stilsicher präsentierte und damit immer neue Hörbilder und Stimmungen entstehen ließ. Von Chor und Ensemble ging eine meditative Ruhe aus, in der man sich von den Anstrengungen des zynischen Textes erholen konnte. Vor allem die Männerstimmen glänzten regelmäßig mit sauberen sonoren Tuttipassagen.

Bei Asko|Schönberg waren die Blechbläser sowohl rhythmisch als auch klanglich hervorragend präsent, und auch das Oboensolo von Marieke Schut ging mit seiner Intensität unter die Haut, als ob sie versuchte, die Welt vor dem Untergang zu retten. Pauline Post war auf Celesta, Synthesizer und Flügel konstant beschäftigt und Bas Wiegers bewies einmal mehr, dass er bei schwierigen Partituren die Übersicht bewahren und die wesentlichen Stimmen herausbringen kann. Damit machte er diesen Aperghis-Abend zu einem zwar intensiv anstrengenden aber auch tiefsinnig bleibendem Hörerlebnis und Kunstgenuss.

****1