Nachdem sich bei Dorothee Oberlingers Konzert letzte Woche anlässlich des FEL!X-Festivals der Kölner Philharmonie – coronabedingt umgeplant – alles um Alessandro Scarlatti gedreht hatte, gab die Blockflötistin nun beim eingesessenen, saisonübergreifenden Ableger des Originalklangs, dem Forum Alte Musik Köln, wieder neapolitanischen Barock zum Besten. Abermals zusammen mit ihrem für das Recital jetzt natürlich solistisch angetretenen Ensemble 1700; und diesmal in ebenso vertrauter Kombination mit dem legendären Countertenor Andreas Scholl. Ob der programmatischen Dopplung irgendgeartet langweilig wurde es zur Eröffnung der Reihe 20/21 allerdings gewiss nicht, bietet nämlich dieses italienische Repertoire sowohl eine reichliche Auswahl an als auch die starbesetzte Aufführung das Versprechen an eine Barock-Sternstunde voller Genuss einlöste.

Dorothee Oberlinger © Henning Ross
Dorothee Oberlinger
© Henning Ross

Dies untermauerte schon der kurze instrumentale Scarlatti-Einzug seiner weiteren Serenata Clori, Dorino e Amore, der mit dem satten Klang der Truhenorgel in Largo und Grave profunde Mini-Introitus den typisch sportlich-rasanten und (pizzicato) minuettierten Kleinoden Neapels gegenüberstellte. Die Kontraste bestimmten schließlich das Übersetzen des stilistischen Herzklopfens – sei es in schwermütigem, unruhig verlangendem oder hoffend dreinblickendem Zustand –, das allen Musikern als die essenziellste Wahrnehmung eines jeden Moments des Lebens phänomenal gelang. Nach der Sinfonia zur Kantate Filen, mio caro bene griff jedenfalls Scholl mit seinem lichten, weichen Alt, dessen Dynamik, Betonung und textbasierte Phrasierung stets Bewunderung auslöst, Raum in diesen prägenden Empfindungen; solche, die Oberlinger mit der Alt-Blockflöte als Teil-Echo der Liebeskammer kongenial nachzeichnete. Beide drangen mithilfe von geformten Bögen, abgesetzten Elementen oder sforzato-Akzenten somit stimmlich durch und schufen im Kollektiv mit dem Ensemble die bezirzende Kraft von Musik und die Ästhetik der vom Überzeugungswillen getragenen Emotionen.

Derer energischen Wehen umfloss ebenso Mancinis Da chiesa-Konzert d-Moll für die flauto dolce, das sich einerseits in trefflicher Trübsal labte, andererseits mit leicht hüpfenden, knackigen und sanften Ausreißern am gegenteiligen Ende der Nerven zog, um ein temperamentvolles Statement zu setzen. Der im Opernmetier erfahrene Porpora verlangt in seiner Kantate Ecco che il primo albore nun noch mehr an Virtuosität, die der Countertenor Scholl auch verströmte, ja mühelos schwebend bereit war zu geben. Ob mit Volumen oder jedem präzisen technischen Einwurf seines beherrschten Atems und Stimmbandes stellte er seine Extraklasse zur Schau und sich in den ehrvollsten Dienst des Farinelli-Lehrers. Oberlinger konnte ihre Technik-Exponiertheit darauf in Leos Erstem G-Dur-Concerto beweisen, als sie – trotz eines scheinbar gefühlten Anflugs von Nervosität im ersten Allegro – ihre Finger und Zunge in atemraubenden Anschlag der Soprano brachte. Damit legte sie in den schnellen Sätzen eine wuselige, gut balancierte, vom Ensemble 1700 körperreich empfundene Heiterkeit an den Tag, die sich zur flötenden Sorglosigkeit mit galanter Tanzattitüde wandelte. Das (auch im Ausdruck hilfreich privat verbandelte) Violin-Pärchen Sviridov/Dmitrieva erwies sich darin als besonders geistreicher Taktgeber, nachdem es die harmonisch aufreibend entzückende Behaglichkeit der Siciliana begleitete.

Die Violinen als ebenfalls die Viola Kancachians, das Cello Testoris und selbstverständlich die Blockflöte Oberlingers waren im a-Moll-Sarri solistisch gefordert und eingebunden. Sie bereiteten in ihrem freien, gustovollen Spiel die beste Bühne für den eher nur in kleineren Holzbläserkreisen etwas bekannteren Neapolitaner, während das gesamte Orchester insgesamt in eingehend effektreicher und spaßiger Leidenschaft den Schatz aus der damaligen Alte-Musik-Metropole in die dafür heutige Weltstadt transportierte. Zuvor ließ Scholl mit leuchtender Vernehmung in Händels Clori-Gegenstück Mi palpita il cor die Fesseln der herzergreifenden Anteilnahme anlegen. Oberlinger konzertierte dazu in höchste Weihen, mit abschließender Porpora-Arie „Torcere il corso all'onde“ aus Il trionfo di Camilla gar in höchste Sopranino-Register, um den hellsten Glanz in Ohr und Gedächtnis zur Haftung zu verhelfen.

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