Eine Stimme virtuos wie eine Violine. So wurde die Stimme des Kastraten Giovanni Carestini von seinen Zeitgenossen beschrieben. Und obwohl er in Zeiten höchster Not zur Händels Opernkompanie stieß (dieser hatte kurz davor einen Großteil seiner Superstars an die Londoner Konkurrenz verloren), war dies vielleicht auch der Ansporn für Händel, die Rolle des Ariodante in seiner gleichnamigen Oper noch virtuoser zu gestalten. Neid gab es damals wie heute. In einer konzertanten Aufführung hat sich The English Concert unter der Leitung von Harry Bicket in der Elbphilharmonie der Händeloper gewidmet und bot mit einem Sänger-Ensemble eine rasante und gefühlsbetonte Barockoper der Spitzenklasse.

The English Concerto © Claudia Höhne
The English Concerto
© Claudia Höhne

The English Concert, das auf historischem Instrumentarium konzertierte, gehört sicherlich zu den Experten auf dem Gebiet der Händelopern und dank Bickets Dirigat vom Cembalo aus, spielten die Engländer die gesamte Oper in flotten, manchmal sogar rasanten Tempi, die wiederum einmal mehr die gesangliche Meisterleistung des Ensembles unterstrichen. Dabei reagierte Bicket sehr sorgsam auf musikalische Einfälle der Sänger und interpretierte die Musik in ihrer Vielfältigkeit sehr lebendig und transparent. Obwohl bei der Uraufführung noch nicht in der Partitur, aber aus dramaturgischer Sicht höchst sinnvoll, gestaltete The English Concert das „Traumballett“, das die Verzweiflung Genevras musikalisch offenbart, zu einem Bravurstück für das Orchester. Das Ballett oszilliert zwischen Traum und Albtraum und endet schließlich im Kampf dieser beiden. The English Concert ließ die düsteren Träume des zweiten Tanzes mit donnernder Vehemenz auf die lieblichen, zurückhaltend angenehmen Träume prallen. Mehr Emotion kann man nicht Verlangen.

Christiane Karg © Claudia Höhne
Christiane Karg
© Claudia Höhne
Christiane Karg in der Rolle der begehrten Prinzessin Ginevra, die Dank der Intrige des Herzogs von Albany an den Rande des gesellschaftlichen Ruins getrieben wird, füllte ihre Rolle mit ihrem hellen, klaren Timbre aus und behielt sich diese Klarheit in ihren atemberaubenden Koloraturen bei. Mit absoluter Meisterlichkeit und flexibler Prägnanz ging Karg mit ihrer Genevra über die Darstellung der jungen unschuldig in Not geratenen Prinzessin hinaus und brachte vielmehr die Verzweiflung ihrer Situation auf die Bühne.

Ähnlich lag es Alice Coote als Ariodante, die ihre Interpretation mit großer Ausdruckskraft anlegte. Mit ihren Arien "Scherza infidi" im zweiten sowie „Dopo notte, atra e funesta“ im letzten Akt bescherte Coote wirklich magische Momente. Mit großen, weitgefassten Phrasierungen und einer sehr feinen Modulation ihrer Dynamik fesselte sie das Publikum, wobei sie die akustischen Möglichkeiten der Elbphilharmonie um 360 Grad testete und teilweise mit dem Rücken zu den Zuschauern an der Bühnenvorderseite sang. Ihre Stimme wurde dadurch allerdings keineswegs verfälscht, sondern erfüllte selbst im Piano den gesamten Raum. Dass Coote dabei mit ganzem Körper die Rolle des Ariodante einnahm, spiegelte sich auch in ihrer Stimme wieder, die mit großer Emotion eine sehr ehrliche Interpretation darbot.

The English Concerto © Claudia Höhn
The English Concerto
© Claudia Höhn

Sonia Prina als verschlagener Polinesso und Matthew Brook als schottischer König überzeugten mit großer schauspielerischer Freude und entwickelten die Aufführung fast zu einer halbszenischen Interpretation weiter. Prinas Alt entfaltete sich vor allem in den lyrischen Episoden, die große Bögen verlangten und die sie angenehmerweise nur mit wenig Vibrato entwickelte. Ihre Koloraturen wirkten teilweise aber etwas angestrengt. Als Dalinda und Lurcanio überzeugten gleichermaßen Mary Bevan und David Portillo, die ihre Arien technisch exzellent und gleichzeitig mit großem musikalischen Verständnis präsentierten.

Historisch akkurat bot The English Concert mit Händels Ariodante eine erstklassige Interpretation, die ohne Bühnenbild hochspannende und fesselnde Unterhaltung bot. Ein erstklassiges Ensemble um Alice Coote trug mit höchster musikalischer und stimmlicher Qualität zu einem Konzertabend bei, der zurecht mit Ovationen abgeschlossen wurde.