Unter dem Titel „Auftakt!” wurde beim Eröffnungskonzert der Oper Graz die Spielzeit 2023/24 eingeläutet; ein Abend, mit dem nicht nur eine neue Saison eröffnet wurde, sondern auch eine neue Intendanz-Ära begann und sich ein neuer Chefdirigent dem Publikum vorstellte. Neo-Intendant Ulrich Lenz führte als Moderator charmant durch den Abend, sorgte mit Anekdoten aus dem Privatleben der Komponisten für Lacher und bot Dirigent Vassilis Christopoulos viele Gelegenheiten, über die ausgewählten Stücke und den roten Faden des Konzerts zu sprechen.

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Vassilis Christopoulos
© Oliver Wolf

In den Abend gestartet wurde mit Richard Strauss Tondichtung Don Juan, bei der man sogleich in den Genuss der offenbar schon wunderbar funktionierenden Feinabstimmung zwischen den Grazer Philharmonikern und ihrem neuen Chef kam. Mit erotisch flirrendem Klang entführten Orchester und Dirigent in die hitzig spanischen Sommernächte des wohl bekanntesten Weiberhelden der Literaturgeschichte. Zwischen zurückgenommenen Piani, die dennoch vor Spannung strotzten, und aufbrausenden Rauschzuständen waren es träumerische Momente der Sologeige und die satt samtenen Hörner, die für großen Hörgenuss sorgten.

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Vera-Lotte Boecker
© Oliver Wolf

Für die im Anschluss erklingenden Sieben frühe Lieder von Alban Berg war Vera-Lotte Boecker als Gastsolistin eingeladen; ihr Sopran strömte in herrlichen Bögen und mit silbrig glänzendem Timbre durch den Liedzyklus, wobei sie nicht nur mit Stimmschönheit, sondern auch mit ihrer Gestaltung beeindruckte. So schien etwa das schier endlos im Raum schwebende finale Wort „Nacht” im Lied Traumgekrönt all die unerfüllte Sehnsucht des Universums in sich zu vereinen. Die Grazer Philharmoniker legten der Sängerin für den Liedzyklus einen mystisch schimmernden Klangteppich zu Füßen, der sich dank Christopoulos’ umsichtigem Dirigat ideal mit der Stimme verband. 

Bei Peter Eötvös’ Shadows erwies es sich dann nach der Pause als goldrichtige Entscheidung, eine kurze Einführung durch den Dirigenten dem Werk voranzustellen und das Publikum nicht mit der experimentellen Klangwelt alleine zu lassen. Die Orchesteraufstellung – einige der Musiker saßen etwa mit dem Rücken zum Publikum – und der teils verstärkte Klang, der aus verschiedenen Richtungen des Saals kam, führten in eine atmosphärische Stimmung aus Tristesse im Schattenreich, wobei das Orchester den Soloinstrumenten Klarinette und Flöte im Klangbild elegant den Vortritt überließ.

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Vassilis Christopoulos mit den Grazer Philharmonikern
© Oliver Wolf

Die Kunst, Maurice Ravels beinahe schon inflationär gespielten Boléro frisch und frei von Klischees erklingen zu lassen, gelang Vassilis Christopoulos zum Abschluss dieses Konzertabends. Fein herausgearbeitet wurde die stetige dynamische Steigerung, wobei aus dem Crescendo schlussendlich ein vor Energie sprühendes Fortissimo wurde; die Klangfarben schillerten mannigfaltig und in ihren Soloparts bestachen die Holzbläser mit eleganter Phrasierung. Mit für Grazer Verhältnisse auffallend langem Applaus wurden schließlich das Orchester und ihr neuer Chefdirigent Vassilis Christopoulos vom Publikum euphorisch gefeiert, was jedoch nicht weiter verwunderlich ist: war der Abend doch ein gelungener Auftakt in eine neue Saison und Ära, der die Neugier auf die Projekte der kommenden Monate geweckt hat.

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