Es gibt sie: unvergessene musikalische Momente. Als einer von diesen blieb mir mein erstes Konzert mit Collons Aurora Orchestra 2016 in Erinnerung, als sich die Musiker zur Zugabe im Saal zwischen das Publikum gesellten. Die auswendige Interpretation eines Klassikers ist dabei das Markenzeichen des Ensembles, welches höchstgradig erfolgreich in der Orchesterlandschaft ist. Schwerpunkte bilden darin Werke von Richard Strauss, Britten, Beethoven und Dean. Mit letztgenanntem Trio schaute man unter dem Band der Pastorale in Köln vorbei, wo Nicholas Collon jetzt zum ersten Gürzenich-Gastdirigenten berufen wurde.

Aurora Orchestra mit Nicholas Collon © Sarah Lee
Aurora Orchestra mit Nicholas Collon
© Sarah Lee

Naturalistisch und in der Klarheit der musikalischen Sprache Brittens startete die packende Reise mit der Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester. Im Kriegsjahr 1943 entstanden, besteht sie in sechs Gedichten aus fünf Jahrhunderten, die in ihren Epochen dem Sujet der romantisierenden Abendstimmung samt schattierter Vergänglichkeit entspringen. Christopher Parkes, Solo-Hornist des Swedish Radio Symphony Orchestra, oblag im Prologue das Hervorrufen und resümierende Einziehen der Szenerie, das er sowohl im zauberhaft weichen Ton der schillernd beginnenden Ruhe als auch in knackigen Lauten bestens beherrschte. Beeindruckend war zugleich, wie sich diese Artikulation mit der von Ian Bostridge deckte, der nach dem atmosphärisch imitierenden Einsatz der Streicher den Pastoral-Text in eleganter und unbekümmerter Direktheit besang, deren Deklamation exemplarisch in der maßgeschneiderten dritten Strophe hervorstach.

Auch im Folgenden der Nocturne und Elegy verschafften sie berührende Eindrücke, als düsterere Streicher und Horn nicht nur die Dramatik steter Steigerung aussetzten, sondern der Textgrundlage in dynamischer Entsprechung dienten, wenn die Refrain-Echos von sich hören machten, die Bostridge in leichter und sachlich-ausdrucksvoller Kommunikation vermittelte. In den Höhepunkten der Dirge, der Hymn und des Sonnet mündend, konnte der Tenor nun seine Bewegung ausspielen. So versah er im Grabgesang die gezogene Litanei mit starker Akzentuierung, die auch Parkes am aufkrächzenden und abschmierenden Horn wunderbar übersetzte. Hier wahlweise eisig, mit wummerndem Pizzicato-Kontrabass oder Staccato, zupften die Saiten im Loblied ein Scherzo mit frohlockend springenden Solisten. Während das Horn anschließend abging, wühlten die Streicher den Gedichtklassiker auf, in dem Bostridge neben größerem Stimmumfang mit der Palette aus Lyrik, Deftigkeit und Finesse aufwartete, wonach schließlich hinter der Bühne zum Epilogue Parkes Instrument erneut einfühlsam erklang.

Im Dunkeln und unter dem über Lautsprecher eingespielten Vogelgezwitscher vollzog das Aurora Orchestra seinen Umbau für Deans Pastoral symphony, einem Weckruf gegen die Zerstörung der Naturschönheit. Fast selbstverständlich setzten die Bratschen darin wie aus dem Nichts mit Griffbrettflirren ein, denen sukzessiv die restlichen Streichinstrumente folgten. Dazu Blätterrauschen, als öffnete man das Fenster, um langsam den Klängen von draußen zu lauschen. Schnell offenbarte sich aber deren Gefährdung in bedrohlichem Lärm und Durcheinander heulender Vogellaute, schlagendem Klavier und Kontrabass, Schlagwerk, pfeifend-stechender Bläser und herumflitzender Streicher. Immer mehr mussten dabei die zwei Perkussionisten herumlaufen, um die Energie anzuheizen, die sich durch schnelle australische Rhythmen der Trommeln und dem Wechsel von Marimba, Vibraphon und Schlagblech äußerte, alles in präziser Taktwachheit Collons zusammengehalten. Sie wallten eine wilde, bedrückende Wucht auf, ehe eine mahnende Trompete zusammen mit einsamen Bogenstrichen und blechernder Beschallung übrig blieb. Danach ein letzter Knall.

Direkt nach Verhallen des Tons schalteten die Musiker die neben ihnen befindlichen Metronome für Ligetis eingeschobenes Poème symphonique ein. Bei der Uraufführung 1963 noch ein Skandal, sorgte es in der Pause lediglich für Verwunderung. Anders zudem als bei der Premiere trugen die Orchestermitglieder und der Dirigent ihre Metronome zum Bühnenrand, um dort im Blau des Lichts ausgelegte Papiere zu Origami-Kranichen zu falten. Die überlagerten Metren der Geräte riefen jedenfalls unter dem Erlebten verschiedene Impressionen hervor. Mal schien das Tackern das Zeitticken für das Fertigstellen der Faltaufgabe an sich zu sein, genauso wie ein Applausklatschen oder prasselnder Regen nach diesem heißen Ritt.

Nachdem auch das letzte Metronom stillstand, betrat das Orchester mit einem gebastelten Kranich-Exemplar die mit tausenden, bunten Vervielfältigungen und Lichterkette dekorierte Bühne, um Beethovens Pastorale zu interpretieren. Ohne Notenblatt agierte dabei jeder offen miteinander und machte das „heitere ländliche Erwachen“ durch die Frische, Freiheit und Transparenz der Aufstellung, Tempovariationen und dynamisch wie phrasiert sprühenden Steicher, der themenaufnehmenden Oboe sowie ihren Holzpartnern zu einem luftig erhebenden Erlebnis. Zur „Szene am Bach“ guppierten sich die Holzbläser nach vorne, um abwechselnd die köstlichen Rufe in einer Idylle darzubieten, die die ersten Violinen melodierten und Rest-Streicher con sordino in die Nacht grundierten. Collon arrangierte da ein tänzerisch-flüssiges Seelebaumelnlassen, dessen Genuss nur durch zu nahhaftes Vibrato wienerischen Geschmacks geschmählert wurde.

Im Hellen feierte das Aurora Orchestra dann mit straffen, bravurösen Holzdurchspielungen ein ausgelassenes „Lustiges Zusammensein der Landleute“, bevor die hartknallende Pauke, schroffe Hörner und wirbelnde Streicher die Winde eines heftigen Gewitters durchziehen ließen. Wieder im Dunkel ertönte ein voller Freude strahlender Choral, bei dem nicht nur die Bläser in Klarheit und Postivismus glühten, sondern auch die mit Lampen versehenen Kreaturen, die sie sich an die Handgelenke hefteten. Und die Papierkraniche erfüllten in japanischer Tradition als Glückssymbol sogar gleich ihre Entfaltung, da sich das Orchester wieder im Zuschauerraum verteilte und noch einmal zum Symphonie-Ende ansetzte. Abermals ein unvergessener Moment.