Zweimal Collegium 1704, zweimal Nikolaikirche, zweimal Brandenburgische Konzerte, zweimal Sopran-Solokantaten. Das ist die programmierte Bilanz zweier Tage Bachfest Leipzig, das somit nach dem anfänglichen großen Kantatenritt durch das Kirchenjahr und mottobestimmenden Zyklen mit einem weiteren kleinen Ring zu Ende ging, für den das Ensemble von Václav Luks und Sopranistin Julia Sophie Wagner verantwortlich zeichneten. Eine instrumentale und solistische Bachmania.

Václav Luks © Bachfest Leipzig | Gert Mothes
Václav Luks
© Bachfest Leipzig | Gert Mothes

Obwohl von Bach gar nicht als Zyklus gedacht, bieten sich die Six concerts avec plusieurs instruments jedoch zur Präsentation der beachtlichen Variations-, Farb- und Einfallsfülle ebenso einfach an. Sie ist schlicht faszinierend; eine aufdrängende Feststellung, die natürlich auch die Prager Musiker machten, war ihre Spiellust am äußerst beschwingtem und leichtem Spiel, typischerweise mit besonders glühendem Bass, sowohl hörbar als auch an den lächelnden Gesichtern abzulesen. Letzterer Beobachtung und Empfindung konnte selbst die Schwüle in der Nikolaikirche nichts anhaben, die – trotz Bachs unlimitierter Energie und allen Charmes, vor allem der technisch und artikulatorisch so lockeren und sicheren Konzertmeisterin Helena Zemanovás – dennoch den Instrumenten zu schaffen machte und deren Beherrscher selbst verständlicherweise in Ausführung und Konzentration ein ums andere Mal beeinflusste. So bereits Ivan Iliev an der Violino piccolo in Nr. 1, dessen intonationsbelastete und von Saitenkratzern gestörte Doppelgriffe im elanvoll, tänzerisch und dynamisch wirbeligen Allegro Anzeichen sein sollten, nachdem er sich im ersten Satz fruchtig mit dem Orchester arrangierte. Im Adagio konnte er mit besinnlichem und tiefgängigem Klang im warmen Concerto gegenüber dem Basso, Fagott und Oboen überzeugen.

Collegium 1704 © Bachfest Leipzig | Gert Mothes
Collegium 1704
© Bachfest Leipzig | Gert Mothes

Genüsslich ertönten die scheinbar störend hineinprustenden Jagdhörner Erwin Wieringas und Emmanuel Frankenbergs, die beschwipst, aber keck die vom Ensemble – das bei Bach hier fast als launige Jazzcombo für Stimmung sorgt – zirkulierenden und akzentuierten schnellen Sätze sowie das spritzige Trio II mit ihren Reizen befüllten. Zudem sprühten die Oboen um Solistin Xenia Löffler sehr lebendig, die – kontrastiert von fluffiger Polonaise der Streicher und Continuo – das Trio I zusammen mit Jane Gowers Fagott mit Frische, Betonung und Phrasierung belegten. Gnadenlos unkaschierbar werden nicht nur Probleme auf den höchst anspruchsvoll herausfordernden Naturexemplaren der Corni da caccia, sondern ebenso an der Clarine, bei der neben dem Klima die fulminanten Tempi des Konzerts Nr. 2 Schwierigkeiten für Gabriele Cassone bereit hielten. Traten diese bei den Läufen zu Tage, während die hohen engen Triller in der Blitzartigkeit brillant gelingen, präsentierte sich das Trio aus Julie Branás Blockflöte (besonders kraft- und freudvoll), Zemanovás Violine und Katharina Andres' Oboe federleicht, klar und innig artikulierend, dynamisch abgestimmt mit wuchtigen Bässen und dem fein sprudelnden Cembalo, von dem Luks die Einstudierung vorgab.

Collegium 1704 © Bachfest Leipzig | Gert Mothes
Collegium 1704
© Bachfest Leipzig | Gert Mothes

Nochmals solistisch auftrumpfen darf die Trompete in der Kantate BWV 51, die – wie am zweiten Tag mit BWV 199 – atmosphärisch zu den Instrumenten und Farben der Brandenburgischen Konzerte passte, wobei sich Cassone (nun lippenfester) graziös zurückhielt. Damit bot er (im Gegensatz zu starken Streichern) zumindest keinen Anlass, Sopranistin Wagner zu überdecken, die aber, wie er, gemäß dem Text nicht nur „in allen Landen“, sondern auch in allen Reihen gerne mehr hätte jauchzen können. Stimmkraft, die besonders bei den kurzen Notenwerten fehlte und für anfängliche Mühen in atemberaubend geschwindem „Alleluia“ sorgte. Hatte sie in der zweiten Arie einen kleinen Wackler der galant phrasierten „Höchsten“-Töne in Durchgängigkeit ihres flüssigen Strahlens später geschickt umschifft, bestach Wagner in den Mittelsätzen durch Klarheit, Technik- und Atemkontrolle, die die Freude greifbarer werden ließen. Dort ausgelassen feiernd, frönte Collegium 1704 dem Spaß gleichfalls im Konzert Nr. 3 mit großer Fetzigkeit, stringenter Dynamik, wallendem Ausdruck und Gewandtheit Zemanovás, was zudem auf das solistisch multiinstrumental anders eingerichtete BWV 1061 überschwappte, in dem beispielhaft akkurat, pointiert und sonor an der Seite der Konzertmeisterin das Fagott Gowers und die Oboe Löfflers gefielen.

Julia Sophie Wagner © Bachfest Leipzig | Gert Mothes
Julia Sophie Wagner
© Bachfest Leipzig | Gert Mothes

Mit noch strikterem Zug und wummernd betonten Bässen wartete das Ensemble im zweiten Part auf, dem ansonsten in Kontinuität der Hitze die beschriebenen Unstimmigkeiten bei Iliev – abseits seiner gemeisterten Wahnsinnspassagen und der andantierten Einfühlsamkeit – im Brandenburgischen Konzert Nr. 4 nicht verloren gingen. Dieses gestalteten Stimmführerin Löffler und Andres an den Altblockflöten mit Präzision, Präsenz, Intensivität, Weichheit und Gesanglichkeit. Am Ende gleich einem geschwungenen Rausch, förderte Luks im Konzert Nr. 5 jedoch den süßen, träumerischen, spannenden und geheimnisvollen Charakter mit zärtlicher, intimer Traversflöte Branás, ausstrahlungskräftiger Violine Zemanovás und seinem hochvirtuosen und versierten Cembalospiel, wobei das Eröffnungsallegro einen Vorgeschmack auf ein sensitiv ansprechendes Affetuoso des solistischen Trios gab.

In der Klangformation des Konzerts Nr. 6 war Bratschistin Dagmar Valentová das ehrvolle Vergnügen anzumerken, als Konzertmeisterin in differenzierter Artikulation, vortrefflicher Dynamik und ganzem Bogeneinsatz, aber auch nicht frei von Intonationseinbußen, in Erscheinung zu treten. Mit dem inzidenten Dialog mit Violakollegem Michal Dušek und Cellist Balázs Máté sowie den Gamben Christoph Urbanetz' und Hana Flekovás bereitete sie das Flair vom Versinken in Kontemplation und von dessen energisch-erleichterndem Erlösen zu. Hörbareres Erlösen wäre im Schluss der Kantate BWV 199 wünschenswert gewesen, in der jedoch mehr Expressivität, Verständlichkeit und Beeindruckung in Wagners dazu abrundendem Klagemix lag, bei dem ab und zu stärkerer Verzicht des träneninduzierten Vibratos höhere Übereinstimmung zu Löfflers famos obligater Leidensoboe erzielt hätte. So verzeichneten ihre geraden, vertrauenden Töne den größten Effekt.

Im Bach-Museum begegnet man im berühmten Haußmann-Porträt Bachs recht strengen Augen. Nach diesen nicht ganz reibungslosen Konzerten und dem Bachfestausklang dürfte er allerdings ebenfalls kurz gelächelt haben.

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