Festspiele aller Art sind nichts für untrainierte Musikliebhaber, immerhin wird dem Publikum angesichts der raschen Abfolge der gebotenen Veranstaltungen eine Menge Ausdauer im Genießen abverlangt – da kann man zwischen den Konzerten am Abend und den Matineen schon mal ins Schwitzen kommen! Vielleicht ist dieses Überangebot auch die Erklärung dafür, dass die Reihen in der Great Guild Hall in Riga an diesem Sonntag nicht voll besetzt waren; zusätzlich wirkten Stimmung und Publikum an diesem Sonntag etwas unruhig und ungeduldig, einige flüchteten bereits vor der Pause (mehr oder weniger) unauffällig aus dem Saal. Verdient hätte sich dieses Solistenkonzert aber deutlich mehr Aufmerksamkeit, war doch ein Shootingstar der Cellistenszene angekündigt.

Edgar Moreau © Evija Trifanova
Edgar Moreau
© Evija Trifanova

Edgar Moreau, gerade mal Mitte zwanzig und trotzdem schon ein alter Hase im Klassikbetrieb, wirkt aber ohnehin immer so tiefenentspannt als könnte ihn nicht einmal ein neben ihm startender Airbus aus der Ruhe seines Spiels bringen. Und so ließ er sich weder von der seltsamen Atmosphäre im Raum noch von geräuschvoll fallenden Handys oder Programmheften irritieren. Und auch die Huster, die man dank der ausgezeichneten Akustik des Saals besser hörte als man wollte, ignorierte er geflissentlich. Der Franzose wurde schon in seinen Teenagerjahren mit Preisen überhäuft und konnte bereits in einem Alter, in dem andere gerade vor der Wahl des passenden Studiums stehen, einen Plattenvertrag an Land ziehen; die dadurch in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte er in diesem Konzert, bei dem drei der Suiten für Solo-Cello von Johann Sebastian Bach am Programm standen, nicht nur vom ersten Ton an, sondern übertraf sie sogar.

Das Prélude der Suite Nr. 1 mit seinen oftmals in der Filmmusik eingesetzten Arpeggien gestaltete Moreau so sanft und frei von Klischees, dass man das Gefühl hatte, diesen Satz zum ersten Mal zu hören; dabei ist sein Spiel wunderbar leicht und luftig wie frisch gesponnene Zuckerwatte. In den folgenden fünf Sätzen entführte der Cellist die Zuhörer in einen barocken Tanzsaal mit all seinen Ausdrucksformen. Eine schwelgerische Allemande, eine mit Trillern gespickte Courante und eine beinahe schon düster schimmernde Sarabande machte er jeweils zu kleinen Charakterstudien der titelgebenden Tänze. Dabei beeindruckte nicht nur die Präzision und die traumwandlerische Sicherheit in Bezug auf die Technik, sondern vor allem der Ausdruck und dadurch die Gefühlswelten, die Moreau entstehen ließ. In der Suite Nr. 3 glänzte er nicht nur mit herrlichen Phrasierungen und der charismatischen Mühelosigkeit, sondern auch mit dem Kunststück, zwar voll Gefühl und Leidenschaft zu spielen, aber dabei niemals ins Schwülstige oder Manieristische abzugleiten. Die zweite Hälfte des Konzerts war der Suite Nr. 6, der technisch anspruchsvollsten dieses Zyklus, gewidmet. Die berüchtigten Lagenwechsel innerhalb einiger Arpeggien und die enorme Konzentration erfordernde Länge der Suite schienen am Cellisten abzuprallen und wie eine Katze, die exakt im richtigen Moment zum Sprung auf ihre Beute ansetzt, behandelte Moreau Bachs Komposition. Dabei ließ er sein Instrument nochmals prächtig funkeln, in sommerlich frischen Farben ebenso wie in eleganten Herbstschattierungen und der zarte Klang des Cello entfaltete sich wie eine dezente Schicht an gutem Parfum im Saal der großen Gilde. 

Dass die Matinee trotzt solistischer Virtuosität nicht wirklich zum Selbstläufer wurde, lag an der Programmgestaltung: Denn Bachs Suiten für Solocello sind zweifellos Klassiker und bieten dem Solisten wunderbare Möglichkeiten, seine Technik und seine Gestaltungskraft unter Beweis zu stellen. Die Tatsache, dass sie vom Komponisten selbst aber eigentlich nicht als Konzertstücke, sondern eher als technische Übungs- bzw. Studienstücke intendiert waren, lässt sich aber nie ganz überhören. Bei all ihrer Schönheit sind sie doch nicht unbedingt dazu geeignet, das Publikum in Ekstase zu versetzen und so wollte sich – bei all der Mühe, die sich Veranstalter und Künstler gaben – an diesem sonnigen ersten Septembertag der festliche Event-Charakter einfach nicht so richtig einstellen. 

***11