Die Geschichte und Architektur der Dresdner Frauenkirche beeindrucken immer wieder, ihr prunkvoll-barocker Glanz prägt Stadtbild und Konzertort, deren Eindrücke sich zu einer besonderen Atmosphäre zusammenfügen. Noch festlicher strahlt sie, wenn Sir John Eliot Gardiners Ensembles, die English Baroque Soloists und der Monteverdi Choir, im Inneren Aufstellung genommen haben, um im Rahmen der Musikfestspiele vier Bachkantaten anlässlich des nächsten Dirigentengeburtstags innerhalb eines angesetzten Zwölf-Kantaten-Marathons in Europa erschallen zu lassen.

Sir John Eliot Gardiner und die English Baroque Soloists © Oliver Killig
Sir John Eliot Gardiner und die English Baroque Soloists
© Oliver Killig

Man mag sich vorstellen, wie Bach selbst gerne nach ihrer Fertigstellung 1743 im Kirchenraum musiziert, womöglich seine h-Moll-Messe hier präsentiert hätte, anstatt in Leipzig zu bleiben. Hatte er dort so seine Probleme, entspringt dem Eröffnungschor der Kantate BWV12 das später parodierte Mess-Crucifixus, ein „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen". Schon die ersten vier Wörter, die nach der einleitend aussagekräftigen Sinfonia mit Michael Niesemanns Solooboe einzeln auf die Stimmgruppen des Chores verteilt werden, gingen hier bestens auf und trugen – ebenfalls in vierfacher Effektstärke – die klagende Entfaltung des Schmerzes in unerbittlicher Reinheit, Betonung und Dynamik durch die Knochen des gebannt stillen Auditoriums. Zauberte im steten Kampf von Leid zum Sieg der erlösenden Ewigkeitsfreude, die alle Kantaten gemein haben und unter Gardiners bachialen Händen immer ein intravenöses Mehr an Überzeugung und Lebendigkeit erfahren, der kurze schnellere Einschub mit acht Sängern die so leicht phrasierte erdrückende Schwere weg, übernahm diese Wandlung und thematische Essenz Countertenor Reginald Mobley.

Sir John Eliot Gardiner und Reginald Mobley © Oliver Killig
Sir John Eliot Gardiner und Reginald Mobley
© Oliver Killig

In seiner gütlich schwebenden Stimme vereinte er diese so nachfühlbar anrührig, dass mit der fokussierenden Sprache-Ton-Deckung sein Parolibieten gegenüber Niesemanns unerschütterlicher Klangschönheit kurz außer Kraft gesetzt schien. Wie eigentlich alle anderen Gedanken in diesem Moment. Im Fortgang des leidlichen Abstreifens intonierten Konzertmeisterin Kati Debretzeni und die 2. Violinen-Stimmführerin, die diesmal mit Alison Bury besetzt war (welch schöne Geste, war sie doch langjährige Konzertmeisterin, die die EBS auf der legendären Pilgrimage leitete), ein auflösendes Concerto, in das Sam Pantcheff mit seinem ebensolchen erfrischenden Bass und passender Phrasierung einstieg. In famoser Deutlichkeit und überzeugend sprudelnder Gewandtheit wusch Tenor Gareth Treseder die „Pein“ schließlich mit gewichtigem Trio aus Fagott, Kontrabass und Orgel noch beiseite, in das Neil Broughs vorzügliche Solotrompete mit Choralfragmenten von „Jesu, meine Freude“ hineingrätschte.

Posaunte der Monteverdi Choir den gläubigen Sinn in seiner unnachahmlich tiefen Choralfertigkeit heraus, bot er seinen Glanz im stark beschwingten Aufrüttelungsrhythmus des Eingangs der Kantate BWV70 auf, die Gardiner an den Anfang platzierte. Nachvollziehbar, um neben dem flotten Aufwecken eine „Wachet (auf)!“-Klammer zum finalen Werk zu stecken. Flankiert von Oboe und Trompete verschlungen die mit Bewegungs- und Betonungsenergie geladenen Stimmen darin ihre zur Schau gestellte „allzeitige Bereitschaft“, die mit der besonders benötigten Diktion klar und gelenk herüberkam. Darüber hinaus weckte Gardiner jede hörbare Nuance bei Aufführenden wie bei Aufnehmenden mit eingebauten dynamischen und artikulatorischen Aufmerksamkeiten.

Sir John Eliot Gardiner und Mary Bevan © Oliver Killig
Sir John Eliot Gardiner und Mary Bevan
© Oliver Killig

Die theologische Kampfessituation zwischen Jüngstem Gericht und Ewigen Leben fiel in den kontrastreichen Sätzen und mit Gardiners Kenntnis äußerst theatralisch aus. Matthew Brook fühlte sich auch hörbar im Künden vom seligen Erwägen mit sanften, verständlichen Legato-Melismen am wohlsten, während sein gerichtlicher Impetus mehrheitlich vom Orchester genutzt wurde, belebend feurig aufzudrehen. In den aufwühlenden Wellen der Zufriedenheit schaffte es Treseder, abermals seiner Prägnanz in freiheitlich-kernig triumphierender Leichtigkeit und Registereleganz Ausdruck zu verleihen, genauso wie Mobley, der einen mit seiner Geschmeidigkeit und seinem aufgehenden Verständnis erneut in den Bann zog. In ihrer kämpferischen Arie wusste auch Mary Bevans flüssiger Sopran zu beeindrucken, dem sie unter besonders trotzigem, aber gleichzeitig galantem, Fagott Györgyi Farkas' dynamische und gekonnt phrasierte Reize entlockte. Mit Trotz und erbauendem Vertauen zeigten sich zudem die Choräle, deren Dichte aus begriffener Stimmung verfing und zum Schluss in weicher Zuversicht unter Broughs Zugtrompete leuchtend blitzte.

Diese begleitete den Zustand der Seele in BWV78 zusammen mit Rachel Becketts Traversflöte; einen von gesanglich spürbar fordernd-lockender, „kräftiglicher“ Überwindung zu standhafter Klärung und Seelenrufe der zwei Oboen mit dunklen, straffen Streichermühen, abgelöst von kurzen Sequenzen gezielter Sprünge des friedlichen Heils. Die tüpfelnde und gebundene Flöte wärmte in geläufiger Brillanz den für alle siegreich streitenden Tenor Ruairi Bowens, der in ernster fülliger Tatkraft die Freude von Gottes Reich brachte, auf dessen Spuren sich zuvor Bevan und Mezzo Sarah Denbee mit „emsigen Schritten“ begaben. Da sie ihre Stimmen und Köpfe in diesem zauberhaft leichtfüßigen Duett so amüsant und präzise artikuliert zusammensteckten, hätte auch das für die Ewigkeit sein können. Selbst wenn ab und zu etwas klebrig, stellte sich Brook in seinem sinnlich tänzelnden Konzert als sehr beweglich und betonungsfest dar, der es dem „Feind“ nicht gestattete, die „Hoffnung in Ewigkeit aus deinen Händen zu rauben“.

Sir John Eliot Gardiner und die English Baroque Soloists © Oliver Killig
Sir John Eliot Gardiner und die English Baroque Soloists
© Oliver Killig

Mit beiden Händen zusammengeführt nach oben beendete Gardiner symbolhaft die Schluss-Kantate BWV140, in der die getantzten Erweckungsrufe in prächtiger Instanzlichkeit zelebriert wurden. Ob intensitätsvariierender Chor und Orchester mit drei Oboen oder die von Graham Neals freudig-stolzem Tenorrezitativ und der Tenorgruppe verlautetem Choral unterteilten Duette, die Bevan und Bariton Alex Ashworth in ihrer alttestamentarischen Allegorie-Rolle und erstlich unter Debretzenis Erbarme-Dich-Anklang mit Disziplin, Balance, verzückender Raffinesse und jubillierender Frische herauspurzeln ließen, all das war ein Sieg für die Ewigkeit!

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