Es ist quasi wie ein Nachhausekommen, ein Blick in die Vergangenheit und doch mit diesem Repertoire stets ein Blick voraus sowie ein Verhaften im Moment. Das gilt nicht nur für mich, der ich mit Bach und Händels Dixit Dominus auf Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble in Jugendzeiten aufmerksam geworden bin oder Dirigent Thomas Hengelbrock samt Mitstreitern selbst, sondern bestimmt für einige, die die Alte-Musik-Szene verfolgen, vor allem auch in Belgien. Dort, im barocken und immer modern aufstrebenden Antwerpen, präsentierte man neben der Psalmvertonung die Kantate BWV169 und Motette Jesu meine Freude zum Auftakt einer fünftägigen Tour.

Thomas Hengelbrock © Florence Grandidier
Thomas Hengelbrock
© Florence Grandidier

Selbst wenn der kirchliche Hintergrund und Programm-Zusammenhang für die meisten eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte, sei dennoch kurz daran erinnert. Jesus steigt nach seinem Tod und der Auferweckung nach neutestamentarischem Verständnis zur Rechten Gottes auf, sodass dessen Stärke und Verkündigung den Glauben der Christenheit formen soll, fromm dem Doppelgebot der Liebe zu folgen. Auch so stellt es in der romantischen Vorstellung des Himmels thematisch ein gewisses Nachhausekommen dar.

Glücklicherweise nicht romantisch kam einem dabei die Auffahrt mit dem Dixit Dominus vor. Vielmehr schien es nämlich, als schösse die Glaubenskraft mittels Raketenantrieb in die überirdischen Bahnen des Seelenlebens. Mit den ersten Tönen entfachte das Ensemble dabei feurige Begeisterung und derart übertragenden Überzeugungswillen, dass das im Tutti untergehende Zupfen der überraschend anstelle eines Cembalos verwendeten Barockharfe gar nicht wirklich auffiel. Zu erlebnisprophezeiend frisch und rhythmisch mitreißend wummerte dafür der restliche Basso zusammen mit den von Konzertmeister Julien Chauvin bestens geführten knackigen Streichern, sodass die Lebendigkeit und Lust einfach nur berauschte. So sehr, dass nach dem Gloria Patri et Filio der Platz zur Rechten im Musikhimmel für Hengelbrocks Orchester reserviert ist. Selbiges gilt unteilbar für den Chor, der mit ständiger Bewegung die bestimmende Erleuchtung mit umschlingender Artikulation und Dynamik sowie den Text dem in der Tat angesprochenen Publikum aufschwingend um die Ohren warf.

Zwischendrin trat Altus Alex Potter mit seiner Kopfstimme hervor, die das Unikum besitzt, sowohl leicht als auch gleichzeitig voluminös zu sein in einer gefärbten Rundung, die am ehesten einem vorzüglich eleganten weiblichen Alt beziehungsweise Mezzo entspricht. Dieses Talent und seine Technik befähigte ihn einmal mehr, das Virgam virtutis tuae durch Ausdruck, Organik und Betonung in den geschraubten Höhen (im Da capo zusätzlich ornamentiert) in höchstes Wohlgefallen des durchdringend anregenden Aufrufs zu übersetzen. Wie in dessen Continuo-Accompagnato nun vernehmbar, lauschte man auch endlich den Grundakkorden der Harfe im Kulminationspunkt dieses meisterlich exerzierten Meisterwerks, dem De torrente, das die Soprane von Antonia Bourvé und Agnes Kovacs unter der fein-silbrigen Deckung der Streicher und atmosphärisch feinfühligen Summierung der Männerstimmen in der nötigen Puristik wirkungsvoll aussandten. Zuvor hatte Kovacs – mithilfe Hengelbrocks sofortig angewandter Korrekturen – mit instrumental timbrierter Schärfe und der gehaltvoll phrasierten Weichheit der Figuren im Tecum principium triumphiert.

Das unerbittlich Dramatische beherrschte der Chor ebenso, nun veranschaulicht im hämmernden „non“-Stachel des Iuravit dominus, dem flinken Tu es sacerdos sowie dem theatralischen Dominus a dextris tuis. Darin legten nach den Sopransoli die gehackten Tenor- und Bass-Einwürfe von Jakob Pilgram, Mirko Ludwig und David Pichlmaier den Beginn für ein Wort- und Klanggewitter, bei dem man mit dem sprudelnden, von akzentuiertem Abstrichgeheul und subito-Effekten forciertem „implebit ruinas“ – noch wilder im „conquassabit“ – nicht wusste, wo einem der Kopf steht.

Den beschützenden Schirm danach spann natürlich Bach auf mit der Kantate Gott soll allein mein Herze haben. Diesen Titel besingt der Alt nicht nur mehrfach im Arioso, sondern zudem in der ersten Arie, die Reginald Mobley mit seiner etwas rauer schimmernden Stimme vortrug, die jedoch ebenfalls luzide, reine Höhen ermöglicht und mit sanfter Betonung der Botschaft Nachdruck verlieh. Besonders einnehmend gelangen die klaren, engen Triller, die die Dekorierung der Orgel aufgriffen, die nicht nur hier eine obligate Konzert-Funktion hat. In der Sinfonia setzte Organist Thomas Cornelius gleich ein Zeichen, zusammen mit den Eingebungen der Oboi d'amore, dem Fagott und den elanvollen Streichern verzückenden Spaß und Sicherheit in die Ernsthaftigkeit des Gebots zu bringen. Kamen die umrahmenden Rezitative Mobley schon gelegener, gestaltete er auch die zweite Arie flüssiger und changierend reizvoll, die keine pathetisch-ermattende „Erbarme Dich“-Kopie war, unter Hengelbrock eher ein erwartungsvolles Herzklopfen. Trotz fermatischer Vers-Enden wurde gar der Choral zu einer fließenden Angelegenheit von bewusstem Aufgehobensein.

Textlich ausgeleuchtet, mit artikulatorischen, freiheitlich-spielerischen Details und durch den Wechsel von schlichtem Solo-Quintett und diktionsstarkem Chortutti erreichten Chor und Orchester in Jesu meine Freude auf abermals beeindruckende Weise Geist und Herz der getrösteten Zuhörerschaft. Beispielhaft sei der nervig-flatternde Schwung des „Ihr aber seid nicht fleischlich“ à capella erwähnt oder die mit Pracht und Licht vorgetragene Abkehr „Gute Nacht, o Wesen“, bei der der gerade damit befüllte Abschied umso schwerer fiel und eindringlicher geriet. Ich schloss die Augen und wollte am liebsten über die Nacht hinaus diesen Stimmen lauschen, die gen Ende die auferweckende Belohnung des christlichen Glaubens in Aussicht stellten. Was für eine Freude! Was gibt es Schöneres, als nach Hause zu kommen und sich so wohlfühlen zu können?!

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