Endlich geht das Licht aus in der Elbphilharmonie. Der Große Saal, sonst viel zu hell erleuchtet, während man versucht alle Aufmerksamkeit auf die Bühne zu richten und währenddessen 2100 Menschen aus dem Augenwinkel sieht, war an diesem Abend nur im Bühnenbereich beleuchtet. Eine kleine „Brut-Lampe“, ein Scheinwerfer, hing auf ungefähr eineinhalb Meter Höhe über der Mitte der Bühne. Das Orchester saß rechts, der Chor lag links verteilt auf den hellen Holzpodesten.

Mark Padmore (Evangelist) und Roderick Williams (Jesus) © Daniel Dittus
Mark Padmore (Evangelist) und Roderick Williams (Jesus)
© Daniel Dittus

„Herr, Herr, Herr“ beginnt der Eingangschor. Jeder einzelne Sänger schreit zu Gott, die Hände ausstreckend, flehend, sich über den Boden rollend. Schon diese Szene ist überwältigend. Jeder Einzelne singt für uns. Die Musik ist so nah am Zuschauer dran. Es gibt zu sehen, was man hört. Keine bunten Kostüme, kein Bühnenbild, aber Bewegung, Tanz und innige Beziehungen.

Auch wenn die Johannes-Passion nur die kleine Stiefschwester des großen Matthäus ist, bleibt es doch Bach. Die Musik hat eine Spannung und harmonische Tiefe in sich, die berührt. Nicht nur wegen eines hervorragend singenden Choir of the Age of Enlightenment und dem einfühlsamen Sir Simon Rattle, der sein Podest immer wieder verlässt, um Kontakt mit seinen Sängern aufzunehmen, sondern auch dank Mark Padmore. Vor neun Jahren führte er mit Simon Rattle das erste Mal Peter Sellars „Ritualisierung“ der Matthäus-Passion an und seitdem hat seine Interpretation des Evangelisten nichts an Feinheit, Präzision und Wärme verloren. Als Erzähler, Tröster, Hohepriester und Lenker des Geschehens führt Padmore die Charaktere mit seinem klaren Tenor, seinem unerschütterlich starken Ausdruck durch die Passion Jesu.

Christine Rice, Roderick Williams, Mark Padmore und Camilla Tilling © Daniel Dittus
Christine Rice, Roderick Williams, Mark Padmore und Camilla Tilling
© Daniel Dittus

Evangelist und Chor blieben die Hauptrollen dieses Abends. Der Chor ist abwechselnd sowohl Bedränger als auch Anhänger Jesu, Gemeinde und Zuhörer. Man sieht ihnen die Ernsthaftigkeit jeder Bewegung an. Die Choreographie scheint sie beim Singen und im Ausdruck zu bestärken. Leider werden etwas viele Pausen zwischen den Teilen der Erzählung gemacht, was die Spannung ein wenig abfallen lässt. Dazu im Gegensatz steht der A-Cappella-Gesang des Chors in der zweiten Strophe von „Wer hat dich so geschlagen“, in der das enge harmonische Gewebe dieser Musik bis in die letzte Ecke des Saales getragen wurde.

Choir und Orchestra of the Age of Enlightenment © Daniel Dittus
Choir und Orchestra of the Age of Enlightenment
© Daniel Dittus

Solistisch stachen besonders der feine Sopran von Camilla Tilling in “Zerfließe, mein Herze”, die warme und helle Stimme von Roderick Williams (Jesus) und der intensive Gesang von Georg Nigl hervor, der für Christian Gerhaher die Rollen des Pilatus und Petrus übernommen hatte. Alle wurden hervorragend schwungvoll und oft zurückhaltend vom Orchestra of the Age of Enlightenment begleitet.

Es ist und bleibt sicher immer umstritten, diese Musik zu inszenieren. Die Inszenierung von Sellars geht auch weiter in der Interpretation des Geschehens als die Musik selbst, aber sie wirkt immer ehrlich, ernst und leidenschaftlich. Nichts lässt auf stumpfe Einübung deuten, Effekthascherei. Es ist natürlich und schön, im Fluss der Musik und ergreifend, wenn der Chor sich über den Boden wälzt oder Jesus mit ausgebreiteten Armen im Liegen singt: „Es ist vollbracht“. Sellars und Rattle schaffen einen Raum und Klang, der Bach mit seiner Deutung einer der bekanntesten Erzählungen der Welt lebendig werden lässt.

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