„So schlaf! Dein Name bleibt vom Untergang frey.“ Mit diesem letzten aus Satz Telemanns Sonnetts anlässlich Bachs Todes lässt sich zum Auftakt des jubilaren Telemannjahres nicht nur die anerkennende Freundschaft der Komponisten-Schwergewichte ablesen, sondern das Erlebnisprogramm titulieren, das das Ensemble Arcangelo nun vorstellte. Denn ganz Telemanns hehrem Wunsch gemäß ließ es mit Bachs Cembalokonzerten dessen Musik erkunden und erneut lebendig werden. Gleichfalls vermag das Zitat auf das Verfasser-Schicksal selbst leiten, den als damalig angesehensten Musiker zu schnell die abflauende Würdigung seines Schaffens ereilte. Jonathan Cohen und Team zollten mit zwei der bekanntesten und charakteristischen Ouvertüren-Suiten den gebührenden Respekt, der hoffentlich endlich zu einer befreienden, dauerhaften Wiederbelebung Telemanns werde.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve

Den Solistenplatz am Tastenquirl überließ Cohen dem Kollegen Kristian Bezuidenhout und griff stattdessen zum Cello. Dabei gab es streng genommen ausschließlich Solisten, bestand das Ensemble aus einer Stimme pro Part, fünf Streichern und einer Laute. Begonnen mit dem Konzert in g-Moll und dem durchdachten Interagieren war die Leidenschaft spürbar, mit der Bezuidenhout und das Ensemble der Musik kontrastreiches, freudiges Leben einhauchten. Traten die Streicher in den (tutti-)Melodiepassagen markant auf, nahmen sie sich in der Begleitung stark zurück und hüllten ihre Saitenklänge in edle Schmiegsamkeit. Mit der unnachahmlichen und pulsierenden Flüssigkeit von Bezuidenhouts Spiel vollführten sie genüsslichste, erfrischende Kammermusik at its best. Diese besonders fein-wechselvolle Eröffnung, mit intimer Gedämpftheit, scheinbar dominanter Strenge und dann aufgedrehtem Spaß machte dem Hörer sofort Lust auf mehr.

Noch ausdrucksstärker und neu gehört drang das Solistenteam in das befürchtet ausgetretene Feld der so bekannten Konzerte in D-Dur und d-Moll vor. In BWV 1054 folgte fetzigem Akkord-Einstand die sprudelnde Beschwingtheit der Läufe, die die Streicher in wunderbarer Transparenz der Stimmlinien emphatisch nachvollzogen. Neben seiner Fingerfertigkeit bewies Bezuidenhout mit spitzer Exaktheit und geschmeidigem Ermessen anregend feinsinnigen Geist. Hohe Streicher gaben sich dabei als harmonische Traumfänger und die Bässe strahlten eine starke, gefühlige, melancholische Tiefgründigkeit ab. Mit dem Stempel der vollen musikalischen Köstlichkeit und Federung versah das Ensemble den dritten Satz, staunend ob der perfekten Bewältigung der fisseligen, kettenläufigen Noten-Takelage als wäre sie nichts.

Die Erkundung des d-Moll-Concertos geriet in dieser formidablen Zusammensetzung am dramatischsten und intensivsten. Stürmisch nahmen Bezuidenhout und Arcangelo den Anfang, der einer Maschine gleichkam, bei der alle Schritt halten konnten, auch wenn es im Eifer bei den Violinen zu kleineren intonatorischen Malaisen kam, die bei dieser transparenten Besetzung schonungslos offengelegt werden. Aber in Anerkennung dieses Schwierigkeitslevels trübte es nicht das zweifellos beeindruckende Zuwerfen und Ineinandergreifen der melodischen Spielereien und herrlichen Komplexe, bei dem sich das Cembalo-Solo als Elixir erwies. Körperreicher, gleichsam natürlich und tiefschichtig füllte er das vom Tastenspiel an die Orgel erinnernde Adagio mit flüchtigem wie tröstlich-erhofftem ewigen Leben, das er im kunstvoll-spritzigen Finale zum Überschäumen erquickte.

So auch im Telemann, und wie! In den Suiten feierten die Solisten in trefflichster Manier den witzigen und handwerklichen Einfallsreichtum, der in der deutlichen Herausstellung durch die musikalische Übersetzung, die Konzertmeister Bojan Čičić vorgab, gekonnt und unterhaltsam zugleich war. So frohlockten sie in der Ouvertüre der Burlesque de Quixotte mit Verzierungen, überfallartigen Abbrausern und im schnellen Teil einem Tempo, das an der Grenze des Machbaren lag und im rasanten Windmühlenkampf erneut furios entzündet wurde.

Weich, in Agogik und Ausdruck sehr folkloristisch und schön dahinplätschernd untermalte das Ensemble Quixottes Traum, spielte mit der (abstrusen) Einfachheit artikulatorisch und dynamisch, nahm die symphatische Lächerlichkeit luftig sowie grazil dessen amouröse Vorstellung aufs Korn, wobei Bezuidenhout mit dem Lautenzug am Cembalo den hölzernen Fächer schwenkte. Weiterer musikalischer Spaß ließ sich mit Sancho Panza und Rosinante verbreiten, dem durch Tempospiele und Derbheit, beispielsweise mit stapfenden Bässen und klappernder Laute, affektvoll Rechnung getragen wurde. Nach klarstem Intro Čiçiçs trabte man zusammen – dem aussichtslosen Unterfangen heiter ergeben – dem fernen Sonnenuntergang entgegen.

Nicht minder kreativ gestaltete Arcangelo die Suite Les Nations, die erst als traditionelle französische Instrumental-Tanzmusik daherkommt, um dann unerwartet in eine griffige Klischeesatire der Völker überzugehen. Genau dieses Besondere setzten die Solisten in Szene, indem sie die Ouvertüre mit drahtig-sehniger Tonsprache und peppiger Finesse sowie eleganten, getüpfelten Menuetten in das höfische Zeremoniell kleideten. Attacca wallte daraus energisch das kernige Temperament der Türken, gefolgt vom kurzen, langsamen, stolzen Grüezi, das mit der zurückhaltenden, wuseligen Geschäftigkeit der Schweizer changierte. Mit den von Laute und Violone immitierten Glockenschlägen des Kremls grämten sich die Streicher in hörbar schräger Wodka-Laune der Moskowiter, ehe die Stimmenzeichner den eleganten wie etwas schwelgerischen, aber auch feurigen Portugiesen die Ehre erwiesen.

Mit Telemanns völlig merkwürdigem Abschluss der Charakterstudie, den Hinkenden und Laufenden, erstere vom Ensemble agil mit widerwilligem Aufjaulen bedacht, leztere schnell vorbeischauend, wird das ganze bewusst ad absurdum geführt. In Temperamente und Stile vereinender Finalalmetapher sind alle Völker gleich, mit ihren gewöhnlichen, ja menschlichen Vorzügen und Kanten.