Herbert Blomstedt © Martin U.K. Lengemann
Herbert Blomstedt
© Martin U.K. Lengemann
Beinahe 30 Jahre nach einem beeindruckenden Konzert, kehren die Bamberger Symphoniker mit Bruckners Fünften Symphonie zurück in den Dom zu Bamberg. Geleitet werden sie wie damals von Herbert Blomstedt, der trotz seines erst kürzlich gefeierten 90. Geburtstages seine Auftritte in Konzertsälen auf der ganzen Welt eng taktet. Blomstedt wirkt zwar etwas fragil, geht aber zügig zum Pult, gönnt sich einen Stuhl, von dessen Kante er federnd und mit mal dezenten, mal ausladenden Armbewegungen das Orchester anleitet. Ein primus inter pares im besten Wortsinn, der mit dem Orchester musiziert.

Dieses ist in der Apsis auf der Ostseite des Doms platziert, um einiges höher sitzend als im Mittelschiff, so dass die Hörer das Orchester nur teilweise sehen. Darüber ein Fresko des gütigen Christus mit segnend ausgebreiteten Armen, fast den Dirigenten widerspiegelnd. Zwischen erhabenem Chorgestühl wird der Klang gut gebündelt, hohe Seitenwände des Kirchenschiffs geben der langhalligen Akustik zwar Nachklang, aber mangels reflektierender Rückwand kaum Echos.

Bruckners Symphonien hatten, als er 1875 mit der Komposition seiner Fünften begann, nur zwiespältige Aufnahme gefunden. Durch Um-Instrumentierungen und Striche versuchte er, das Verständnis seiner Werke zu erleichtern und beendete so erst 1878 die Überarbeitungen der Symphonie. Bruckner hat die Ursprungsfassung seines Werkes selbst nie gehört.

Wie fast immer bei Bruckner, hebt auch die Fünfte gleichsam aus dem Nichts an, führt dann im Pizzicato der Kontrabässe im einleitenden Adagio zu choralartigen Passagen der Streicher und Bläser. Erst danach werden die Hauptthemen vorgestellt und mit den Choralmotiven in der Durchführung verarbeitet. Blomstedt, der von sich sagt, im Alter immer schneller zu werden, ging zügig in diesen Satz, ließ die großen Steigerungen zum Fortissimo aufblühen, gestaltete aber auch die Diminuendi organisch fließend und ohne Brüche. Das Orchester, erfahren in der spätromatischen Welt zwischen Wagner, Reger und Mahler, folgte dem Dirigenten in offensichtlich tiefstem Vertrauen, stellte dieses Klanggebäude immer eindringlicher zwischen die aufstrebenden Mauern und Pfeiler des Kaiserdoms.

Blomstedt ließ auch den zweiten Satz fließend beginnen, mit der suchenden, fast erschütternd weltabgewandten Melodie der Oboe: Bruckner hat ihren duolischen Rhythmus über ein triolisches Fundament gelegt. Mit einer berührend trostvollen Kantilene lösen die Streicher diese Klage ab, überirdisch schön von den Musikern gespielt. Auffallend eindrücklich war die Wirkung der Septsprünge, die die Bläser aus der Melodie heraushoben. Rondoartig wechselten Trauer und Trost, ehe sich die Oboenstimme zum leise verklingenden Schluss versöhnlich aufhellte.

Bruckners Scherzo war ein besonderes Vergnügen! Nach so viel Ernst in den Sätzen davor ging es locker, ausgelassen, ja fast witzig zu. Dabei beginnt er mit einem Kunstgriff und nutzt den Themenkomplex des Adagio noch einmal wie in einer Persiflage. Ländler-Wonnen kommen auf, die Bruckner gegen das innige Seitenthema in genießerischer Zweistimmigkeit setzt. Es war beinahe eine Lektion in Beweglichkeit, wie der neunzigjährige Blomstedt diese Freude in der tanzenden Bewegung seines Körpers zeigte. Das vorzüglich disponierte Orchester folgte seinen Intentionen mühelos: es spielte in allen Gruppen kraftvoll, oft kammermusikalisch subtil, expressiv, mit großem Ton und nie nachlassender Spannung. Und das zarte, durchsichtige Trio schien nur auf den launigen Hornruf zu warten, ehe es sich munter in Bewegung setzte.

Wie im Kopfsatz eröffnet ein Adagio das Allegro moderato des Finale, und in unfassbarer Meisterschaft führt Bruckner die Themen der vorigen Sätze auch in diesen Schlusssatz ein; Sonatensatz und Fugen werden kühn miteinander verknüpft. Hier ging Blomstedt etwas verhaltener zu Werk, so dass in der Schlusssteigerung klar Fugenmaterial und Hauptthemen erkennbar blieben, über die die Blechbläser zur Apotheose einen mächtigen Choral wie aus gleißendem Licht wölbten. Nach einer langen Stille frenetischer Beifall des ergriffenen Publikums!

Die Würdigung des Ehrendirigenten auf der Homepage der Symphoniker bringt es auf den Punkt: „Nobel, charmant, uneitel, bescheiden“ – prägnanter kann man die Eigenschaften von Herbert Blomstedt nicht ausdrücken, mit denen er die Musiker, die seinen Vorstellungen Klang geben, und die Zuhörer, die er durch die Klangwelt großer Symphonik führt, überrascht und verzaubert.