Balletttänzer proben meistens zusammen mit einem Pianisten. Und auch das Ballett Russe des Impresario Serge Djaghilev hat zur Erarbeitung der Choreographie von Le Sacre du printemps die Musik von Igor Strawinsky in einer Klavierbearbeitung erhalten und  eingeübt. Es heißt sogar, dass Claude Debussy diese Bearbeitung in häuslichem Kreise zusammen mit Strawinsky gespielt haben soll. Dieses Arrangement ist für Klavier vierhändig, wurde aber von Momo und Mari Kodama  an zwei Klavieren vorgetragen, was dem Klang und der visuellen Präsenz bei ihrem Konzert in Amsterdam zugutekam.

Mari und Momo Kodama © Carolien Sikkenk
Mari und Momo Kodama
© Carolien Sikkenk

Die Ausführung des Sacre bestach durch die fühlbare Konzentration der Pianistinnen. Das Publikum wurde nicht durch 100 Musiker abgelenkt, sondern stattdessen von zwei großartigen Solistinnen durch die farbenprächtige Monsterpartitur geleitet. Alle Noten waren glasklar und mit der richtigen Energie hörbar und auch sichtbar, was sogar dem Kenner dieses nun 105 Jahre alten Meisterwerkes viele neue Einblicke in die geniale Kompositionstruktur gab.

Mit welcher rohen körperlichen Gewalt man einen Konzertflügel bearbeiten beziehungsweise bespielen kann, habe ich vor diesem Konzert nicht gewusst. Die Schwestern Kodama haben eine sehr unterschiedliche Armhaltung beim Musizieren – während Mari Kodama ihren Unterarm in einem Winkel von exakt 90 Grad zu ihrem Oberarm hält, ist der Unterarm ihrer 5 Jahre jüngeren Schwester Momo meist vom Ellbogen schräg nach unten abgewinkelt. Beide Pianistinnen aber gebrauchen ihre Arme an bestimmten Stellen wie Schlagstöcke, um die in der Partitur vorgeschriebene extreme Lautstärke zu erzeugen.

Als Konzertsolistinnen spielen beide Schwestern ein unterschiedliches Repertoire. Mari hat alle Beethoven Klaviersonaten aufgenommen und spielt unter anderem das Klavierkonzert von Carl Loewe. Momo spielt alles von Messiaen und hat gerade Debussy und Hosokawa aufgenommen. Dieser unterschiedliche Musikgeschmack macht das Duospiel der beiden zu einem sehr spannenden Erlebnis. In Interviews beschreiben beide hochkarätige Interpretinnen ihre noch junge Zusammenarbeit als Klavierduo als fruchtbar. Mit seiner Schwester ist man offen und erlaubt sich, heftige Diskussionen auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck, doch am Ende macht es auch viel Spaß, sagen beide. Und das sieht man, genauso wie man das Ringen um ein gemeinsames interpretatorisches Endergebnis hört.

So wechselten sie sich im Register ab. In den Souvenirs von Barber spielte Mari die zweite Stimme im unteren Register und gab sehr deutlich den Ton an. Sie trieb die Rubati an und beeinflusste äußerst gekonnt die große dynamische Bandbreite. Immer wieder fiel ihr kräftiger Ton auf, der wie im Walzer oder im Tango auch Derbheit nicht scheute. Mit viel Witz und Eleganz kamen auch die Nebenstimmen zu ihrem Recht. Momo Kodama kommentierte im oberen Register die von amerikanischen Barpianisten inspirierten Tanzstücke meisterhaft mit modernen Farbtupfern.

Mit der Uraufführung von El Torcal des jungen Franzosen Rodolphe Bruneau-Boulmier wurde das Publikum zu einer Reise in die geologische Vergangenheit eingeladen. Das Stück beschreibt die Karstlandschaft des heutigen Naturreservats in Andalusien und so hörte man im ersten Teil beherrscht vorgetragene Akkordblöcke mit wenig Bewegung gefolgt von Etüden-artig schnellen Figuren mit viel Klanggewalt. Der dritte Teil ist lyrisch und zart, man wähnte sich in einer Unterwasserwelt. Rhapsodische Klangbilder evozierten mit immer denselben Harmonien und Figuren Gesteinsformationen aus Tropfsteinhöhlen. Das Stück endete sehr gefühlvoll im dreifachen Pianissimo.

Halleluja Junction, so heißt eine Autobahnraststätte an der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien an der John Adams auf seinem Weg in die Wüste des Öfteren vorbeikam – er hatte auch seine Autobiografie nach diesem Ort benannt. Der Name inspirierte ihn ebenfalls zu einer Komposition für zwei Klaviere. Hier swingte Momo Kodama sichtbar vergnügt und genoss das Jazzidiom. Das Stück im Stil der Minimal Music verbindet verträumte Ruhe mit atemloser Spannung, in dem man die versengende Hitze der Gesteinswüstensonne spürt. Die Schwestern Kodama musizierten aus dem Bauch bei vollem Bewusstsein und mit vollem Risiko. Der erste Satz atmete den Spaß am Spiel mit Rhythmen, während im verträumten zweiten Satz beeindruckte das mühelose Abwechseln und Übergeben von Stimmen und rhythmischen Figuren. Nach dem Baukastenprinzip wurden diese ausprobiert, ineinander verschachtelt und zu immer längeren Perioden zusammengefügt. Zum rasanten Ende hin wurden die unterschiedlichen Temperamente der Interpretinnen einmal so deutlich, dass man kurz den Eindruck hatte, als kämen beide nicht gemeinsam ans Ziel.

Nichts davon war nach der Pause noch zu spüren. Auch die Körpersprache der Pianistinnen hätte unterschiedlicher nicht sein können. Jetzt war alles an seinem Platz. Pures körperliches Spiel entfaltete eine hemmungslose Urkraft bei gleichzeitig überwältigender Präzision und Durchsichtigkeit im Klangbild. Der zweite Satz Le sacrifice sprühte von lockerer Eleganz und punktgenauem Zusammenspiel, so als stünde dieses Stück schon seit Jahren auf dem Konzertprogramm der Kodama-Schwestern.

Ravels dritter Satz Laideronette, Kaiserin der Pagoden aus Ma mère l’oye, wieder wie Barber an einem Flügel gespielt, bildete den poetischen Abschluss eines erlebnisreichen Klavierabends, der beiden Schwestern sicher einige neue Fans beschert haben wird.

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