Na das fängt ja gut an! Pure tone für pure Beethoven. Und Beethovens Fünfte mit ihrem bekanntesten und markantesten Motivanfang der Musikgeschichte überhaupt. Dirigentenlegende meets Werklegende. So hatte man sich das wohl alles gedacht, als das London Philharmonic Orchestra seine Tournee mit dem unangepassten, bald fünfundachzigsten Geburtstag feiernden Vibratoschneider Sir Roger Norrington plante, die – begonnen im Dezember – unter Austausch des Saint-Saëns-Klavierkonzerts mit reinem Beethoven in den Niederlanden und Belgien beendet werden sollte. Wäre da nicht Norringtons hartnäckige Schulterverletzung dazwischen gekommen, die jetzt sogar eine Operation notwendig machte, sodass ihn abermals Jaime Martín ersetzte.

Jaime Martín © Chris Dunlop
Jaime Martín
© Chris Dunlop

Umstellen mussten sich die Musiker dafür allerdings insoweit nicht, als der Chefdirigent des Gävle Symphony Orchestra bereits den ersten Tourteil übernommen hatte, die Programmierung der Konzerte aufrecht erhielt und auch sonst ein alter Bekannter war, schließlich saß Martín selbst als erster Flötist früher in den eigenen Reihen. Kontinuität versprach überwiegenden Teils zudem die Aufstellung und dienstplanmäßig eingeteilte Besetzungsgröße für das Norrington-Projekt, sprich 10-10-6-6-6 bei den Streichern im Wiener Arrangement, wobei Bratschen und Celli in der Mitte ihre Plätze tauschten, und der Flügel wurde im Gegensatz zu Norringtons Wahl „neu-klassisch“ hinter dem Dirigentenpult postiert.

Den guten Anfang hätte Beethoven auch mit seiner Leonore gerne gehabt, zeugen nicht alleine vier unterschiedliche Ouvertüren sowie einige Abänderungen, Kürzungen und Revisionen von seiner Mühsal mit der Oper. Auf der Agenda stand die Nr. 2 des Vorspiels, also das erste von 1805, quasi Programmvorschau im Zeitraffer. Denn sowohl Beethovens „Emperor” als auch die Symphonie stellen Neuerungen und hörbare Heldenerzählungen unter anderen politischen Erkenntnissen dar. Positiv überraschend legte das Orchester in der langsamen Einleitung jene vibratolose beziehungsweise sehr vibratoreduzierte, aber mit Phrasierung und Betonung belebte Spielweise an den Tag, als versuchten alle, Norrington und dem Publikum zumindest einige Genesungswünsche zu übermitteln. Die Holzbläser, insbesondere Flöte und Hörner, traten mustergültig hervor und unterstützten ein klares, transparentes Klangbild des LPO, das in voller dynamischer Stufe mit gewaltigen Akkorden zu ganzer Pracht geführt wurde.

Nach der Kontrabass-Überleitung zum allegrierten Furioso begann sich letzten Endes, die Herangehensweise Martíns durchzusetzen, in dem die Celli mit ihrem Motiv vibratomäßig den Anfang machten vom Verlassen der Norrington-Linie, sich der Dirigent dem hart-strahlenden, festlichen wie alarmistisch-stechenden Blech mit einwirkenden, deutlichen Einsätzen zuwandte und in breitbeinig-sicherem Stand die Aufruhr entfachte. Diese geriet jedoch – ebenso in der Tempowahl – nicht zu theatralisch überspitzt, sodass die Wachentrompete, die sich hinter der Bühne befand, eben eher als willkommenes Symbol für die Ankündigung und Begrüßung des neuen Jahres aufgefasst werden konnte.

Voluminös weiter ging es mit dem besagten Fünften Klavierkonzert, in dem die „Wachen-Trompeten“ (auf der Bühne) abermals aufmerkten, genauso wie die diszipliniert bravourösen Hörner und das exzellente Holz, aus dem die erste Flötistin natürlich mehr heraussingen durfte. Vor allem die ersten Violinen bemühten jetzt deutlich ihr Vibrato, allerdings variierte der Einsatz inkonsequenterweise von den Streichergruppen und sogar zu Pulten untereinander. Es sollte hier noch ohne Verlust an Kontrastschärfung bleiben. Wie die harten, strikten Einsätze Martíns schlug Solist Arseny Tarasevich-Nikolaev akzentreich und scharf an, womit er den Grundstein legte für eine kraftvolle, fleischige, klare und ebenso kontrastreiche Wiedergabe. Organisch und stringent bot er unbekümmert und unmanieriert eine Gefühlspalette von grob bis feinsinnig im schnellwandelnden Allegro auf, sodass sowohl das Melodisch-Lyrische als auch im wiederkehrenden dunkleren, strengen, aufrührerischen Gewühl das Dramatische, Textuelle und Farbige leicht herauskam.

Hatte Martín vorher die Luft mit seinem Taktstock durchschnitten, legte er ihn für die weiteste Strecke des zweiten Satzes ab. Die Zeit schien fast still zu stehen, berauscht am verweilenden Gedanken der Schönheit, jedoch ebenfalls endgültig verabschiedet vom Gedanken der anfänglichen Vibratolosigkeit und Ausdrucksstärke. Sehr „klassisch“, im Tempo und im Orchester dann zunehmends zu klebrig, eröffneten Tarasevich und Martín das Rondo, das Motiv (auch agogisch) abgesetzt und mit gewollten betonten Brausern. Der Frische und Verlässlichkeit alle Ehre machten einmal mehr Trompeten und Hörner, wobei sich – nach dem kurzen, rasanten, grimmigen Mittelteil – das Piano Tarasevichs im Da Capo glücklicherweise als Tempobelebung erwies. So bewahrte es davor, dass die musikalischen Spritzer nicht zu sehr in gewohnte Breite und Beliebigkeit, sondern akkurat in die Höhen gingen, die sein Spiel trotz alledem hatte.

Ja, wieder die Fünfte. Das vermittelten zumindest die Gesichter der Musiker, die ein wenig gleichgültig dreinblickten und auf den Plätzen angewurzelt da saßen. Kein Wunder also, dass das Feuer bei allem Rabiatem selbst im Jubelsturm des Symphonie-Finales mit einzelnen Akzenten, der Hingabe zum Blech und dem erlösenden Wiederfinden des zwischenzeitlich etwas verlorengegangenen à tempo (der den fortschreitenden Verlust an Klarheit nicht übertünchen konnte) nicht übersprang sowie das Scherzo zu statisch ohne Überraschungseffekt daherkam. Umso verwunderlicher aber, dass in puncto Vibrato jeder spielte wie er wollte, obwohl zu Beginn des ersten Satzes jegliches Wobbling wieder gedrosselt worden war. Martíns Bewegungen nahmen immer größeren Umfang ein, im Gegensatz zur Dynamik, die eindimensional nur noch laut war. Zwar irgendwie also mit voller Kraft, aber doch nur halber Beethoven pur.

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