Gleich drei bekannte Musikerpersönlichkeiten, die sich zudem der sogenannten historischen Aufführungspraxis verschrieben haben, stammen aus Simmern, der schnuckeligen Kleinstadt im Hunsrück: Blockflötistin Dorothee Oberlinger sowie die Dirigenten-Brüder Christoph und Andreas Spering. Anlass für Christoph, endlich einmal eine Konzertreihe ins Leben zu rufen, die sie unter „Simmern 5“ (zu den dreien kommen noch Organist Dan Zerfaß und Regisseur Edgar Reitz hinzu) nach Touren und Auftritten in der ganzen Republik und Europa in die Heimat zurückführt. So war es schließlich an dem Gründer und Leiter von Das Neue Orchester mit Sitz in Köln und künstlerischer Residenz im bayerischen Blaibach, seinen Beitrag mit Beethoven, Mahler, Schubert/Reger und gerade Dvořáks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ zu leisten. Mit Thomas E. Bauer hatte er in gar beinahe familiärer Zusammenarbeit den Bariton-Solisten an seiner Seite, der Intendant des Blaibacher Hauses ist. Tag der Einheit eben.

Thomas E. Bauer © Marco Borggreve
Thomas E. Bauer
© Marco Borggreve

Im Zeichen des deutschen Kulturguts schlechthin, der Dichtung des 19. Jahrhunderts, stand dabei der erste Konzertteil, den das Orchester mit Beethovens Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus recht stürmisch, mit besonders durchhörbaren Holzbläsern begann. Und das völlig ungewohnt sowie gerade bei diesem Repertoire unerwartet und unhistorisch in nicht-antiphoner Aufstellung. Stattdessen verursachte die Positionierung sogar Platzprobleme auf der rechten Seite. Erstmals auf historischem Instrumentarium und in Mahlers vorgesehener kleinerer Besetzung erklangen im Anschluss drei Rückert-Lieder, zunächst das von Max Puttmann orchestrierte Liebst du um Schönheit, zu dessen lyrischer, sinnlicher Ruhe Bauers weiche, warme, samtene Stimme passte, die seine Liederfahrung einmal mehr offenbarte. Dazu in bestechender Betonung, Diktion und Verständlichkeit vorgebracht, notwendige und seinen Bariton lobenswert auszeichnende Attribute, die eine mit Blicke mir nicht in die Lieder bessere Balance des Orchesterpartners – durch Streicher con sordino – umso offenkundiger machte. Obwohl in dieser besonderen Version Neuland (man merkte es nur kurz) und ohne übertriebene, pathos- und patinabelegte Ausschweifer, geriet auch das Ich bin der Welt abhanden gekommen mit stimmungsvollem Holz. Besonders Englischhorn, Fagotte, B-Klarinetten, Harfe und Solovioline, bei Bauer das phrasiert-extrapolierte „Ich bin gestorben dem Weltgetuemmel“ ließ keine Einfühlsamkeit vermissen.

Kernig, luftig und reaktionsschnell erwies sich der Solist in den von Max Reger arrangierten Schubert-Liedern, denen ein Mahler weißgott nicht fremder Ballett-Ländler Rosamundes vorausging, der durchaus noch mehr Pointierung vertragen hätte. Mit Schuberts Prometheus griff Spering den Anfang wieder auf, den Bauer mit seiner textlich geschulten Werk-Dramatik befruchtete. Diese nahm das Neue Orchester in seiner wütenden Untermalung ab Strophe vier spürbar an und führte die Vertonung zu ihrem trotzigen, triumphalen Abschluss. Schmeichelte schon die kräftige, erlösende, feierliche Kurzode An die Musik sowohl Sänger als auch allen Zuhörern, gingen Theatralikvermögen von Bauer und Sperings Musikern in Goethes Erlkönig auf: ein operaler, direkter, einnehmender Parforceritt von dialogspinnendem Vater und Sohn, lebhaft und kontrastreich.

Noch größeres Neuland schien tatsächlich mit Dvořáks Neunter Symphonie zum zweiten Teil des Festkonzerts betreten worden zu sein. Nicht was für den spezialisierten Kenner eine Wiedergabe auf historischen Instrumenten und deren Stimmung an sich betrifft, wohl aber für das Orchester, bei dem ab und zu ein ausgefeilteres Gespür und Routine gut getan hätten. Beispielhaft der etwas zu kontrastarme und unüberraschende Beginn des Kopfsatzes, die zwei zu laut gesägten Kontrabass-Schlussakkorde des Largo, kleinere Intonationsmakel im Scherzo oder die ersten Wackler der Trompetenfanfare sowie leider die Horn-Verspieler in den letzten Themenfeuern vor der Coda im Finale. Für das nervige Übersteuern der Mikrofone konnten sie nichts. Vielleicht fragt sich der ein oder andere jedoch jetzt und generell immer noch, ob dieses Repertoire überhaupt historisch erkundet werden muss. Es muss, denn – sogar ganz ohne Instrument – oft hält sich nach wie vor die durch Dvořák selbst widerlegte Legende von hörbaren amerikanischen Einflüssen in diesem Werk. Lediglich vordergründig bildete nämlich Henry Longfellows Epos über Indianerhäuptling Hiawatha die Grundlage zur Symphonie, wozu der Komponist klarstellte: „Diesen Geist habe ich in meiner neuen Symphonie zu reproduzieren versucht, ohne die Melodien tatsächlich zu verwenden.“ Spieltechnisch hat sie ihre Berechtigung auf älteren Instrumenten, da die New Yorker Philharmoniker der Uraufführung 1893 aus Einwanderern bestanden, die ihre mitunter betagteren Geräte mitnahmen.

Die Reproduktion deren Urtümlichkeit und der beliebten böhmischen Heimatklänge bereicherte die meistgespielte romantische Symphonie also wirklich, als käme sie heute aus einer neuen Welt, vor allem in den schrofferen, kantigeren, wilden Passagen des Allegro molto. Zudem profitierten davon die lieblichen, florierenden Liedmelodien des Holzes im ersten und zweiten Satz, das seine Wärme und natürliche Eigenheit wieder präsenter wie vorher gegen den nun auch mehr vibrierenden Streicherverbund (vor allem mit transparenten Celli) einbrachte. In und nach dem robust offengelegten Molto vivace steigerten die Musiker – man kennt es bei Spering – die Motive von Wiederholung zu Wiederholung in Phrasierung und Esprit, hier diesmal ausdrücklich prominent Hörner und Pauken. Sehr zügig, ohne Rubati oder Temporückgang in den lyrischen Einschüben, endete die neuerliche Rückkehr in die alte Heimat zum Tag der Deutschen Einheit.

***11