So wirklich weg war Igor Levit nicht, als die Konzertsäle weltweit geschlossen haben. Auf Instagram und Twitter hat Levit mehr als viele seiner Kollegen für Programm gesorgt. In München stand er nun auch endlich wieder auf der Bühne. Gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte er vor 100 Zuhörern Beethoven – natürlich in diesem Jubiläumsjahr, das so recht kein Beethovenjahr mehr sein will.

Igor Levit © Astrid Ackermann
Igor Levit
© Astrid Ackermann

Die Zeit des musikalischen Home-Offices hat Levit auch genutzt, um seine politischen Forderungen dem Zeitgeist anzupassen. Bei solch markigen Ansagen überrascht es, dass Levit gerade mit einem Werk seines Leib- und Magenkomponisten in der Philharmonie nicht so recht warm werden mochte. Das mag verschiedene Gründe haben. Zum einen ist es das Werk an sich. Beethovens Zweites Klavierkonzert ist eben kein heroisches Großgemälde wie das Fünfte. Auch im Vergleich zu Beethovens Erstem erreicht das Konzert nicht wirklich die drängende dramatische Prägnanz. Tatsächlich steht Beethovens Zweites Klavierkonzert chronologisch noch vor dem ersten und ist noch ganz im klassischen Stil komponiert und so spielte Levit es auch. Das war gut, vor allem da er sich nicht scheute, die Nähe zum Klangkosmos eines Mozart herauszustellen. Schade, dass er dabei nicht konsequent in seiner Interpretation blieb. Ja, Levit kann sich in die feinen perligen Klangstrukturen einfühlen, das Adagio war wunderbar klar musiziert, dennoch verfiel Levit streckenweise in einen Säuselton, der den Beethoven eher nach einem Chopin klingen ließ. Ganz von Unschuld freisprechen durfte sich dabei allerdings auch Dirigent Franz Welser-Möst nicht. Allzu breit legte der Österreicher die Tempi an, orchestrales Feuer entwickelte sich so wenig. So war das Ergebnis nicht wirklich eine Werbung für das Klavierkonzert, das es gegen seine übermächtigen Geschwister ohnehin nicht ganz leicht hat.

Franz Welser-Möst © Astrid Ackermann
Franz Welser-Möst
© Astrid Ackermann

Als Zugabe spielte Levit einen jazzigen Bossa Nova-Schlager von Antônio Carlos Jobim. Hier säuselt das Klavier wieder, hier passte es allerdings ganz gut.

In der zweiten Konzerthälfte ging es unter Welser-Möst weiterhin traditionell zu. Mit Mozarts Prager-Symphonie blieb der gebürtige Linzer der Wiener Klassik treu und die 38. Symphonie lag ihm mit ihrer dramatischen Grundstimmung deutlich besser. Sicher, modern war auch diese Interpretation nicht, dennoch hatte sie ihren Charme. Die BR-Symphoniker spielten mit sattem Klang, deutlich dichter als noch beim Beethoven zuvor. Die gravitätische Einleitung des Kopfsatzes lastete in der Philharmonie schwer wie Blei, umso größer gestaltete sich so der Kontrast zum energischen zweiten Satzteil. Das Ganze leitete Welser-Möst in gradliniger Gestik ohne Schnickschnack. Mal formte er die Linien der hervorragend farbig spielenden Holzbläser, sonst hatte man nicht den Eindruck, dass Welser-Möst die Musiker wirklich mitreißen wollte. Das ist insofern erstaunlich, da der Österreicher auch zu den Kandidaten gehört, die für die Chefdirigentenposition gehandelt werden. Nach seinem aktuellen Gastspiel bleibt jedoch der Befund, dass es doch Dirigenten gibt, die musikalisch Aufregenderes zu bieten haben – zumindest, wenn es um die Wiener Klassik geht.


Das Konzert ist auch als Stream verfügbar. Klicken Sie hier für den Video-Mitschnitt.

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